Angela Merkel Ein Routinestart - nicht mehr

Angela Merkel nimmt von Bundespräsident Horst Köhler ihre Amtsurkunde entgegen. (Foto)
Angela Merkel nimmt von Bundespräsident Horst Köhler ihre Amtsurkunde entgegen. Bild: dpa

Von Ulrich Scharlack
Um 10.58 Uhr erfährt Angela Merkel, dass sie zum zweiten Mal Kanzlerin ist. Sie hat eine sichere Mehrheit bekommen - doch glanzvoll ist der Start nicht. Mindestens neun Stimmen aus dem schwarz-gelben Koalitionslager fehlen der CDU-Chefin.

Diesmal wird ihr das Ergebnis nicht per SMS wie vor vier Jahren übermittelt. Es wird ihr zugeflüstert. Merkel steht mit Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zusammen, als der Chef der Zählkommission, Hans-Joachim Fuchtel, eilig auf sie zukommt. Der gewichtige CDU-Mann sagt kurz etwas. Merkel nickt. Sie ist durch.

Kurz danach teilt Bundestagspräsident Norbert Lammert offiziell das Ergebnis mit. «Mit Ja haben gestimmt 323 Mitglieder des Hauses.» Der Applaus unterbricht ihn. Im Fußball würde man sagen: Es ist ein Routinesieg, nur die Punkte sind wichtig. Diese 323 Stimmen sind deutlich weniger als die 332 Sitze, die Union und FDP zusammen im 17. Bundestag haben. Und die meisten im Plenarsaal wissen das natürlich sofort, als Lammert die Zahl nennt.

Angela Merkel
Von der Pastorentochter zur Kanzlerin

Merkel wirkt dennoch erleichtert: «Herr Präsident! Ich nehme die Wahl an und bedanke mich für das Vertrauen.» Dann folgt die Gratulationskur mit Blumen und vielem Händeschütteln. FDP-Chef Guido Westerwelle will unbedingt einer der ersten sein. Dann folgt auch bald der neue Oppositionschef Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Sie ist stolz. Später, als sie kurz nach 13.00 Uhr vereidigt wird, hat Merkel erstmals in der Öffentlichkeit das Bundesverdienstkreuz angelegt, das sie im vergangenen Jahr verliehen bekommen hat. Beim Sprechen der Eidesformel vergisst sie die Hand zu heben. Lammert stellt dennoch fest, dass der Eid abgegeben sei.

Nach der Bekanntgabe des Wahlausgangs waren die Abgeordneten nach draußen geeilt. Der künftige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) meinte vor einer Kamera zu den fehlenden Stimmen aus dem eigenen Lager, dass so etwas bei «einer so großen Gruppe» immer passieren könnte. «Manche denken nicht zu Ende», fügte er aber leicht verärgert hinzu. Dennoch sei es «ein großer Tag».

Kabinett
Merkels neue Truppe in Bildern

In der Tat hat es solche Kanzlerwahl-Resultate immer gegeben. Beim letzten Mal hatte Merkel sogar 51 Stimmen weniger erhalten als die große Koalition von Union und SPD Mandate hatte. Auch Helmut Kohl sei es nach 1990 schlechter ergangen, fügen historisch bewanderte Unions- Leute flugs hinzu. Andere erinnern daran, dass die schwarz-gelbe Mehrheit offenbar zu groß sei. Das verleite immer Unzufriedene - insbesondere die, die vielleicht keinen Posten bekommen hätten - dazu, Denkzettel zu erteilen.

Um kurz nach neun Uhr hatte sich der Plenarsaal gefüllt. Gespräche wie immer. Plaudern. Scherzen. Merkel, die um 9.55 Uhr im dunkelblauen Anzug das Plenum betritt, steht lange mit Westerwelle zusammen. Neben ihr die künftige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Es fällt auf, wie klein die SPD-Fraktion nun ist.

Doch das Plenum flirrt nicht, obwohl es ein bedeutender Tag ist. Es steht anders als 2005 eben nur eine Wiederwahl auf der Tagesordnung. Dass nun eine neue Koalition die Arbeit aufnehmen wird - für die Abgeordneten aller Farben scheint es eher ein Routineereignis zu sein, jedenfalls kein Aufbruch in eine neue Ära.

Auch die Besuchertribüne ist im Vergleich zum 22. November 2005, als Merkel als erste Frau zur Kanzlerin gewählt wurde, diesmal erstaunlich dünn besetzt. Merkels Eltern - Herlinde und Horst Kasner - haben Platz genommen. Eine Reihe dahinter die Ehefrau von Thomas de Maizière und ein befreundetes Ehepaar. Ursula von der Leyens Ehemann hat vier der sieben Kinder mitgebracht. Nachdem sie ihre Stimmkarte abgegeben hat, winkt die Mama ihnen zu. Auch die Kanzlerin grüßt.

Ihr Mann, Joachim Sauer, ist wie vor vier Jahren jedoch nicht gekommen. Er verbringt, wie zu hören ist, den Tag in seinem Uni-Büro. Dafür sitzt aber Michael Mronz, der Lebensgefährte des neuen Außenministers Guido Westerwelle (FDP), auf der Tribüne.

Immer noch stecken vielen Parlamentariern von Union und FDP die Koalitionsverhandlungen in den Knochen. Auch die Opposition, besonders die SPD, hatte in den vergangenen Wochen viel mit sich selbst zu tun. «Schwierig wird diese Legislaturperiode werden», unkt ein Regierungsmitglied. Die Stimmung ist auf allen Seiten alles andere als euphorisch.

Merkel nimmt nach ihrer Wahl die Gratulationen im Plenarsaal entgegen. Sie strebt anschließend einem kleinen Nebenraum im Reichstag zu. Dort treffen auch ihre betagten Eltern ein. Sie will mit ihnen und ihren engsten Mitarbeitern unter sich sein. «Ich bin zufrieden», sagt sie beim Hineingehen. Das Regieren kann beginnen.

jan/reu/News.de/dpa

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ole
  • Kommentar 2
  • 28.10.2009 20:39

Ein Routinestart-nicht mehr. Was soll man auch sonnst von einer 14,6Prozentigen Truppe erwarten,die 35Mrd versprochen hat,Fdp Abgeordnete bei den Haushaltsausschüssen waren,umd trotzdem diese Wahllügen verbreitet wurden.Das nun für das Ministerium des "Äußersten"bestimmte Schwesterle Guido,machte aus dem Brüderle einen Wirtschaftsminister,dieser schoß den vorher,bisher allerbesten Wirtschaftsminister zu Guttenberg ab und dieser kam nun als"Knallfrosch"zur Erde.Der gelbe Ne bel geht nach schwarz-Afrika und der Hofnarr Profalla bleibt bei Mutti.Alles klar?Nicht Afrika,sondern Deutschland 2009.Grüße an das"Bürgerdumm"!

Kommentar melden
  • Dreamer
  • Kommentar 1
  • 28.10.2009 14:22

Jetzt gehts endlich aufwärts. Der Aufschwung kommt ! Alles wird gut.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
Neueste Dossiers
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige