Leben im Wohnwagen
Letzter Ausweg Campingplatz

Der Druck wächst. Immer mehr Deutsche verarmen durch die Folgen von Hartz IV und Wirtschaftskrise. Einige können sich keine Wohung mehr leisten - und ziehen aus den Neubaugebieten der Städte auf die Campingplätze in der Umgebung.

Der Camping-Platz ist für viele Deutsche inzwischen eine billige Alternative zur Mietwohnung. Bild: dpa

Wenn Horst Triebisch um 5.30 Uhr aufsteht, führt ihn sein erster Gang im Jogginganzug und mit Plastiksandalen zum Sanitärhaus des Campingplatzes. Dort duscht er und macht sich für die Arbeit fertig. Triebisch ist 44. Schon seit vier Jahren wohnt er in einem Wohnwagen in Abtsgmünd am Rande der Schwäbischen Alb.

Die meisten Deutschen kennen das nur aus dem Fernsehen: Nach Ausbruch der Wirtschaftskrise in den USA verloren viele Menschen ihr Haus und leben seitdem an den Rändern der amerikanischen Großstädte in sogenannten Trailer-Camps.

«Ich bin auf keinen grünen Zweig mehr gekommen», sagt Triebisch. Dabei arbeitet er von früh bis spät im Versand eines Zeltbauunternehmens, wo er bis zu 80 Kilogramm schwere Zeltplanen verpackt. Abends hilft der gelernte Metzger noch in der Küche einer Wirtschaft aus. Doch sein Gehalt reichte nach der Scheidung hinten und vorne nicht.

Eine günstige kleine Wohnung habe er nicht gefunden, erzählt er: Mehr als 500 Euro zahlte er für zwei Zimmer, 52 Quadratmeter. Und das bei nur 1100 Euro netto. Davon gingen 350 Euro für den Unterhalt seiner vier Kinder ab, 100 Euro für das Abstottern eines Kredits und auch noch Kosten für teure Medikamente, die er gegen Morbus Crohn, das Reizdarmsyndrom, einnimmt. «Wieder heim zu den Eltern ziehen, das wollte ich nicht», sagt Triebisch.

«Working Poor» nennen Sozialwissenschaftler Menschen, die arbeiten und doch an der Armutsschwelle sind. Wie viele es sind, weiß keiner so genau. Mittlerweile leben 6,4 Millionen Erwachsene und Kinder in Deutschland von Hartz IV. Eng wird es auch für 3,2 Millionen Frauen und Männer, die arbeitslos sind und für etwa 1,5 Millionen, die sich in Kurzarbeit befinden. Rund 6,9 Millionen Menschen in Deutschland sind überschuldet, schätzt die Arbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatung. Wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise werde voraussichtlich die Zahl der überschuldeten Haushalte aufgrund Entlassungen, Kurzarbeit und Niedriglöhnen noch mehr steigen.

Menschen wie Horst Triebisch tauchen in keiner amtlichen Statistik auf. Zweimal hat der Schwabe einen Antrag auf Wohngeld gestellt. «Ich bekomme nichts, weil ich angeblich zu viel verdiene.» In Deutschland gilt man als relativ arm, wenn man weniger als 846 Euro im Monat zur Verfügung hat, weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens.

«Wenn die Politik jetzt nicht eingreift und gegensteuert, droht in Ballungszentren und Wachstumsregionen eine neue Wohnungsnot», warnte der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Franz-Georg Rips, bereits im Frühherbst. In einzelnen Landesverbänden des Mieterbunds registriert man derweil schon zunehmend Räumungsklagen, wie Udo Casper vom Mieterbund Baden-Württemberg mitteilt: «Preiswerter Wohnraum ist in Städten wie Stuttgart so gut wie nicht zu bekommen.»

Letzter Ausweg Campingplatz: Horst Triebisch zahlt jetzt nur noch 1000 Euro Platzmiete im Jahr, inklusive 200 Euro für Nebenkosten. Ihm bleiben jetzt noch 300 Euro im Monat übrig zum Leben. Auf die Idee, in den Wohnwagen zu ziehen, hatte ihn sein Chef gebracht: Er lieh dem fleißigen Mitarbeiter 3000 Euro, damit er den gebrauchten Wagen samt Vorzelt kaufen konnte.

«Ohne meinen Chef hätte ich nicht gewusst, wie es weitergeht», sagt Triebisch. Manchmal gewinnt er seiner Wohnsituation auch Vorteile ab: «Alles so grün und so friedlich hier.» Bald wird er seine Blumenkästen mit den abgeblühten Geranien abräumen. Das mit Holz verkleidete Vorzelt nutzt er als Wohnzimmer. Bilder von seinen Kindern hängen an der Wand, kleine Gummistiefel stehen in der Ecke, auch eine kleine Campingküche samt Kühlschrank.

«Am Anfang habe ich mich geschämt», sagt er. «Ob ich wieder in eine Wohnung ziehen werde, kann ich noch nicht sagen - aber vom Staat will ich nichts mehr und erwarte ich auch nichts mehr.»

jan/reu/news.de/dpa

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

6 Kommentare
  • thomas welter

    04.04.2016 23:48

    @ nike wegen der kälte brauchst du dir echt keine sorgen zu machen, diese caravans haben heutzutage einen sehr hohen standard in der Isolierung, sind schneller aufgeheizt wie wohnungen, das grösste problem ist das neue meldegesetz, was lieber vorsieht das man in armenwohnungen zieht, bzw unter die brücke muss, weil anmeldungen seit november 2015 nicht mehr möglich sind bundesweit, was die arge sozialamt auch nicht versteht, weil die zahlen den zuschuss für solche wohnlösungen zu gerne, weil das kostet dem amt nur 20 % im durchchnitt was eine mietwohnung auf sozialsatz kostet

    Kommentar melden
  • thomas welter

    04.04.2016 23:43

    leider ist es so mittlerweile, das das deutsche meldegesetz diese notlsungen bundesweit verbietet, wegen dem baurecht, somit ist man in dem fall als obdachlos/ wohnunglos in einer gemeinde geführt, eine wohnsitz anmeldung wird somit von seiten des staates verboten, was natürlich arbeitnehmer die in diese situation geraten leider auch ihre meldeadresse verlieren..... sollten sie einen pkw angemeldet haben, werden sie diesen auch abmelden müssen, eine scheinanmeldung wird mittlerweile mit einen bussgeld bis zu 1000 € für den hauptmieter bestraft und hauseigentümer mit bis zu 50000 € geldstrafe

    Kommentar melden
  • Nike

    05.01.2016 19:20

    auf mich wird das auch zukommen, denn ich bin jetzt fast 60 und werde nur eine kleine Rente bekommen, weil ich 20 Jahre Teilzeitkraft war und zudem meine Eltern pflegte. Meine Wohnung werde ich mir als Rentner wohl nicht mehr leisten können, daher fange ich jetzt schon mit den Vorbereitungen und Entkrempeln an. Ich hab mir hier bei youtube die ganzen Filme über Dauercamping angesehen und weiß daher von vielen, die sich erst schämten und jetzt offenbar ganz glücklich im Kleinen und Grünen leben. Angst hätte ich vor der Kälte und dem Krankheitsfall.

    Kommentar melden

Kommentar schreiben

noch 600 Zeichen übrig

Empfehlungen für den news.de-Leser