Parteien mit Zulauf Das umgekehrte Phänomen

Mitgliederzuwachs (Foto)
Umgekehrt: Die Wahlen verlieren zwar Wähler, aber die Parteien gewinnen Mitglieder. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Björn Menzel
Irgendetwas läuft verkehrt mit der Demokratie. Obwohl die Wahlbeteiligung auf historischem Tiefststand angekommen ist, treten Menschen den Parteien bei. Ein nicht unbekanntes Phänomen in Wahljahren.

Die Grünen haben es zuerst vermeldet. Im Monat nach der Bundestagswahl hat die Partei mehr als 400 Zugänge registriert. Ein Rekord. Bisher war der September der eintrittstärkste im Jahr 2009. Am 19. Oktober hatte die Partei 47.482 Mitglieder. Das sind fast 3000 neue in diesem Jahr - obwohl die Wahlbeteiligung kontinuierlich schrumpft.

Einen Negativrekord gab es bei der Bundestagswahl. Mit 70,8 Prozent machten sieben Prozent weniger Menschen in Deutschland von ihrem Wahlrecht Gebrauch als noch vor vier Jahren. Die Zahl der Nichtwähler war nie größer. Das sieht aber nur auf den ersten Blick nach einer Abwendung von der Politik aus. Auch von einer Abwendung von den Parteien kann im Superwahljahr 2009 keine Rede sein. Zumal viele Nichtwähler auch politisch motiviert sind.

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Sogar die SPD, die bei der Bundestagswahl grandios Stimmen verloren hat, gewinnt Parteimitglieder. Allein zwischen dem 27. September, dem Wahltag, und dem 22. Oktober hat die Partei 2552 Onlineeintritte gezählt. Erfahrungsgemäß treten viele jedoch direkt bei den Ortsverbänden ein. Diese Zahlen sind erst in der ersten Novemberwoche bekannt. Im Willy-Brand-Haus wird insgesamt mit bis zu 3200 neuen Genossen im Oktober gerechnet.

«Die Leute wollen sich wirklich engagieren», sagt der Kölner SPD-Fraktionschef Martin Börschel im Spiegel. Dort erklärt auch der Psychologe Rolf van Dick die Eintrittswelle nach der Wahlschlappe. Das Ergebnis sei besonders für Linksliberale ein Schock gewesen. Die wollten sich nun selbst engagieren, weil sie davon ausgingen, dass die Volkspartei wichtig für das Land sei.

Auch die CDU verbucht nach der Wahl neue Mitglieder. Allerdings kann sie die Zahl noch nicht genau benennen, da sie erst noch zusammengefasst werden muss. «Das ist nach Bundestagswahlen immer so», sagt Sprecherin Ina Diepold. Es sei dabei egal, ob die Partei bei der Wahl Stimmen gewonnen oder verloren habe. «Einige treten bei, weil sie denken, jetzt erst recht, andere, weil die Partei die Wahl gewonnen hat», sagt Diepold. Ein Wahljahr sensibilisiere eben viele Menschen für die Politik.

Positive Zahlen meldet auch die Linke. Zwischen dem 27. September und 28. Oktober sind allein in der Bundesgeschäftstselle 1036 Menschen der Partei beigetreten. Auch hier liegt die genaue Zahl aller Beitritte noch nicht vor. Damit ist laut Sprecherin Alrun Nüßlein die Gesamtzahl der Mitglieder um einiges über dem Stand vom Beginn des Jahres. Da waren es 76.500.

Das Phänomen der Eintritte nach Wahlen ist nicht neu. Auch als die Wahlbeteiligung höher war als aktuell, gab es diesen Trend. Zum Beispiel hat die SPD 1982 nach dem Sturz von Helmut Schmidt 40.000 neue Mitglieder begrüßen können, viele aus Wut über den Partnertausch der FDP. Allerdings konnten die Eintrittswellen in Wahljahren den generellen Trend nicht aufhalten. Alle Parteien verlieren seit 1990 kontinuierlich Mitstreiter.

che/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • avelon
  • Kommentar 1
  • 31.10.2009 15:09

Also, daß die Parteien, wie oben zu lesen ist, seit 1990 kontinuierlich Mitglieder verlieren, ist wohl der Distanz zwischen Basis, die meist ehrenamtlich taetig ist, und der hohen Politik zu verdanken.

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