Für ein Dosenbier in den Westen
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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Artikel vom 14.09.2009
Der Grenzübergang Marienborn war die größte DDR-Kontrollstelle an der innerdeutschen Grenze. Allein von 1985 bis 1989 wurden hier 35 Millionen Reisende abgefertigt. Heute steht die Anlage unter Denkmalschutz und lädt zum informativen Rasten ein.
Annemarie Reffert wollte ihrem Mann nur ein Dosenbier holen, als sie sich am 9. November 1989 mit ihrer damals 15 Jahre alten Tochter Juliane in den Wartburg setzte, um in den Westen zu fahren. «Denn Bier aus der Dose gab es in der DDR nicht», erklärt sie. Mit ihrer Fahrt hat Annemarie Reffert Geschichte geschrieben – als erste DDR-Bürgerin, die Günter Schabowskis Reiseverhaspler auf die Probe stellte und die Grenze in Richtung Bundesrepublik passierte.
«Es war ein Donnerstag», erinnert sich die pensionierte Ärztin aus Gommern bei Magdeburg. Als die unverhoffte Ankündigung der Reisefreiheit um 19 Uhr im ZDF, um 19.30 Uhr in der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera des DDR-Fernsehens und um 20 Uhr in der Tagesschau lief, hielt die damals 46-Jährige es nicht mehr aus. Ein offenbar selbst überraschter SED-Funktionär Schabowski war auf allen Kanälen zu sehen, wie er verkündete, dass Reisen in die Bundesrepublik für DDR-Bürger auch ohne besonderen Grund ab sofort möglich seien.
Die Refferts konnten es nicht fassen. Sie rätselten, ob man denn nun einfach so rüberfahren könne. Tochter Juliane schlug vor, doch einfach zu probieren, ob es geht. Also setzten sich Mutter und Tochter in den Wartburg und fuhren Richtung Westen. Den Weg nach Marienborn kannte Annemarie Reffert als Notärztin. «Die Autobahn war leer, es war totenstill. Als wir an der Abfahrt Irxleben kurz hinterm Rasthof Börde vorbeigefahren sind, wurde mir doch etwas komisch», erzählt sie. Denn hier war normalerweise für DDR-Bürger Schluss. Weiter ging es nur mit Passierschein.
Doch die Refferts hielt an jenem Abend nichts auf. Erst an der Grenzübergangsstelle kamen die Kontrollen und die Fragen, wohin man denn wolle. «Ich habe argumentiert, Schabowski habe gesagt, wir dürfen rüber», sagt Reffert. Die Grenzsoldaten waren ratlos, ließen sie passieren. «Es gab ja mehrere Kontrollposten, und offenbar hat jeder die Entscheidung an den nächsten Posten delegiert. Und umkehren ging ja nicht.»
Als ein Zöllner den leeren Kofferraum des Wartburg inspizierte, fragte er erstaunt, warum die beiden denn kein Gepäck dabei hätten. «Wir wollen bloß mal kurz gucken, ob wir wirklich reisen können», entgegnete Reffert. Und durfte fahren, über den gleißend hell erleuchteten Grenzübergang Marienborn ins westdeutsche Helmstedt. Dort warteten bereits die ersten Journalisten, stürmten mit Mikrofonen auf sie zu. «Als ich ihnen sagte, dass wir wieder zurück wollen, waren wir uninteressant», erzählt die 66-Jährige. Sie berichtet, wie sie eine erste kurze Runde durch Helmstedt drehten.
Das Dosenbier? Sie hatten keine D-Mark. Also ging es zurück nach Hause. Aber die DDR-Grenzbeamten wollte sie erst gar nicht wieder hereinlassen. «Was soll das?», fragte ein misstrauischer Grenz-Offizier. «Sie sind doch gerade erst ausgereist.» Für Annemarie Reffert war genau das die Logik: «Jetzt wusste ich, dass ich im Osten bleiben konnte, weil sich etwas ändern würde.» Schon um 22.45 Uhr war sie wieder bei ihrem Mann. Zusammen verfolgten sie die sich überschlagenden Ereignisse im Fernsehen.
Zwei Tage später ging es wieder «rüber» – mit vielen anderen. Die Autobahn A2 war völlig zu, verstopft mit tuckernden Zweitaktern, die gen Westen wollten. Der Stau reichte bis zum 60 Kilometer entfernten Burg. Annemarie Reffert ist heute Ruheständlerin, fährt aber regelmäßig noch als Rettungsärztin Dienste. Der Ausweis ihrer Tochter Juliane ist in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn ausgestellt. Der Stempel von der Wiedereinreise belegt, dass die Refferts tatsächlich vor dem Fall der Berliner Mauer im Westen und damit die ersten waren, die von der neuen Reiseregelung Gebrauch machten.
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