9. November 1989, Berlin Ich bin elf und neben mir fällt die Mauer

Mauerfall (Foto)
«Dieses Mal ist Berlin größer geworden.» Bild: ap

Von news.de-Redakteur Björn Menzel
Es war Zufall und Glück: Ich war am 9. November 1989 in Berlin. Oft habe ich an diesen Tag gedacht, ungezählte Male davon erzählt. Jetzt schreibe ich die Erinnerungen auf - aus Sicht eines Elfjährigen, historisch irrelevant.

Es ist immer wieder dieser Bahnsteig. Da stehen zwei Kinder der DDR. Ich bin elf Jahre alt, habe einen großen Rucksack auf dem Rücken. Neben mir mein Freund. Wir stehen vor einer Bank und warten. Für uns beide ist die Hauptstadt sehr groß, auch wenn sie geteilt ist, auch wenn sie bei jedem Besuch etwas kleiner geworden ist. Dieses Mal ist sie größer geworden, aber es gibt nur diesen Bahnhof. Zwei Tage nach dem Fall der Mauer.

Zuvor sind wir in Berlin Marzahn - im Osten. Wie immer, wenn wir in Berlin sind. Zweimal im Jahr. Wir sind im Trainingslager, wohnen in einer Schule. Es ist eine Neubauschule aus Betonplatten. Es sind Ferien, die Schule ist leer. Im Klassenzimmer sind die Betten aufgebaut. 20 Stück in zwei Reihen. Es sind schmale Pritschen aus Holz, darauf eine fünf Zentimeter dicke Matratze und ein loses Laken. Die Kissen eignen sich für Kissenschlachten - täglich.

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Im Keller befindet sich der Essenssaal. Es riecht muffig. Hinter der Luke stehen zwei dickliche Frauen mit Kellen in der Hand. Vor ihnen die runden Warmhaltebehältnisse von denen der grüne Lack schon fast abgeblättert ist. Eines mit Kartoffeln gefüllt, eines mit Soße und Fleisch, eines mit Sauerkraut. Wir essen zu Mittag, haben es uns auch verdient. Hinter uns liegen bereits zwei Stunden Trainung im benachbarten Park, auf dem benachbarten Sportplatz. Leichtathletik. Unsere Trainer sitzen an einem Extratisch. Sie lesen Zeitung. Sie studieren sie regelrecht. Sie flüstern.

Es ist der 9. November 1989. Irgendetwas liegt in der Luft. Kinder haben ein feines Gespür dafür. Doch Elfjährige wie ich kennen sich nicht mit jedem Thema des Zentralkommitees der SED aus. Sie interessieren sich auch nicht so sehr dafür. Nicht für Parteitage und Agitationen. Sie stehen zwar staunend in der letzten Reihe der Montagsdemonstrationen. Weil was los ist. Sie hören die Reden, aber sie verstehen nicht alles. Sie nehmen vieles hin, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht reagieren sie deshalb besonders auf Veränderungen.

Der Bahnhof ist immer noch leer. Wie leer gefegt. Kein einziger Mensch. Kein Zug. Nichts. Dabei warten mein Freund und ich auf die nächste Bahn. Wir wollen, wir müssen die Stadt verlassen, nach Hause reisen in die Provinz. Zwei Tage nach dem Fall der Mauer. Zuvor sind wir mit einem Bus durch die Stadt gefahren. Berlin im Ausnahmezustand. In der Mauer sind Löcher. So breit, dass gerade Menschen durchpassen. Ich sehe vor den Durchgängen unzählig viele Menschen stehen. Sie haben sich zu langen Schlangen zusammen gefunden. Es ist ein buntes Meer.

