Interview mit Franz Müntefering «Mit wem man duscht, entscheidet man später»

Franz Müntefering (Foto)
SPD-Vorsitzender Franz Müntefering. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Politik erklärt er gerne mit Fußball-Vergleichen: Franz Müntefering. Im Wahlkampfendspurt verteilte der SPD-Vorsitzende in einem Berliner Park rote Rosen. Dabei sprach er mit news.de über den Graswurzelwahlkampf und die SPD-Aufholjagd.

Die Uhr tickt, noch 28 Stunden bis zur Schließung der Wahllokale. Die Kandidaten bäumen sich im Schlussspurt noch einmal richtig auf - und wildern notfalls auch in fremden Revieren. Berlin, Volkspark Friedrichshain. Björn Böhning, der örtliche SPD-Direktkandidat, schlendert mit seinem Parteivorsitzenden Franz Müntefering durch die Grünflächen, tätschelt Kinderköpfe, spricht Leute an und drückt ihnen eine rote Rose in die Hand.

Plötzlich bricht der Platzhirsch aus dem Gebüsch. Hans-Christian Ströbele, der für Bündnis90/Die Grüne den Wahlkreis mehrfach direkt gewonnen hat, radelt heran, steigt ab und beginnt, grüne Broschüren zu verteilen. Auch die Familien, deren Kindern schon mit einem roten SPD-Ballon über den Rasen flitzen, bekommen eine Alternative angeboten. Größere Reibereien zwischen den Wahlkämpfern bleiben aber aus, sie entschließen sich zu einer friedlichen Koexistenz. Zeit für ein Gespräch:

Schwarz-Rot
Bleibt alles anders

Herr Müntefering, im Wahlkampf-Endspurt werden Rosen verteilt, es wird gechattet und getwittert - und das rund um die Uhr. Ihr Parteifreund Peter Struck hält die modernen Formen von Politik nur noch für «komplett bescheuert». Wie geht es Ihnen dabei?

Müntefering: Ich kenne und schätze den Peter Struck. Das hat der niemals gesagt. Das haben Sie jetzt erfunden.

Das Zitat stand in der «Frankfurter Rundschau».

Müntefering: Ja, das macht die Sache auch nicht besser. Aber Wahlkampf ist ein Stück von Demokratie. Wie man die Menschen anspricht, dafür gibt es unterschiedliche Formen. Und alles was es da gibt, ob das jetzt traditionell ist oder modern, ist auch zeitgemäß und in Ordnung. Es muss den Menschen ja auch Gelegenheit gegeben werden, sich zu informieren. Die Frage ist: Wie erreicht man das? Man muss halt bestehen über viel Reklame und viel Information. Die Politik hat ein Recht, die Menschen auf ihre Art anzusprechen.

Deutsche Bundeskanzler
Sieben Männer und eine Frau

Ihnen kommen also keine genervten Leute entgegen?

Müntefering: Die Reaktionen sind gut. Björn Böhning als Direktkandidat und ich gehen hier durchs Café und sprechen mit den Menschen im Park. Die sind nicht böse, die nehmen das an. Und die sagen auch ein freundliches Wort - nicht alle, aber wir wollen ja auch nicht alle. Wir wollen nur die Mehrheit.

1998, 2002, 2005 - Sie haben schon viele Wahlkämpfe für die SPD erfolgreich gemanagt. Wie beurteilen sie den Wahlkampf 2009 im Vergleich?

Müntefering: Jeder Wahlkampf ist anders. Jeder Wahlkampf ist ein Unikat, hat eine eigene Geschichte und unterschiedliche Voraussetzungen. Wir haben in diesem Jahr lange zurückgelegen, ganz klar. Das hat aber auch seine Erklärungen. Geschichten wie Hessen und Geschichten wie Clement sind uns da natürlich hereingehagelt, gar keine Frage. Aber wir haben in den vergangenen vier Wochen deutlich hinzugewonnen. Das war richtig erkennbar bei den Landtagswahlen in Thüringen und im Saarland, wo die CDU richtig abgeschmiert ist und wo die verloren haben, die da als Ministerpräsidenten regierten und geglaubt haben, sie werden wiedergewählt, nur weil sie vorne sind. Das ist natürlich schon ein deutliches Zeichen gewesen. Und das TV-Duell, wo Frank-Walter Steinmeier gut aussah und gezeigt hat, dass er ein Mann mit Kanzlerformat ist, das war natürlich eine Sache, die uns bewegt und die Leute interessiert hat. Seitdem verändern sich die Umfragen. Wir haben noch nicht gewonnen bisher, aber es steht Spitz auf Knopf.

