Jubel und Sorgen nach Gefangenenaustausch
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von Hans Dahne
Artikel vom 02.10.2009
Israel und die Hamas haben einen Schritt auf dem Weg zu einem umfassenden Gefangenenaustausch gemacht. Die Hamas übergab ein Video von dem 2006 entführten Soldaten Gilad Schalit. Israel ließ im Austausch 19 Palästinenserinnen frei.
Für Fatima Sak ist es der schönste Tag im Leben. «Ich danke Allah, dass ich mit meinem Sohn, den ich im Gefängnis geboren habe, freigekommen bin», sagt die 42 Jahre alte Mutter von neun Kindern nach ihrer Rückkehr in den Gazastreifen. Im Norden Israels bleibt dagegen eine Familie mit gemischten Gefühlen zurück. Zwar haben Aviva und Noam Schalit erstmals seit mehr als drei Jahren wieder das frisch rasierte Gesicht ihres Sohnes auf einem Video gesehen, aber bis zur Freilassung des 23-Jährigen aus der Gefangenschaft im Gazastreifen kann es noch Monate dauern.
Rund 1000 in Israel inhaftierte Palästinenser will die im Gazastreifen herrschende Hamas-Organisation im Gegenzug für die Freilassung des am 25. Juni 2006 entführten Soldaten freipressen. Die ersten 19 - alles Frauen im Alter zwischen 19 und 47 Jahren - kehrten heute unter unbeschreiblichem Jubel ihrer Angehörigen in die Heimat, das Westjordanland und den Gazastreifen, zurück.
Für die Familie des israelischen Soldaten ist dieser Freitag einer von vielen schwierigen Tagen. Seit drei Jahren, drei Monaten und sieben Tagen durchlebt sie sie eine emotionale Achterbahnfahrt. Durch die Hölle gingen die Schalits während des Gaza-Krieges um den Jahreswechsel, als lange Zeit nicht klar war, ob ihr Sohn möglicherweise sogar ums Leben gekommen war. Drei Briefe hat die Familie seit der Entführung erhalten. Mehr als zwei Jahre liegt es zurück, dass die Schalits die Stimme ihres Sohnes gehört haben - in einer Audio-Botschaft. Das letzte Lebenszeichen stammt aus dem Juni vergangenen Jahres.
Die ganze Anspannung war den Schalits am Freitagmorgen anzumerken. In ihm herrsche nur ein «Gefühl des Wartens», antwortet Vater Noam auf die Frage von Reportern, die das Haus belagert haben. Und bevor die Eltern das erste Mal mit eigenen Augen gesehen haben, wie ihr Sohn jetzt aussieht, sind schon Details des mehr als zwei Minuten langen Videos in den Medien durchgesickert. Frisch rasiert, mit ordentlichem Haarschnitt, entspannt und bei guter Gesundheit soll sich der 23-Jährige präsentiert haben. Der Druck auf die Familie ist gewaltig. Auch weil die israelischen Medien wegen der großen Anteilnahme der Bevölkerung die Videobotschaft unbedingt veröffentlichen möchten.
Im Gazastreifen herrscht dagegen bei Familie Zak eitel Sonnenschein. «Ich danke den Entführern von Schalit und den Unterhändlern (der Hamas) für ihre Anstrengungen, die sie für unsere Freilassung unternommen haben», sagt die 42-Jährige mit Sohn Jussef im Arm. Israelische Sicherheitskräfte nahmen sie am 30. Mail 2007 am Grenzübergang Erez fest, weil sie einen Anschlag in Israel plante.
Sak wurde dann im israelischen Gefängnis zum neunten Mal Mutter. Der kleine Jussef ist inzwischen ein Jahr und acht Monate alt. Und genau da beginnt das Problem. Sobald Kinder das zweite Lebensjahr erreicht haben, dürfen sie nicht mehr bei der Mutter bleiben. Die Erleichterung von Sak ist kaum zu beschreiben: «Wäre ich im Gefängnis geblieben, hätten sie mir meinen Sohn weggenommen», sagt sie.
Die im Gaza-Streifen herrschende Hamas-Organisation bereitet Sak dann einen großen Empfang. Hamas-Führer Ismail Hanijah spricht von einem «Triumph des Widerstandes». Mit Stolz erzählen Hamas-Politiker, dass es weder Israels viel gerühmter Geheimdienst noch palästinensische Spitzel in drei Jahren geschafft haben, das Versteck des Soldaten auszukundschaften.
Der Empfang für die 18 Frauen, die ins Westjordanland zurückkehren, fällt im Amtssitz von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas kühler aus als die Jubelfeiern für andere Heimkehrer zuvor. Abbas weiß, dass die Familien der freigelassenen Frauen nicht ihm, sondern der rivalisierenden Hamas danken. Mitte kommenden Jahres soll in den Palästinensergebieten gewählt werden. Popularitätsschübe für die Islamisten sind so etwa das Letzte, was der ohnehin in Bedrängnis geratene Abbas gebrauchen kann.
Rund 11.000 Palästinenser sitzen nach palästinensischen Angaben in israelischen Gefängnisse. Mehr als 7300 von ihnen werden nach israelischen Angaben wegen so genannter Sicherheitsvergehen festgehalten.
jan/seh/news.de/dpa
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Er ist ganz der Alte: Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hetzt vor der UN-Vollversammlung wieder mehr ...
Auf antisemitischen Vorwürfe des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad vor der UN-Vollversammlung hat Israels Regierungschef mehr ...
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich nach einem Gespräch mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu deutlich mehr ...
Der größte Abzocker R. Fuld hatte doch erst ca. 400 Millirden an Israel überwiesen. Müßte eigentlich für einen neuen Krieg genug sein.
jetzt antwortenKommentar melden