Nachmittags haben wir trainingsfrei. Wir fahren in die Innenstadt, wissen aber nicht so recht, was wir da sollen. Das Besondere ist das große Warenhaus auf dem Alexanderplatz. Wir fahren Rolltreppe. Viele Stunden lang. Das ist in unserer kleinen Heimatstadt nicht möglich. Und wir kaufen Teekannen aus Glas. Die gibt es sonst nirgends in der DDR. Dann wird es dunkel. Am Fuß des Fernsehturms gibt es ein Restaurant, in dem wir für 3,50 Mark Kartoffeln mit Rotkohl und Gulasch essen. Der Blick aus dem Turm. Es ist ein Lichtermeer. Verwaschen. Beeindruckend. 360 Grad. Alles sieht gleich aus.

Unter unseren Schlafpritschen stehen dreieckige Tüten aus Karton. Sie sind keine 15 Zentimeter groß, in den Tüten ist H-Milch. Die kaufen wir uns immer, wenn wir in Berlin sind. Und einige Flaschen rote Brause. Die H-Milch gibt es auch nur in der Hauptstadt, genau wie die Teekannen aus Glas. Es ist besondere Milch für uns. Sie schmeckt etwas sahniger, etwas frischer, sie schmeckt einfach anders - eben nach Berlin. Wir haben uns mehr Milch gekauft, als wir trinken können. Schon wieder eine Kissenschlacht. Dann schlafe ich ein und wenige Kilometer neben mir fällt die Mauer.

Frühstück. Wieder im muffigen Essensraum. Ein Trainer kommt etwas später. Er war nachts unterwegs. Die anderen sind noch unruhiger als einen Morgen zuvor. Sie lesen noch hastiger die Zeitung. Sie gehen raus, kommen wieder rein. Sie stehen zusammen und diskutieren. Es gibt in der Schule kein Radio und keinen Fernseher. Von den Sätzen die fallen, sind nur einige Worte zu verstehen: Grenze, Personalausweis, Panzer, Westen. Niemand sagt uns, was geschehen ist. Aber es ist etwas geschehen.

Der Bahnhof ist noch immer leer. Doch endlich fährt ein Zug ein. Mein Freund und ich stehen schon an der Bahnsteigkante. Seit Stunden warten wir auf diesen Zug. Es ist unser Zug. Er hält an. Binnen weniger Sekunden füllt sich der Bahnsteig. Hunderte Menschen rennen zum Zug. Hunderte steigen aus. Zwei Tage nach dem Fall der Mauer. Wir werden von der Masse mitgerissen, fast erdrückt. Eben noch kein Mensch, jetzt Hunderte. Der Zug ist voll. Einige quetschen sich noch durch die Türen, hängen nach draußen. Der Zug fährt ab und sieht ein wenig so aus wie Züge in Indien. Wir passen nicht mehr rein, bleiben zurück.

Auf den Bänken am Bahnsteig sitzen nun Leute mit bunten Kunststoffbeuteln. Sie packen sie aus, schauen sich bunte Dinge an. Zwei Tage nach dem Fall der Mauer. Die Menschen sind gerade aus dem Westteil der Stadt zurück in den Osten gekommen. Sie reißen ein Spielzeugauto aus seiner Verpackung, legen Batterien in die Fernbedienung und lassen das Auto auf dem Bahnhof hin und her fahren. Dann rufen sie die beiden DDR-Kinder zu sich. Sie rufen uns. Sie kramen im Beutel, ziehen zwei kleine Trinkpackungen raus und verschenken sie. Ich nehme den Strohhalm, steche ihn durch das kleine Aluloch und sauge die Packung leer.

Der Saft schmeckt nicht nach Saft. Er schmeckt so, wie er riecht. Nach Frische und Freiheit und neu und anders. So schmeckt der Westen. Damals, vor 20 Jahren in Berlin.

hav/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • what ever
  • Kommentar 1
  • 09.11.2009 10:26

Was ist nun besser geworden ? Alle haben sie gedacht das im Westen alles aus Gold ist und alles schön und,und,und. Die große ernüchterung kam dann schleichend, als sie merkten das nicht alles positiv war, und die,die früher am meisten gebrüllt haben`die Mauer muss weg,wir sind das Volk` die wohnen wieder im Osten und sitzen zu hause ohne Arbeit. Der Mauerfall hat die Wirtschaft total herunter gerissen, und es veränderte alles..

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