Wenn ein Staatsmann stirbt
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Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Artikel vom 10.09.2009
Stirbt ein Politiker, trauern seine Kollegen. Doch sie tun es anders als der Durchschnittsbürger. Trauerforscher Norbert Fischer erklärt im news.de-Interview, was man aus politischen Trauerzügen ablesen kann und warum sie wie ein Ventil wirken.
Herr Fischer, trauert die politische Klasse anders als der Durchschnittsbürger?
Fischer: Auf jeden Fall. Die politische Klasse trauert auf einer symbolisch-repräsentativen Ebene. Man kann am Trauerzug erkennen, welchen Rang die einzelnen Politiker in Bezug auf die verstorbene Persönlichkeit haben, aber auch in Bezug auf den Staat oder die Partei, die diese Persönlichkeit repräsentiert hat. Da wird eine symbolische Rangordnung deutlich. Wenn man die Sitzordnung bei der Trauerfeier und die Reihenfolge beim Trauerzug im Einzelnen analysieren würde, könnte man ein sehr kompliziertes politisches Geflecht erkennen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Fischer: Ja, ein historisches aus der Weimarer Republik: Friedrich Ebert war der erste sozialdemokratische Reichspräsident. Er starb 1925. Viele demokratische Parteien erkannten das damals zurecht als Gefahr, weil der Nationalsozialismus schon hintergründig sichtbar wurde. Man argwöhnte, wenn das Land jetzt einen rechtsgerichteten Reichspräsident bekäme, würde das den rechten Parteien und vor allem den Nationalsozialisten Tür und Tor öffnen. So organisierten Sozialdemokraten und Gewerkschafter in Berlin einen sehr großen Trauerzug, um noch einmal einen Beweis für die Stärke der Demokratie zu liefern.
Gibt es auch besondere Symbole und Rituale, die auf einer normalen Beerdigung vielleicht nicht zu sehen wären?
Fischer: Ein weiteres Beispiel aus der Geschichte: Als der Führer der Sozialdemokratie, August Bebel, 1913 starb, wurden bei der Trauerfeier die Trauersymbole statt im traditionellen Schwarz in Rot gehalten, der Farbe der Sozialdemokratie und des Sozialismus. Schleifen waren rot gefärbt, Kränze mit roten Emblemen versehen, rote Fahnen wurden geschwenkt. Die Presse schrieb danach von einer Symphonie in Rot.
Welche Bedeutung hat eine politische Trauerfeier für die Gesellschaft und den normalen Bürger?
Fischer: Für die Gesellschaft zeigt sich an der Dimension der Trauerfeier, wie groß die Bedeutung des Politikers war. Für den normalen Bürger bieten solche Inszenierungen, die häufig ja im Fernsehen zu sehen sind, die Möglichkeit, Anteilnahme zu zeigen. In einer Gesellschaft, in der der Tod öffentlich kaum noch wahrgenommen wird, ist das für viele Leute wie ein Ventil: Sie können die Emotionen zeigen, die ihnen sonst im Alltag verwehrt bleiben. Das ist bei politischen Trauerfeiern so, aber auch bei Trauerfeiern für Prominente generell. Beim Tod von Lady Diana hat sich das gezeigt, aber auch vor kurzem wieder beim Tod von Michael Jackson.
In einem Aufsatz schreiben Sie, dass die Trauer auch zur Legitimation des politischen Systems dient. Erklären Sie uns das mal.
Fischer: Es kommt darauf an, um welches politische System es sich handelt. In der DDR wurden Trauerfeiern für verstorbene Politiker genutzt, um zu zeigen, was das politische System leisten kann, zum Beispiel Militärdemonstrationen. Bei Trauerfeiern in der Sowjetunion wurden in den 1980er Jahren schon die Nachfolgepersönlichkeiten der Verstorbenen präsentiert. So konnte die Bevölkerung erkennen: Es geht weiter. Die Nationalsozialisten verherrlichten und ideologisierten den Tod ihrer Anhänger als «Opfertod», um sich hoffähig zu machen.
Gilt dieses Prinzip der Legitimation auch für demokratische Systeme wie die Bundesrepublik?
Fischer: In der Bundesrepublik spielt die Legitimation des gesamten Systems nicht mehr eine so große Rolle. Hier sind es eher bestimmte gesellschaftliche Gruppen, häufig Parteien, die sich selber legitimieren. Zum Beispiel hatte die Sozialdemokratie mit dem Tod Willy Brandts eine der großen Persönlichkeiten verloren. Brandts Trauerfeier wurde genutzt, um zu zeigen: Wir sind noch da.
Gibt es eine Trauerfeier, die besonders bedeutsam war für die Geschichte der Bundesrepublik?
Fischer: Mit der Beerdigung von Konrad Adenauer 1967 ging eine Ära zu
Ende. Und das wussten auch viele. Adenauer war bis ins hohe Alter im Amt geblieben, und als er dann starb, stellte das eine Zäsur dar: den Übergang von der Nachkriegszeit zur Bundesrepublik der 1970er Jahre. Zweieinhalb Jahre nach seinem Tod wechselte dann auch die Regierung, und die CDU stellte zum ersten Mal nicht mehr den Bundeskanzler.
Prof. Dr. Norbert Fischer ist Honorarprofessor am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie sowie Privatdozent für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Uni Hamburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Themen Tod und Trauer, Friedhof, Grabmal und Bestattung.
iwi/news.de
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