Geboren am 9. 11. Die Kinder der Einheit

Baby (Foto)
Rund 2000 Kinder wurden am 9. November 1989 geboren. Sie sind gemeinsam mit dem neuen Deutschland groß geworden. Bild: news.de/ddp/dpa

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Geboren am 9. November 1989 - das gilt nicht nur für das wiedervereinigte Deutschland. Auch rund 2000 deutsche Babys sind an diesem Tag zur Welt gekommen. News.de hat mit einigen von ihnen gesprochen - nicht nur über Ost und West.

Sie sind die Kinder der Einheit. Als der Kalte Krieg zu Ende war, fing ihr Leben an. Und dann haben sie gelernt, zu laufen, zu sprechen, Krisen zu bewältigen und ihren Platz in der Welt zu suchen - genau wie das neue Deutschland, das am 9. November 1989 geboren wurde.

Der Mauerfall hat ihr Leben in jedem Fall beeinflusst. Wer am 9. November 1989 im Westen geboren wurde, kann heute in Magdeburg oder Weimar studieren, hat in der Schule vielleicht neben einem Mädchen aus Mecklenburg gesessen und kauft CDs einer Band aus Bautzen. Wer im Osten zur Welt kam, hat vielleicht schon Urlaub in Spanien gemacht, hat arbeitslose Nachbarn erlebt und Großeltern, die einen Mercedes fahren. All das wäre ohne den Mauerfall undenkbar gewesen.

Was bedeutet den jungen Menschen ihr besonderer Geburtstag? Was verbinden sie heute mit Kategorien wie Ost und West? Und haben ihre Eltern damals im Kreißsaal überhaupt mitbekommen, dass draußen in der Welt gerade Geschichte gemacht wurde? Diesen Fragen wollten wir nachgehen - und haben Menschen gefunden, die am 9. November 1989 zur Welt gekommen sind.

Die Kinder der Einheit
Sie sind so alt wie der Mauerfall
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«Ich bin morgens geboren. Meine Mutter hat dann übers Radio vom Mauerfall erfahren. Das war besonders spannend, denn meine Oma war damals gerade in Berlin. Die konnten es erst gar nicht glauben. Und dann hatten sie gleich doppelt Grund zum Feiern: meine Geburt und den Mauerfall», erzählt Jessica Mildner aus Wolfenbüttel. Auf ihren besonderen Geburtstag ist sie stolz: «Durch den Termin habe ich mich auch mehr mit Politik und deutscher Geschichte befasst. Vielleicht werde ich das nach der Schule sogar studieren.»

Im Unterricht sei ihr das Thema DDR zwar nur kurz begegnet, fremd ist ihr der Osten trotzdem nicht. «Als ich das erste Mal da war, ist mir die andere Architektur aufgefallen. Aber das fühlte sich nicht an, als ob man in ein anderes Land fährt. Für mich sind wir ein Land.»

«Rosemarie, die Mauer ist weg!»

Auch Christian Hoßfeld aus dem thüringischen Schweina betont: «Ich sehe mich als Deutscher, nicht als Ossi oder Wessi.» In seinem Umfeld bemerke er aber, dass diese Unterscheidung noch ein großes Thema ist. Der Maschinenbau-Student hat beispielsweise während eines Praktikums solche Erfahrungen gemacht. «Manche Kollegen haben sich wirklich aufgeführt wie Klischee-Wessis. Aber das gibt es wohl auf beiden Seiten.»

Seinen Geburtstag mag er auch aus dem ganz praktischen Grund, «dass die anderen den Termin nicht so leicht vergessen». Und für seine Familie war es ohnehin ein ganz besonderer Tag: «Meiner Oma ging es an dem Tag nicht so gut, sie lag im Bett. Irgendwann kam der Opa rein und rief: ‹Rosemarie, Rosemarie, wir haben einen Enkel!› Und zwei Stunden später kam er noch mal ins Zimmer gestürzt und rief: ‹Rosemarie, Rosemarie, die Mauer ist weg!› Da ging es meiner Oma dann deutlich besser.»

