So., 12.02.12

Kleinkunst im Wandel Jede Zeit bekommt ihr Kabarett

Von news.de-Redakteur Björn Menzel

Artikel vom 22.10.2009

Das Kabarett verkommt zum Klamauk. Das politische Kabarett ist tot. Die Einwürfe sind so alt wie die Comedy-Sendungen im Privatfernsehen. Doch brauchen wir eigentlich das klassische politische Kabarett?

Auf die Frage, wer ihn geprägt habe, antwortete Loriot vor zwei Jahren: «Ich weiß, als ich anfing zu studieren, wohnte ich zwischen dem Irrenhaus, dem Zuchthaus und dem Friedhof. Allein die Lage wird es gewesen sein, glaube ich.» Es ist die Antwort auf die Frage seines Schaffens. Die Antwort auf den Inhalt seines Werkes. Loriot wurde als Genie stilisiert, als Satiriker, als großer Humorist, doch nie als politischer Kabarettist.

Zurzeit ist Lachmesse in Leipzig - eines der größten Kabarettfestivals in Europa. Mehr als 80 Veranstaltungen gehen über die Bretter, die niemand braucht. Ein Stelldichein der Kabarettgrößen des Landes. Jeder kann den aktuellen Stand des deutschen Humors ausführlich betrachten. Er ist vielseitig, er ist bunt, er ist hintersinnig, er ist scharf, er ist zynisch, er ist platt, er ist poetisch - doch politisch ist er meist nicht. Vorbei die Zeit, in der Kabarett gleich Politik war. Die Kritik am Staat und seinen Protagonisten ist nicht das Hauptthema.

Doch damit ist das Kabarett noch lange nicht am Ende. Auch die Anfänge dieser Kleinkunst vor mehr als 100 Jahren waren weder politisch motiviert noch inhaltlich politisch. Es wurde weder der Kaiser persifliert noch sein Rüstungsetat thematisiert. Im Vordergrund stand die Schaffung einer neuen Kunstform. Es war das Interagieren mit dem Publikum, das Loslösen von starren vorgegebenen Texten. Es war das Spiel, oft auch das musikalische, im kleinen Raum. Eine neue Atmosphäre. Es war Moderne. Und das ist es noch heute.

Trotzdem war das Kabarett zeitlebens mit der Politik im Konflikt. Auch wenn die Anfänge nicht politisch motiviert waren, sie konnten es auch schwerlich sein. Die Zensur im Kaiserreich schaute sehr genau hin, was gegen die Hoheit auf den Bühnen gespielt werden sollte. Ob es ohne Zensur inhaltlich anders gelaufen wäre, ist nicht herauszufinden. Anders waren die Verhältnisse dann während der Weimarer Republik. Kurt Tucholsky zum Beispiel benutzte als Autor die Kleinkunstbühne als Ort der Gesellschaftskritik. Das Kabarett war da angekommen, wo es auch heute sein sollte.

Nun singen sie über Kochshows im Fernsehen, über die Massen am Urlaubsstrand und über Diäten. Nun schlüpfen sie in die Maskeraden von Politikern, wie Angela Merkel, Horst Köhler und Wolfgang Schäuble. Sie imitieren die Gesten, versuchen Dialekte nachzuahmen, der Inhalt ist egal. Nun stellen sie sich auf die Bühne und zeigen mit dem Finger auf die große Nase des Mannes im Publikum. Nun albern sie auch rum.

Jede Zeit hat ihren Humor und jede Gesellschaft ihren Witz. «Was passiert, wenn der Fernsehturm umkippt?» haben die Ostdeutschen vor 1989 gefragt. Die Antwort: «Man kann mit dem Fahrstuhl in den Westen fahren.» In 40 Jahren DDR war natürlich die Kritik versteckter und das machte sie reizvoll. Um so politischer wurde das Gespiel. Und um so mehr Zulauf hatten die Ensembles. Wo sonst konnten sich Intellektuelle so gut öffentlich verständigen und gleichzeitig ihre Wut zum Ausdruck bringen als im Kabarett?

Die DDR-Kabarettisten haben etwas richtig gemacht

Doch die Texte funktionieren heute nicht mehr. Da bleibt lediglich ein Schmunzeln bei den Eingeweihten. Da können zum Beispiel die Stücke eines Peter Ensikat von der Ostberliner Distel noch so hoch politisch, gut und brisant gewesen sein, heute krähen nur noch Insider oder Antiquare danach. Dennoch steht fest: Die Kabarettisten jener Zeit haben Wichtiges und Einmaliges geleistet. Sie haben nicht resigniert, weil ihnen die Stasi im Rücken saß. Sie haben, gerade deswegen, weiter gemacht. Sie haben der Zeit das Machbarste abgerungen und somit etwas Wichtiges richtig gemacht.

Westlich der Grenze boomte die Wirtschaft. Den Menschen ging es gut. «Herrmann, was machst du da?», ließ Loriot seine gezeichneten Protagonisten fragen. «Nichts, ich sitze hier nur.» «Mach doch mal was.» Die Szenen einer Ehe sind zeitlos und nur auf den ersten Blick unpolitisch. Sie funktionieren noch heute. Auch Loriot hielt den Menschen einen Spiegel vor. Doch das Bild war ein anderes. Er fand seine Themen zwischen Irrenhaus, Zuchthaus und Friedhof. Und dort finden noch heute Kabarettisten ihre Anregungen.

Zu allererst möchte ein Künstler ein Publikum haben. Dann möchte er es auch noch unterhalten können. Der Zuschauer möchte sich zurücklehnen und dort abgeholt werde, wo er ist. Er möchte auch etwas nachdenken, aber niemanden mit dem gehobenen Zeigefinger vor sich sehen. Kabarett muss dafür nicht politisch sein. Aber gesellschaftskritisch. Genau wie es die Künstler und Autoren zu ihren jeweils verschiedenen Zeiten waren. Jede Zeit bekommt ihr Kabarett. Es ist der Spiegel der Gesellschaft.

che/news.de
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Leserkommentare (3)
  • Kommentar: 3
  • 25.10.2009 12:39
von
Longus
Antwort auf Kommentar 2

Mag wohl auch daran liegen, das die Mehrheit der Komödianten nicht den Arsch in der Hose hat auch politisch mal Tacheles zu reden. Lieber nach dem Motto...alles ist ja sooo lustig. Gehört allerdings auch eine gehörige Portion Rückgrad dazu, wie man an Hildebrand über die Jahrzehnte erleben konnte. Was haben Politiker nicht alles versucht ihm und den Stachelschweinen den Mund zu verbieten. Meine Hochachtung vor ihm und seinen Mitstreitern !

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  • Kommentar: 2
  • 23.10.2009 11:51
von
avelon

Bin ganz Ihrer Meinung, Longus. Ich denke, es ist in der heutigen Zeit sogar sehr wichtig, daß das politische Kabarett am Leben erhalten wird. Die Muenchner Lach- und Schießgesellschaft, Die Stachelschweine, Notizen aus der Provinz, Scheibenwischer ... Schade, daß heute so viel Klamauk-Theater unterwegs ist.

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  • Kommentar: 1
  • 23.10.2009 00:57
von
Longus

Wer excellentes politisches Kabarett sehen möchte, der muss sich nur -Mitternachtsspitzen- auf WDR anschauen.

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