Mo., 13.02.12
Wieder vereint

Walzer an der Grenze Die tanzenden Eltern von Ursula von der Leyen

Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Hessen

Artikel vom 13.11.2009

20 Jahre nach dem Mauerfall haben Gemeinden begonnen, Schilder an die ehemalige Grenze zu stellen. Jede Einweihung ist ein Fest der Erinnerung. Eine Geschichte über rote Rosen, die tanzenden Eltern von Ursula von der Leyen und eine alte Weinschenke.

Wenn Tresen reden könnten. Einige hätten sicherlich viel zu erzählen. Einer, von dem man gern etwas erfahren würde, steht in der «Weinschenke», der angeblich ältesten Gaststätte Sachsen-Anhalts im Örtchen Hessen. Der Tresen ist aus Holz und sieht weder modern noch besonders alt aus. In der kleinen Gaststube wirkt er fast erschlagend. So groß ist er und wuchtig mit Streben bis unter die Decke. Die Weinschenke wurde laut Wirt am 24. Juni 1395 das erste Mal urkundlich erwähnt. Aber das entscheidende Datum der Schenke ist der 12. November 1989.

Damals, vor 20 Jahren also, feierten Ost- und Westdeutsche zusammen und ausgelassen am Tresen in der Schenke die Grenzöffnung. Der Zaun verlief keine drei Kilometer entfernt. Morgens, Punkt 7.58 Uhr, war der Stacheldraht gefallen und die ersten überquerten den Todesstreifen ohne Sondergenehmigung und Kontrolle. In der Nacht noch hatten Grenztruppen der DDR zusammen mit dem Bundesgrenzschutz Draht und Pfosten demontiert und einen provisorischen Übergang gebaut.

Nun, 20 Jahre später, erinnert ein Schild an Datum und Uhrzeit des historischen Ereignisses. Die sogenannte Brocken-Erklärung, ein Geschichtsprojekt zu 20 Jahren Grenzöffung, macht es möglich. Entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Lübeck und Bayerischem Wald werden 109 solcher Tafeln aufgestellt. Meist genau zu jenem Zeitpunkt, als die Mauer fiel. Das Enthüllen der Tafel ist zwischen Hessen und Winnigstedt wie ein kleines Fest - ein Fest der Erinnerung.

Der ehemalige Todestreifen bei Hessen nahe der Waldschenke ist ein karger Landstrich. Keine Bäume, alles Acker und Wiesen. Die Sicht ist kilometerweit, wäre nicht morgens der Nebel, der über den Wiesen aufzieht. Die Sonne müht sich, hindurch zu scheinen. Ein hellbrauner Hund tollt auf dem Gras. Das Herrchen wandert gemütlich hinterher. Beide verschwinden im Nebel.

Um die Szene, die vor 20 Jahren noch unmöglich gewesen wäre, genau erkennen zu können, würde ein Blick vom Grenzturm genügen. Doch der ist verschlossen und leer. 20 Jahre nach dem Mauerfall steht er da wie ein Relikt aus einer unwirklichen Zeit - und er ist unter Denkmalschutz gestellt. Ein rechteckiger Turm mit Grauputz, der hier und da bröckelt. Unter dem Dach sind Fenster, die den Blick nach allen Himmelsrichtungen ermöglichen. Er steht einsam und verlassen an der heutigen Bundesstraße 79.

Am Fuße des Turms haben sich Hunderte Menschen versammelt. Es spielt ein Posaunenchor aus dem Westen, es spricht Karl-Heinz Daehre, ein Minister für Verkehr und Entwicklung aus dem Osten, es predigt ein Pfarrer aus dem Westen. Das Erinnerungsschild wird enthüllt. Und dann redet ein Zeitzeuge aus dem Osten: Enrico Kretschmar. Nach seiner Ansprache zittern ihm noch viele Minuten die Knie, so bewegt ist er ob seiner Erinnerungen. Er war der erste frei gewählte Bürgermeister 1990 in Hessen und am 12. November 1989 an der Grenze.

Zuvor arbeitete Kretschmar in der Landwirtschaft. «Wir brauchten für das Bearbeiten der Felder an der Grenze eine Sondergenehmigung», sagt er. Aus dem Traktor sah er den Turm. «Mir war immer mulmig zu Mute.» Gegen Mittag am 12. November 1989 machte er sich auch auf den Weg in Richtung Grenzübergang. Doch es war kaum ein Näherkommen. In langen Schlangen standen die Trabbis und Wartburgs auf Feldwegen, um erstmals in den Westen zu fahren. Vier bis fünf Stunden Wartezeit.

An die vielen Autos erinnert sich auch Christa Ehlers. Die agile 75-Jährige ist vor 20 Jahren aus Wolfenbüttel vom Westen her an die Grenze gekommen. «Ich habe alle roten Rosen und Nelken in den Blumenläden der Umgebung aufgekauft und jedem Ostdeutschen an der Grenze eine Blume ins Auto gesteckt», sagt sie. Als Begrüßung.

Christa Ehlers ist damals wie auch nun - 20 Jahre später - , genau wie Hunderte andere, zur Weinschenke gewandert. Sie haben auf die offene Grenze angestoßen und gefeiert. «Es war ein großes Fest», sagt sie. Wenn doch der Tresen Näheres erzählen könnte. An eines wird er sich sicherlich erinnern können. Vor 20 Jahren war auch der damalige Ministerpräsident Niedersachsens in der Schenke. Er tanzte zusammen mit seiner Frau vor Glück einen Walzer zur Drehorgelmusik.

