Kommentar zur e-Card

Mündigkeit im Ausverkauf

Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner

Der gläserne Mensch ist Wirklichkeit geworden. Aber niemanden stört das. Via Internet und moderner Technologie streuen wir gedankenlos persönliche Daten über den Globus und fühlen uns hip und modern dabei.

Nein, dieser Text malt kein Schreckensszenario und warnt auch nicht vor dem Internet. Globale technische Vernetzung ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach da als Bestandteil unseres Alltags. Daten auf elektronischem Wege zu sammeln und zu verwerten, entspricht unserem Zeitgeist und ist in erster Linie praktisch und bequem. Ob Technik gut oder böse ist, hängt alleine von denen ab, die sie nutzen. Das ist hinlänglich bekannt.

Und an diesem Punkt wundere ich mich, dass wir uns nicht wundern. Klar ist persönlicher Informations- und Datenfluss in erster Linie nicht schlimm. Was soll schon passieren, wenn wir twittern, dass wir morgens verschlafen haben oder dass wir wieder nicht dazu gekommen sind, die Wäsche zu bügeln?

«Wie bequem», trällern wir, wenn wir uns im Möbelhaus A ein neues Regal angesehen haben und plötzlich Post von allen anderen umliegenden Möbelhäusern und Regalverkäufern in den Briefkasten flattert. «Wie praktisch», werden wir bald rufen, wenn der Arzt auf unserer Gesundheitskarte alle unsere Krankheiten und Wehwehchen vermerkt.

Wir sind eine Gesellschaft, in der alles schnell gehen muss und möglichst reibungslos ablaufen soll. Wir mögen keine Scherereien. Wenn wir beim Arzt zukünftig keinen lästigen Gesundheitsbogen mehr ausfüllen müssen, dann spart das Zeit. Wenn uns der Online-Buchhändler nach einer Bestellung noch fünf weitere Bücher empfiehlt, die uns sicherlich auch interessieren werden, dann freuen wir uns. Denn das alles nimmt uns viel Arbeit ab.

So denken wir. Was uns mit derartigen Dienstleistungen aber auch noch abgenommen wird, ist die Verantwortung für uns selbst. Über Jahrhunderte haben die Menschen für Mündigkeit und Selbstbestimmung gekämpft. Und für die Freiheit, selbst entscheiden zu können. Wir heute aber suchen ständig nach neuen Möglichkeiten, andere ein Stück weit für uns entscheiden zu lassen. Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, ist uns zu anstrengend geworden.

Auch wenn wir in einer Demokratie leben und in einem freien Land, bleibt der Mensch doch an sich des Menschen Wolf. Wer Informationen über andere besitzt, hat Macht. Die muss er nicht nutzen, aber er kann es.

Längst boomt das Geschäft mit elektronischen Daten. Und wir haben keinen wirklichen Einfluss, wer auf das, was wir verbreiten, zugreifen kann. Datenschutzregeln bestehen nicht für immer, und wir können nicht abschätzen, wann welche Bestimmung unter dem Vorwand von Sicherheit oder Terrorismusbekämpfung gelockert wird. Davon abgesehen, dass Daten manipuliert werden können.

Wer garantiert uns, dass die Gesundheitskarte auch wirklich nur die Information beinhaltet, die wir preisgeben möchten? Schon heute gibt es Chefs, die Mitarbeiter misstrauisch beäugen, wenn diese irgendwann einmal beim Psychologen gewesen sind. Schon heute werden Lehrer nicht verbeamtet, wenn Sie nach Meinung des Staates zu viel wiegen.

Beispiele von Datenmissbrauch lassen sich zuhauf finden. Trotzdem haben wir nichts weiter zu tun, als persönliche Informationen über uns in die Welt zu streuen. Für ein scheinbar bequemes Leben opfern wir unsere Mündigkeit. Die elektronische Datenabgabe kostet uns sukzessive unsere Eigenverantwortung. Das Ausfüllen eines Papierbogens beim Arzt würde dagegen nicht mehr kosten als zwei Minuten.

kat/news.de
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