Lange Zeit hat die SPD versucht, mit Attacken auf die CDU in den Umfragen zuzulegen. Wäre es nicht besser gewesen, die gemeinsame Regierungsarbeit zu loben statt einen Partner herunterzumachen, mit dem man vier Jahre am Kabinettstisch gesessen hat?

Müntefering: Ach, nein. Ich weiß auch nicht, wo die Meinung jetzt wieder herkommt. Es gibt ja auch viele, die sagen, man muss einen sehr viel schärferen Wahlkampf machen. Ich glaube jedenfalls, dass das alles bislang angemessen war. Wir waren zusammen in der Regierung. Und diese Regierung war auch nicht schlecht, das sagt ja keiner. Aber die Demokratie kann nicht dauerhaft eine Große Koalition gebrauchen. Aus demokratiehygienischen Gründen muss man dafür sorgen, dass sich bei einer Wahl auch wieder die Möglichkeit ergibt, dass sich andere Konstellationen herausbilden können und die Großen nicht zusammenbleiben müssen. Deshalb: Der Großen Koalition wird kein Stein hinterher geschmissen, aber jetzt ist gut, jetzt sollte man etwas anderes machen und die SPD nach vorne bringen, das ist das bessere.

Im Fünfparteiensystem wird es ohnehin zwangsläufig schwieriger, die höheren Ergebnis aus den früheren Jahren zu erzielen. Jetzt liegt für die SPD, um Schwarz-Gelb zu verhindern, die magische Grenze bei 28 Prozent ...

Müntefering: Das hat damit gar nichts zu tun. Schwarz-Gelb zu verhindern, heißt, die müssen weniger haben, als die anderen zusammen.

Aber nehmen wir mal an, die SPD sackt unter den historischen Tiefwert von 28 Prozent. Droht der Partei dann eine Zerreißprobe?

Müntefering: Nein, das nehmen wir nicht an. Das wird anders ausgehen am Sonntagabend, da bin ich mir ganz sicher.

Und darüber hinaus? Welche Strategie empfehlen Sie Ihrer Partei über den Tag X hinaus?

Müntefering: Erst einmal nur den 27.09.2009, 18 Uhr, beachten und Graswurzelwahlkampf machen, die Menschen ansprechen, jede Chance nutzen. Alles andere hat Zeit. Das ist wie beim Fußball: 90 Minuten nutzen, Nachspielzeit gibt es nicht. Mit wem man duschen geht, klärt man hinterher. Und jetzt wird erst noch einmal Wahlkampf gemacht.


Franz Müntefering war im Kabinett von Angela Merkel von 2005 bis 2007 Bundesminister für Arbeit und Soziales. Nachdem er sich dann aus privaten Gründen für ein Jahr aus der Politik zurückgezogen hatte, kehrte Müntefering im Oktober 2008 auf die politische Bühne zurück und wurde zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt - ein Amt, das der gebürtige Sauerländer schon zuvor von 2004 bis 2005 einmal inne hatte.

tno/news.de

Leserkommentare (17) Jetzt Artikel kommentieren
  • Pope
  • Kommentar 17
  • 01.10.2009 22:22
Antwort auf Kommentar 12

Der Schießl Konrad hat nach meinem Deutschlehrer mindestens 11 Fehler in drei Sätzen.Darf er Deutscher bleiben? Ja.es gillt noch das nationalsozialistische Blutrecht!

Kommentar melden
  • Guy
  • Kommentar 16
  • 29.09.2009 22:55
Antwort auf Kommentar 15

... im Gegensatz zu vielen anderen, haben aber diese Kleinstaten sich keine Diktatoren oder Kolonien "geleistet" ,andere bedroht, überfallen, geknechtet und beraubt...!

Kommentar melden
  • Longus
  • Kommentar 15
  • 29.09.2009 09:01
Antwort auf Kommentar 14

Na ihr Luxemburger, Lichtensteiner und vor kurzem noch die schweizer, müsst mal ganz still sein. Wenn bei euch jeder Diktator, Tyrann und Waffenhändler etc. sein Blutgeld verstecken darf, ist das alles andere als Ehrenwert.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige