Mi., 08.02.12
Südasien

Deutsche Forscherin in Kabul «Die Anschläge haben eine neue Qualität»

Von news.de-Redakteur Christoph Heinlein

Artikel vom 28.10.2009

Kurz vor der Stichwahl ums Präsidentenamt hat ein blutiger Anschlag die afghanische Hauptstadt erschüttert. News.de sprach mit Bente Aika Scheller, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kabul, über die Chancen eines neuen Wahlgangs.

Frau Scheller, Sie leben selbst in Kabul. Wie sicher fühlen Sie sich?

Bente Aika Scheller: Wir sind glücklicherweise in einem Stadtviertel, das etwas entfernt von dem Diplomatenstadtviertel liegt, wo die Anschläge stattgefunden haben. Insofern fühlen wir uns in unserem Büro relativ sicher. Allerdings fahre ich selten aus der Stadt heraus.

Versuchen die Taliban mit den Anschlägen die Stichwahl ums Präsidentenamt zu torpedieren?

Scheller: Das kann durchaus sein. Die Taliban haben ja auch gleich sehr vollmundig erklärt, sie würden alle Einrichtungen angreifen, die mit den Wahlen zu tun haben. Wobei vor dem ersten Wahlgang gar nicht Wahllokale und Registrierungsbüros von Anschlägen betroffen waren, sondern zum Beispiel das Hauptquartier der internationalen Schutztruppe Isaf. Diesmal sehen wir eine andere Qualität, weil die Opfer Zivilisten sind. Die wurden vorher eher nicht ins Ziel genommen. Bei diesem UN-Gästehaus ist es ein sehr klares Signal: Die UN sind die Organisation, die am meisten mit der Organisation, Durchführung und Beobachtung der Wahlen zu tun hat. Wenn man in Kabul Ausländer treffen will, dann gäbe es durchaus einfachere Ziele als ein recht gut bewachtes Gästehaus.

Könnten die Taliban mit dieser Strategie Erfolg haben und die Stichwahl verhindern?

Scheller: Es gibt noch eine Reihe von anderen Faktoren, die man da in Betracht ziehen muss. Der Herausforderer, Abdullah Abdullah, ist sich nicht sicher, ob er an der Stichwahl überhaupt teilnehmen will. Er hat der Regierung ein Ultimatum gestellt und bestimmte Forderungen daran geknüpft - zum Beispiel soll der Leiter der Wahlkommission zurücktreten, aber auch bestimmte Minister temporär suspendiert werden. Ich weiß nicht, was er tun wird, wenn diese Forderungen nicht erfüllt werden - und es ist unwahrscheinlich, dass sie erfüllt werden. Es könnte also sein, dass die Stichwahl ohnehin nicht stattfindet. Wenn die UN jetzt darüber debattieren, ob sie einen Großteil ihres Personals evakuieren sollen, dann könnte das die Wahl natürlich ebenfalls beeinträchtigen.

Warum zögert Abdullah, zur Stichwahl anzutreten?

Scheller: Für ihn ist es ein großer Sieg, dass es überhaupt zu einer Stichwahl kommt. Auch wenn man die Wahlfälschungen im ersten Durchgang einbezieht, hatte Präsident Hamid Karzai aber noch einen erheblichen Vorsprung vor ihm. Bei den Stichwahlen werden wohl noch weniger Leute zur Wahl gehen, und deswegen halte ich es für relativ unwahrscheinlich, dass er im zweiten Wahlgang Chancen hätte. So ist es für ihn jetzt eine Möglichkeit sich aus der Affäre zu ziehen, indem er an der Wahl gar nicht teilnimmt.

Warum werden noch weniger Menschen zur Wahl gehen als in der ersten Runde? Haben sie Angst, gerade jetzt nach den neuen Anschlägen?

Scheller: Der Anschlag hat sicher viele Menschen hier in Kabul verunsichert, wobei ich nicht weiß, inwieweit das Auswirkungen hat auf das Sicherheitsempfinden in anderen Landesteilen. Im Übrigen haben wir schon vor dem Anschlag von Vielen gehört, dass es für sie keinen Sinn habe, zur Wahl zu gehen. Einerseits fehlt das Vertrauen, dass es diesmal sauberer zugehen wird. Andererseits gibt es auch eine große Müdigkeit, denn es lagen ja zwei Monate zwischen der Wahl und der Verkündung des Ergebnisses, und das war eine zermürbende Zeit mit einem zähen Ringen um die Macht. Viele haben den Eindruck, dass ohnehin über ihre Köpfe entschieden wird, wer Präsident wird. Deshalb ist es für sie nicht erkennbar, warum sie noch einmal zur Wahl gehen und dabei ihr Leben riskieren sollten.

Sollte man den Wahlgang dann besser verschieben oder gar absagen?

Scheller: Man wird auf jeden Fall abwarten müssen, wie sich Abdullah Abdullah entscheidet. Denn wenn er nicht antritt, dann ist klar, dass es keine Möglichkeit gibt, eine neue Regierung zu finden. Man müsste dann mit einer Übergangsregierung leben, bis eventuell im nächsten Jahr wieder Wahlen abgehalten werden könnten. Allerdings wäre es für die internationale Gemeinschaft schwierig, die Wahl abzusagen, auf die man so stark gedrungen hat.

Warum gelingt es den afghanischen Sicherheitskräften nicht, wenigstens in der Hauptstadt Kabul für Sicherheit zu sorgen?

Scheller: Viele Dinge kann man schlicht und einfach nicht verhindern. Das liegt nicht an mangelnder Präsenz der Sicherheitskräfte oder an deren Ausbildung. Man hat schon bei früheren Anschlägen gesehen - beispielsweise bei den Anschlägen auf afghanische Ministerien im Frühjahr - dass die Sicherheitskräfte sehr schnell und gut reagiert haben. Wenn wir das gleiche Potenzial für Anschläge in einer deutschen Stadt hätten, wäre es auch für die dortige Polizei schwierig, so etwas zu verhindern.


Bente Aika Scheller ist Programmkoordinatorin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kabul. In Afghanistan setzt sich die Stiftung für Demokratisierung und Entwicklung der Gesellschaft ein. Sie organisiert Veranstaltungen im Kabuler «Green House» und arbeitet in Kooperation mit lokalen Partnern.

bjm/reu/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 29.10.2009 13:19
von
tomahawk

Selbstverständlich werden die "Terrorakte" dort härter. Die dort ausländischen Truppen sind nun mal unbeliebt und für jeden getöteten Zivilisten werden sich 10 neue in die Reihen der Talibanen stelln. Wemm eines meiner Familienangehörigen getötet würde, hätte ich es such gemacht. Wo idt das Problem? Die USA brachten BIn Laden nach AFG. nicht Deutschland

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  • Kommentar: 1
  • 29.10.2009 10:39
von
Wächterrat

Hätte mich auch gewundert wenn die GRÜNEN nicht auch bei diesem Krieg ihre Finger mit im Spiel hätten. Was tut die Böll Stiftung in Afghanistan ? Suchen nach einer neuen Bevölkerung für Europa ?

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