500 Dollar für ein Menschenleben
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Von Barbara Lochbihler
Artikel vom 24.11.2009
Es geschah vor 25 Jahren und ist noch heute aktuell. Das Unglück im indischen Bhopal mit tausenden Todesopfern muss dringend aufgearbeitet werden, fordert die Europaabgeordnete Barbara Lochbihler in der news.de-Kolumne.
Am 3. Dezember 1984 explodierte in einer Pestizid-Fabrik im indischen Bhopal ein Tank mit hoch giftigem Methylisozyanat-Gas. Mindestens 7000 Menschen starben in den Folgetagen, insgesamt forderte das Unglück nach offiziellen Schätzungen 15.000, nach inoffiziellen 30.000 Todesopfer. Mehrere hunderttausend Menschen leiden bis heute an Krankheiten, die durch das ausströmende Gift verursacht wurden: Verätzungen, Blindheit, Lähmungen, Lungenprobleme, Herz-, Magen-, oder Nierenprobleme, Unfruchtbarkeit. Zahlreiche Babys kamen mit Missbildungen zur Welt.
Doch nicht nur deshalb müssen wir uns noch immer mit der Katastrophe von Bhopal beschäftigen. Bis heute ist der Eigentümer der Fabrik, die US-amerikanische Union Carbide, ihrer Verantwortung für den Unfall nicht gerecht geworden.
Erst nach langen Verhandlungen zeigte sich der Chemiekonzern, der inzwischen dem US-Unternehmen Dow Chemical gehört, zu einer bescheidenen Entschädigungszahlung an den indischen Staat bereit. Von den 470 Millionen US-Dollar, etwa ein Zwanzigstel des damaligen Jahresumsatzes von Union Carbide, sahen die überlebenden Opfer jedoch ohnehin nur eine lächerliche Summe. Sie erhielten durchschnittlich eine einmalige Zahlung von etwa 500 Dollar, zu wenig, um auch nur eine halbwegs adäquate medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen.
Zudem weigert sich Dow Chemical bis heute, für die Reinigung des vergifteten Geländes aufzukommen. Und so fordert die Katastrophe von damals noch immer neue Opfer unter den Anwohnern. Zum Beispiel, weil die Menschen verseuchtes Wasser trinken müssen.
Das Verhalten des Chemiekonzerns nach dem Unfall ist aus Menschenrechtssicht ein Verbrechen – eines unter vielen, für die internationale Konzerne weltweit verantwortlich sind. In zahlreichen Ländern nutzen die Unternehmen geringe Sicherheitsstandards, laxe Umweltbestimmungen oder fehlende Arbeitsrechte, um möglichst hohe Gewinne zu erzielen.
In Ecuador hinterließen Erdölkonzerne verschmutzte Böden und zerstörte Regenwälder, hervorgerufen durch die schonungslose Ausbeutung des braunen Goldes im Amazonas. Von Lateinamerika bis Südostasien lassen Bekleidungsfirmen unter menschenunwürdigen Bedingungen Jeans, T-Shirts oder Turnschuhe produzieren und verbrauchen sowie verschmutzen dabei große Menge knappen Trinkwassers. Nur in den wenigsten Fällen müssen sich die Konzerne deshalb vor Gericht verantworten.
Dass sich Dow Chemical über 25 Jahre hinweg aus der Verantwortung stehlen kann, zeigt, wie großzügig noch heute auf internationaler Ebene mit Unternehmen umgegangen wird, die eklatante Menschenrechtsverletzungen verüben.
Derzeit sind es wieder einmal die Opfer selbst, die dafür kämpfen, dass sie zu ihrem Recht kommen. In einem Bus reisen Menschen aus Bhopal sowie Aktivisten aus England durch Europa, um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen: adäquate Entschädigung, Reinigung des verseuchten Geländes, juristische Verurteilung der Verantwortlichen. Hier ist auch die Europäische Union gefordert. Sie muss Druck machen, damit diese Forderungen erfüllt werden. Etwa gegenüber der indischen Regierung, damit diese endlich eine Bhopal-Kommission einrichtet und mit entsprechenden Mitteln ausstattet.
Vor allem aber muss die EU dafür sorgen, dass solche Katastrophen künftig verhindert werden. Europäische Unternehmen, die in Drittländern produzieren lassen, müssen in einen engen gesetzlichen und politischen Haftungsrahmen eingebunden werden. Nur so können wir dem Ziel näher kommen, dass die Konzerne in Zukunft keine Menschenrechtsverletzungen verüben.
Barbara Lochbihler ist Mitglied im news.de-Kolumnistenkreis und sitzt seit Juli für die Grünen im EU-Parlament. Zuvor war sie Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland. Lochbihler hat Sozialpädagogik, Internationales Recht, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft studiert.
mik/reu/news.de
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Diese moralisierende Polemik ist die Pest für die verantwortungsbewusste Politik.500 Dollar Entschädigung haben mit Menschenleben und Industrieunfälle nichts mit Eigentümerverantwortung zu tun.Jedoch beides viel mit der Unfähigkeit der Politik zur sachgerechten Entscheidungsfindung. Der Mensch gilt nichts, und der Mangel an Sicherheit ist ein Standortvorteil. Dies ist die einhellige Meinung aller Schurken des Politikbetriebs, gleich ob es sich um einen Krieg handelt oder um Wirtschaftswettbewerb. Die Kriegstreiber jedoch werden von den Betroffenheitswettbewerber noch in den Schatten gestellt.
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