9. November
Schicksalstag für Deutschland
Ausrufung der Deutschen Republik von Philipp Scheidemann  (Foto) Zur Fotostrecke

Von der DDR würde er sich allenfalls das Schulsystem zurückwünschen. «Nach dem, was mein Vater erzählt hat, war das in der DDR besser. Der Druck war größer, und dadurch waren auch die Leistungen besser», meint er. Doch insgesamt ist er froh, dass die Mauer gefallen ist. «Sonst hätte ich wohl gelebt wie meine Eltern. Ich hätte drei Jahre lang zur Armee gemusst und hätte vieles nicht erleben können, was ich jetzt schon erlebt habe. Ich denke, dass ich auf jeden Fall freier geworden bin durch den Mauerfall. Auch für Deutschland war die Wiedervereinigung unbedingt gut. Bei all den Unterschieden, die es noch gibt, hat sich schon viel getan. Das wird oft vergessen.»

Deutliche Unterschiede sieht hingegen noch Tobias Wiltzsch. Er findet es beispielsweise «ungerecht, wenn die Menschen im Westen für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommen als wir im Osten». Bei Besuchen in den alten Bundesländern hat er zudem festgestellt: «Der Westen wirkt anders auf mich, die Menschen dort leben finanziell anders als wir.» Trotzdem habe die Wiedervereinigung auch Positives mit sich gebracht. «Jetzt können sich alle frei bewegen», sagt Wiltzsch.

«Meine Mutter hat die Nachricht vom Mauerfall erst ein paar Tage später mitbekommen. Meine Tante auch aus der ehemaligen DDR hat es ihr erzählt», erinnert sich Petra Traub. Auch fast 20 Jahre nach dem Ende der DDR ist die Einheit ihrer Ansicht nach noch nicht erreicht. «Deutschland ist zwar ein Land, aber in den Köpfen wird es immer eine Trennung geben. Auch ich selbst habe noch diese Trennung im Kopf, weil ich damit aufgewachsen bin und durch die Gesellschaft so erzogen worden bin», sagt die 19-Jährige aus Langenenslingen (Baden-Württemberg), die gerade eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin macht.

Was soll neu sein an den neuen Ländern?

«So richtig habe ich über die DDR erst vor ein paar Jahren erfahren, ich würde mal so schätzen mit 13 oder 14. Davor war Deutschland sowieso immer ‹ein› Land für mich. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir so eine Trennung überhaupt nicht vorstellen und verdränge diesen Gedanken lieber. Sogar wenn ich ‹neue Bundesländer› höre wundere ich mich immer und denke mir: Wieso sollen die noch ‹neu› sein? Eigentlich ist das ja schon lange her!», wundert sich Melanie Geisler, die gerade ihr Abitur macht und danach eine Schauspielschule besuchen will. Sie kommt aus Wermelskirchen im Bergischen Land. Deshalb war der Mauerfall bei ihrer Geburt kein so großes Thema: «Ich wohne ja so weit im Westen, dass es anscheinend nicht so aufregend war, dass das System im Osten zusammengebrochen ist.»

«Die Wiedervereinigung war auf jeden Fall gut für Deutschland», ist sie überzeugt. Den Mauerfall stellt sie sich als «ein emotionales Erlebnis, das man wohl nicht mehr so schnell vergisst» vor. Für die bis dahin unterdrückten Menschen im Osten müsse das «wie eine Befreiung» und «ein ganz neues Lebensgefühl» gewesen sein, vermutet sie. «Ich würde gerne wissen, wie es war, in der DDR zu leben. Die Vorstellung, eine geschlossene Grenze vor sich zu haben, verwundert und schockiert mich doch immer wieder aufs Neue.»

Deshalb findet sie es «ziemlich cool, an diesem Tag geboren zu sein. Ein Stück weit bin ich auch stolz, immerhin kann ich den Namen ‹Wiedervereinigungskind› tragen. Und wenn die Lehrer im Unterricht fragen, wann die Mauer gefallen ist, bin ich immer die erste, die sich meldet.»

hav/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hans Friedrich
  • Kommentar 1
  • 09.11.2009 16:47

Gut zu wissen, dass Ost und West für die nächste Generation keine Rolle mehr spielt. Daran sollten sich manche, die Teilung und Wiedervereinigung erlebt haben, ein Beispiel nehmen.

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