Guido Westerwelle Vom Polit-Clown zum Vize-Kanzler

Guido Westerwelle (Foto)
Guido Westerwelle vor Beginn der Koalitionsverhandlungen. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Guido Westerwelle steht kurz davor, deutscher Außenminister und Vize-Kanzler zu werden. Doch wie ist der Spaßpolitiker, der 2002 noch im «Guidomobil» durchs Land fuhr, soweit gekommen? Das Porträt eines Wandels.

Guido Westerwelle sitzt im Innenhof der Berliner FDP-Zentrale. Die Sohle seines schwarzen Lederschuhs streckt der Parteivorsitzende in die Kamera eines Fotografen. Darauf prangt leuchtend gelb die Zahl 18. Es ist der 22. April 2002, einen Tag zuvor hat Westerwelle sein Wahlziel von 18 Prozent unter den Füßen schon in der Talkshow Sabine Christiansen präsentiert. Im folgenden Bundestagswahlkampf zeigt er die gelbe 18 auf T-Shirts, Kappen, Boxhandschuhen, als aufblasbare Riesen-18 und auf den Lampenschirmen in seinem «Guidomobil». Westerwelle gibt den Polit-Clown, sein Wahlkampf ist Realsatire. Doch fünf Monate später ist die Vorführung zu Ende: Die Liberalen bekommen bei der Bundestagswahl nur 7,4 Prozent der Stimmen, Bundeskanzler Gerhard Schröder regiert mit Rot-Grün weiter, die FDP ist am Boden.

Guido Westerwelle
18 unterm Schuh - das war einmal

Als Guido Westerwelle am Abend des 27. Septembers 2009 in Berlin vor Parteikollegen und Pressekameras die Bühne betritt, jubeln die Zuhörer «Guido, Guido», halten «Westerwelle»-Plakate in die Höhe. «Wir freuen uns über dieses herausragende Ergebnis», sagt Westerwelle sachlich. «Wir wissen aber, vor allen Dingen bedeutet dieses Verantwortung.» Keine Spur von seinem breiten Guido-Grinsen, Westerwelle trägt staatsmännische Abgeklärtheit zur Schau. Und das beim besten Bundestagswahlergebnis, das die FDP je eingefahren hat: 14,6 Prozent. Ein Wert, der eine schwarz-gelbe Regierung sichert und Westerwelle zum designierten Außenminister und Vizekanzler macht. Doch anstatt direkt in Jubel auszubrechen, predigt er seiner Partei, nicht abzuheben.

Was ist passiert zwischen 2002 und 2009, wann ist aus dem Polit-Clown der über die Maßen kontrollierte Vizekanzler in spe geworden?

Als die FDP 2002 ihre herbe Niederlage einsteckt, wird klar: Der Mann an ihrer Spitze kann zwar eine 18 unter den Sohlen tragen, aber die Schuhe von liberalen Staatsmännern wie Walther Scheel oder Hans-Dietrich Genscher sind ihm viel zu groß. Und obwohl sich Westerwelle schnell vom Image des Spaßpolitikers abwendet, ist er auch in der eigenen Partei nicht unumstritten. «Westerwelle verengt die Republik auf wirtschaftliche Leistungsträger», zitiert der Spiegel den respektierten Altliberalen Gerhart Baum 2003 und kritisierte dessen «Talkshow-Sprücheklopfen». Der Selbstmord von Parteikollegen Jürgen Möllemann 2003 verunsichert den FDP-Vorsitzenden Westerwelle weiter.

Die offene Homosexualität macht Westerwelle souveräner

Doch Guido Westerwelle, der Rechtsanwalt aus Bonn, der sich schon als Schüler von der Realschule ins Gymnasium hochgearbeitet hat, beschließt, zu kämpfen, seine Fehler nicht zu wiederholen, nie wieder nicht ernst genommen zu werden.

Und er hat Erfolg. «Sein erster Coup, der auch dazu beigetragen hat, die FDP aus ihrem Tief zu holen, ist gemeinsam mit Angela Merkel die Nominierung von Horst Köhler zum Bundespräsidenten», sagt Majid Sattar, Westerwelle-Biograf und politischer Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. «Durch ein Gespräch mit Angela Merkel und Edmund Stoiber in seiner Wohnung hat Westerwelle seine Teilhabe auch symbolisch dokumentiert.» Am Ende steht Stoiber bei der Entscheidung außen vor, Merkel und Westerwelle haben ihre Machtpositionen gestärkt.

Im Sommer 2004, auf der Feier zum 50. Geburtstag von Angela Merkel, bekennt sich Westerwelle dann offen zu seiner Homosexualität, indem er erstmals in der Öffentlichkeit mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz auftritt. Seitdem sieht man ihn oft an seiner Seite und sogar Mronz' Mutter hat Westerwelle als Schwiegersohn akzeptiert. Politische Beobachter nehmen den FDP-Chef seitdem als ruhiger und kontrollierter im öffentlichen Auftritt wahr. «Er ist wesentlich mehr bei sich», sagt Sattar. «Zwar hat er auch vorher kein Versteckspiel treiben müssen, aber es gab immer wieder Situationen, in denen seine Homosexualität instrumentalisiert wurde. Als Edmund Stoiber ihn den ‹Junggesellen aus Bonn› nannte, war das natürlich genau darauf gemünzt.»

«Wir haben Wort gehalten»

Der vielleicht bedeutendste Meilenstein auf Westerwelles Weg ist jedoch der 18. September 2005. Nach der Neuwahl des Bundestages gibt es weder eine Mehrheit für Rot-Grün noch für Schwarz-Gelb und am Wahlabend schlägt Bundeskanzler Schröder in der «Berliner Runde» des ZDF verbal übermotiviert um sich. Während Angela Merkel und Edmund Stoiber im peinlichen Schröder-Sturm nahezu untergehen, hält nur einer sachlich-souverän dagegen: Guido Westerwelle. Als Schröder ihn fragt, ob er die Geschichte der sozial-liberalen Koalition nicht kenne, erwidert er «Ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht dümmer» und bringt Schröder damit zum Schweigen.

