Mo., 13.02.12

Krisengebiete «Kratzen an der Oberfläche»

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Artikel vom 06.11.2009

Fotograf Sebastian Bolesch arbeitet oft in Kriegs- und Krisengebieten - auch für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Ärzte ohne Grenzen. Im Interview erklärt er, wie er mit dem Erleben von Tod und Leid fertig wird.

Sie haben Kindersoldaten in Sierra Leone fotografiert, Kinderarbeit in Indien, Hunger im Sudan - warum sucht man sich gerade Kriegs- und Krisenregionen als Arbeitsschwerpunkt aus?

Bolesch: Wenn man sich für einen Fotojournalisten hält und auch ein wenig politisch denkt, fängt man an, sich für bestimmte Themen zu interessieren. Aber es muss es nicht zwingend ein Krisengebiet sein. Steinbrüche in Indien sind ja zum Beispiel keins. Und wenn es die Problematik der Kinderarbeit auch in Deutschland gäbe, würde ich sie auch hier fotografieren. Es ist das Thema, um das es geht. Und wenn das Thema Kindersoldaten heißt, musst du irgendwo hin, wo es Kindersoldaten gibt und dann bist du zwangsläufig in einem Kriegsgebiet.

Womit hat es begonnen bei Ihnen, was war Ihre erste Reise?

Bolesch: Ich hatte gerade angefangen zu fotografieren und bin dann in den Nordirak nach Kurdistan gefahren, weil mich das interessiert hat. Ich bin auf eigene Faust los, allerdings gab es einen Kontakt zu einer Hilfsorganisation vor Ort.

Heute arbeiten sie auch im Auftrag von NGOs wie etwa Ärzte ohne Grenzen oder der Deutschen Welthungerhilfe - wo ist der Unterschied etwa zu einem Job für ein journalistisches Magazin?

Bolesch: Wenn man für ein Magazin arbeitet, bewegt man sich freier und besorgt sich zum Beispiel einen eigenen Fahrer und Übersetzer. Bei einer NGO ist man dagegen in deren Strukturen drin. Das ist gut, weil man direkten Zugang hat. Und auch aus Sicherheitsgründen ist es oft nicht verkehrt. Aber man ist natürlich auch deutlich reglementierter, weil man an einen Ort, ein Projekt und deren Sicherheitsregeln gebunden ist. Das heißt, dass man vielleicht in der Dunkelheit nicht vor die Tür geht oder nur bestimmte Wege benutzt. Und man hat eine gewisse Verantwortung. Denn wenn ich mich zum Beispiel mit Sicherheitskräften anlegen würde, würde ich auch die Arbeit der Organisation gefährden.

Ist es für Sie etwas Besonderes, für eine NGO zu arbeiten?

Bolesch: Absolut. Für die NGOs, für die ich gearbeitet habe, habe ich gerne gearbeitet und konnte mich mit der Arbeit identifizieren. Es hatte mit dem zu tun, was ich gerne ausdrücken möchte.

Beneiden Sie manchmal diejenigen, die vor Ort helfen, und haben das Gefühl, ich mache hier nur Fotos?

Bolesch: Ja, aber das ist zweigeteilt. Es gibt auch Momente, in denen ich froh bin, wieder weg zu sein und bedauere die Leute, die noch lange bleiben müssen. Aber im Prinzip hat man dann, wenn man viel gereist ist, das Gefühl, dass man an der Oberfläche kratzt und beneidet schon die Leute, die länger da sind, etwas Konkreteres tun und sich ausführlicher mit den Problemen auseinandersetzen. Mit dem Fotografieren ist das abstrakter: Vielleicht macht man ein besonders gutes Foto und die Leute reagieren darauf, interessieren sich mehr für die Region und spenden eventuell sogar etwas. Aber es ist natürlich nicht so eine konkrete Arbeit.

Gibt es irgendeine NGO, für die Sie gerne mal arbeiten würden?

Bolesch: Nicht eine konkrete. Aber ich finde zum Beispiel alles sehr spannend, was mit dem Internationalem Strafgerichtshof zu tun hat. Also Sachen, die in Richtung Kriegsverbrechen, Völkermord und die Untersuchungen dazu geht. Das sind meist nicht unbedingt klassische NGOs, sondern eher Ermittler, die die Verbrechen untersuchen und die Täter vor Gericht bringen. Die würde ich schon gerne mal begleiten. Aber es gibt auch Organisationen, die Kriegsverbrechen untersuchen wie etwa Amnesty International oder Human Rights Watch.

Gibt es auch Momente, in denen Sie die NGO-Arbeit kritisch sehen?

Bolesch: In Nachkriegssituationen gibt es oft sehr viele Hilfsorganisationen, überall sprießen die Projektschilder aus dem Boden. Da fragt man sich, ob das notwendig ist, oder ob es nicht besser wäre, wenn vielleicht nur drei Organisationen in einem größeren Maßstab arbeiten würden. Aber das ist nur ein Eindruck, und es kann sein, dass es in manchen Situationen tatsächlich wichtig ist, dass es mehrere kleine sind, die speziellere Projekte machen. Außerdem geht in solchen Situationen immer irgendetwas schief - das kann man direkt beobachten, wenn man als Fotograf zwei Wochen da ist. Aber eigentlich stellt sich eher die Frage: Hat sich in dieser Region über einen längeren Zeitraum etwas positiv verändert?

Sie sehen bei Ihrer Arbeit viele Tote, viel Leid. Wie gehen Sie damit um?

Bolesch: Während der Arbeit haben Fotografen und Kameramänner einen psychologischen Vorteil, weil man immer noch den Apparat als Abstand zwischen sich und dem Geschehen hat. Außerdem ist man beschäftigt mit dem Fotografieren, also damit, den Ausschnitt zu bestimmten und so weiter. Ich bin sicher: Es würde mir schwerer fallen, ohne Kamera daneben zu stehen und zuzugucken. Die Frage ist eher, was passiert, wenn man sich einen Tag oder eine Woche später bewusst wird, wo man war und was man dort gesehen hat. Es wichtig, dass man sich nicht zu oft solchen Sachen aussetzt, sondern auch noch ein normales Leben führt und andere Sachen fotografiert. Ich glaube, die Leute, die ein paar Jahre am Stück nur solche Geschichten machen, nehmen seelischen Schaden.

Heute reisen Sie schon wieder ab - wohin geht es dieses Mal?

Bolesch: Für ein Magazin nach Kurdistan im Nordirak. Aber was für eine Geschichte das genau werden soll, kann ich noch nicht verraten.


Sebastian Bolesch, 42, ist Fotojournalist aus Berlin. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten - auch für Nichtregierungsorganisationen wie etwa Ärzte ohne Grenzen oder die Deutsche Welthungerhilfe. Bolesch hat unter anderem im Nord-Irak, Sudan, Kosovo, in Indien, Sierra Leone, Nicaragua und Gaza fotografiert. Er wurde mit dem «Rückblende»-Preis für politische Fotografie und dem Preis des Bundespresseamtes für das beste Foto ausgezeichnet.

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