Es war das Ehepaar Heidi Adele und Ernst Albrecht: die Eltern der jetzigen Familienministerin Ursula von der Leyen.

iwe/news.de
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Walzer an der Grenze: Die tanzenden Eltern von Ursula von der Leyen » Politik » Nachrichten

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Leserkommentare (7)
  • Kommentar: 7
  • 21.11.2009 10:49
von
Urs Demuth

Warum hört denn keiner auf den Allwissenden?

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  • Kommentar: 6
  • 15.11.2009 11:09
von
ragnaroekr

Mancher mag hier zu Landen ein persönliches Schicksal erlitten haben, das auch von den Betonköpfen der Politik mitbestimmt worden war. Wenn dem so ist, dann liegt doch eine persönliche Verantwortung vor, die sagt, das was von mir an "Tugenden" verlangt wurde, ist grottenfalsch. Dann steht ein Menschenbild in Freiheit wider das Menschenbild von Untugenden.Nenn diese Un/Tugenden Gerechtigkeit, Nationalismus,Faschismus, Kommunismus - alles freiheitsfeindliche Lebensvorschriften wider ein Menschenbild der Zukunft.R unterstellt nichts, er analysiert die Unverantwortbarkeit des menschl. Scheiterns.

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  • Kommentar: 5
  • 14.11.2009 20:17
von
Ole
Antwort auf Kommentar 4

Das ist wieder die reine Unterstellung.Armer Oberon, Uranus schimpft mit dir.Ich habe mit meiner Mutter in drei Fluchtversuchen die DDR und auch den Dachdecker aus dem Saaland verlassen.Zwei mal erwischt,Mutter im Knast und ich im Jugendarrest. So viel von mir.Afghanistan sei ein Sozialdemokratisches Produkt?Da haben die Russen ihr "Vietnam"erlebt und die US-amerikaner,Engländer,Dänen..und ,und Deutsche erleben es jetzt.Schon vergessen,Frau Merkel wollte ja sogar mit dem"Dabbelju"in den Irak,Krieg für Öl?Ole ist es gelungen seine Meinung dem Forum kund zu tun.

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  • Kommentar: 4
  • 14.11.2009 16:17
von
ragnaroekr
Antwort auf Kommentar 3

Ole ist es wieder einmal gelungen, auf knappstem Raum Dummheit mit der Lüge zu verknüpfen. Die Lüge besteht schon darin, dass Afg. ein sozialdemokratisches Produkt ist. Oder hat etwa nicht Struck von der Verteidigung der Freiheit am Hindukusch geschwärmt. Im Komm. ging es um die Freiheit von Unterdrückten durch den Altbolschewismus. Und die Freude der Menschen über die Zukunft. Auch von großen Menschen. Dieses erhabene Erlebnis ist jedoch dem Ideologen Ole ein Gräuel, weil der Hohnecker´s Steinzeitkommunismus ewig rühmen will. Es gibt eben ewig Gestrige mit verklemmtem Geschichtsbewusstsein.

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  • Kommentar: 3
  • 14.11.2009 00:12
von
Ole

Die Idee der Gerechtigkeit ist jetzt in den Händen der cdu/csu und der Versicherungsvertretung des Vorsitzenden Guido Westerwelle.Was nun gerecht ist,bestimmen N ebel,Jung und Profalla.Der neue Schützenkönig "zu Guttenberg"baut neue Abschussbuden auf;er hat ja Ahnung!War immerhin der beste Wirtschaftsminister aller Zeiten,Opelgrab!Oh,armer Brüderle,dein Aufgalopp im Bundestag,erste..... Was kommt noch?Mein kleiner Mond Oberon wird einen "linken"Regen verantwortlich machen.Kommt der Regen von links,hat er immer Schuld.Beispiel für das "Bürgerdumm"!

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  • Kommentar: 2
  • 13.11.2009 23:49
von
Ole

Kulturstaat eines "verkorkten"Brüderle,im Suff zum Schwesterle:du mein äußerstes Ministerle und Obermackerle der Vereinigung von Gebietsvertretern,zur Vermarktung von Versicherungabschlüssen;schöne Zahnreihen auch im Alter,natürlich privat und nur gegen Barschaft!So ist nun mal die feine Gesellschaft der Edlen und Ehrenhaften,halt der Mehrverdienenden,die jetzt den Staat über Gesetzgebung den Rest noch ausbluten lassen.Freiheit zur Selbstbestimmung-wenn man es sich leisten kann!

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  • Kommentar: 1
  • 13.11.2009 15:29
von
ragnaroekr

Diese Weinlaube müsste zum Weltkulturerbe gekürt werden. Die Lebensverachtung hinter sich und die Lebensqualität in Freiheit vor sich, ein historisches Ereignismonument nach 40 Jahren linker Dunkelheit. Und heute? Die Linke ist wieder im Kommen, sie wird auch nicht durch Opposition gezähmt. Die Idee der Gerechtigkeit ist zwar nicht mehr Sache der Linken, dafür kultiviert sie den Sozialneid als Machtanspruch. Eigentlich nicht einmal eine Politik, die in einem Kulturstaat Oppositions-würdig ist. R fordert: Bann der verkorksten linken Logik in der Politik - für Freiheit und Selbstbestimmung.

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