Doch vor allem baut sich Westerwelle an diesem Abend eine neue Marke auf, die er sich bis heute ans Revers heftet: die Glaubwürdigkeit. Denn Schröders Offerten in Richtung einer rot-gelb-grünen Ampel-Koalition schlägt er aus, sagt: «Sie werden mit uns nicht regieren, wir werden Ihren Regierungsauftrag nicht verlängern.» Dabei bleibt er, wie vor der Wahl versprochen, obwohl das die FDP die Regierungsbeteiligung kostet und die Große Koalition ins Amt hievt. Westerwelle zehrt noch heute davon: «Wir haben Wort gehalten», betont er noch eine Woche vor der Bundestagswahl 2009, im Schlussappell beim FDP-Parteitag in Potsdam. Die Glaubwürdigkeit ist zu einem der wichtigsten Bausteine in Westerwelles seriösem Image geworden.

Alleinherrscher Westerwelle

Nach der Wahl 2005 gelingt es ihm, sich mit starken rhetorischen Fähigkeiten und trotz der Konkurrenz von Grünen und Linken im Bundestag als Oppositionsführer zu etablieren. «In der Zeit nach 2005 macht er keine großen Fehler mehr», sagt Sattar. «Schwierig war es noch einmal, als er Wolfgang Gerhardt den Fraktionsvorsitz abnahm. Da gab es Ärger in der Fraktion, aber machtpolitisch war der Schritt richtig.» Zugleich führt Westerwelle die Partei weg vom Image der Eliten-Partei, stellt sie thematisch wieder breiter auf, spricht in seinen Reden viel von Bildung, Datenschutz und Ökologie. Innerhalb der FDP nimmt er damit Kritikern den Wind aus den Segeln und in der Öffentlichkeit lässt er so das von der politischen Konkurrenz oft beschworene neoliberale Schreckgespenst verblassen.

Im Bundestagswahlkampf 2009 füllt Westerwelle große Hallen und Marktplätze. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher absolviert Auftritte und selbst Gerhart Baum, der ihn einst so kritisierte, nennt die Meinungsverschiedenheiten jetzt «Schnee von gestern». So ist Westerwelle mittlerweile Alleinherrscher, dem die Partei zu Füßen liegt - auch weil es keinen anderen aktiven Politiker in der FPD gibt, der annähernd sein Format hätte.

Westerwelle hat es geschafft: «Der ewige Guido», den wohl niemand mehr ernst nahm, wie der Spiegel einst schrieb, muss jetzt ernst genommen werden.

Lesen Sie auf Seite 2, warum an Außenminister Westerwelle gezweifelt wird, noch bevor er im Amt ist.

Der nächste Schritt, der vor ihm liegt, ist der vom seriösen Politiker zum international anerkannten Staatsmann. Denn auf den Posten als Außenministers arbeitet er schon seit langem hin, in diesem Jahr etwa durch einen Besuch beim russischen Außenminister Lawrow in Moskau oder durch eine Rede in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Und das Amt steht ihm als Parteichef des kleinen Koalitionspartners auch zu. Anders lautenden Spekulationen erteilt Westerwelle-Kenner Sattar eine Absage: «Nie und nimmer wird Westerwelle ein Superministerium der Finanzen und Wirtschaft übernehmen», sagt der Biograf. Das würde die Union der FDP auch gar nicht zugestehen. «Für mich ist klar, dass er sich das Auswärtige nehmen wird.»

Doch schon bevor Westerwelle das Amt antritt, werden Zweifel und Kritik laut. Als er kurz nach der Wahl einen englischen Journalisten der BBC auffordert, seine Fragen in Deutschland auf Deutsch zu stellen, verbreitet sich ein Video dieser Szene schnell im Internet und auch eine alte Aufnahme, in der Westerwelle mäßiges Englisch an den Tag legt, macht die Runde. Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge wünschen sich auch nur 28 Prozent den FDP-Chef als Außenminister. 46 Prozent würden ihn demnach lieber in einem anderen Ressort sehen, etwa als Wirtschafts- oder Bildungsminister.

«1998 gab es ähnliche Bedenken gegen einen Außenminister Joschka Fischer», sagt Westerwelle-Biograf Sattar. «Das hatte sich dann aber schnell erledigt.» Ähnlich sei es bei Hans-Dietrich Genscher gewesen. Als der vom Innen- ins Außenministerium wechselte, hätten viele gedacht, oh je, der kann ja gar kein Englisch. «Das Ansehen kommt mit dem Amt, und das wird wohl auch bei Guido Westerwelle so sein.»

twa/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ole
  • Kommentar 1
  • 10.10.2009 22:40

Es meldet sich kein 14,6prozentiger. Wo sind all die mehrverdienenden Spaßwähler? Euer blaublütiger Finanzexperte Hermann Otto Solms hat auf einmal entdeckt,das seine neue Kanzlerin wohl nur Schulden hinterlassen hat.Wo war der Experte und Bundestagsvizepräsident in den letzenten vier Jahren? Ist er auch so blööööd wie sein Vorsitzender Guido, Englandexperte?Nur noch gelbe U-Boote wie N ebel und co.?Wenn sie vorher nichts beblickt haben,daraufhin ihre Wahlversprechen ausgerichtet haben, was soll denn dann nun kommen?Sind denn nun alla 14,6prozentig?

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