Von news.de-Redakteur Timo Nowack - 09.09.2009, 12.07 Uhr

Mauern, Zäune, Stacheldrähte: Im Grenzbereich

Sie war das steingewordene Dokument der innerdeutschen Teilung: die Berliner Mauer. Auch heute noch trennen Mauern, Zäune und Sicherheitsanlagen Länder, Völker, Feinde und Freunde. Es sind Symbole der Abgrenzung und Orte tragischer Schicksale.

Grenzübergang zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Bild: dpa

Der 18-jährige Paul und sein Freund Hartmut haben es fast geschafft. Es ist der erste Weihnachtsfeiertag 1963 und die beiden sind bis auf die stacheldrahtbewehrte Mauerkrone geklettert. Mit einem Sprung aus Berlin Mitte nach Kreuzberg wollen sie die DDR für immer verlassen. Doch dann eröffnen die Grenzsoldaten das Feuer. Hartmut schafft es noch unverletzt von der Mauer, Paul aber kann dem Kugelhagel nicht mehr ausweichen. Er landet mit einem Lungendurchschuss auf West-Berliner Boden und stirbt noch am gleichen Abend.

FOTOS: Mauern und Zäune in aller Welt Grenzen aus Stahl und Beton

136 solcher Todesschicksale an der Berliner Mauer haben Forscher für das Projekt «Chronik der Mauer» schon zusammengestellt – und es werden wahrscheinlich nicht die letzten gewesen sein. Denn wohl kaum eine Grenze ist so gut erforscht wie die innerdeutsche in Berlin. Von 1961 bis 1989 trennten hier drei bis vier Meter hohe Betonmauern, Gräben, Türme, Stolperdrähte und Laufanlagen für Wachhunde die Menschen in der DDR von denen in der BRD. Insgesamt 43 Kilometer erstreckte sich die Berliner Mauer zwischen dem Osten und dem Westen der Stadt. Weitere 112 Kilometer Grenzanlage trennten Westberlin vom DDR-Bezirk Potsdam.

Die Berliner Mauer war wie eine Gefängnismauer für die DDR, denn sie sollte die Abwanderung und Flucht der Bürger in den Westen verhindern. Ihr Bau richtete sich gegen die eigene Bevölkerung. Dadurch unterscheidet sie sich von den Mauern und Grenzanlagen von heute - die sollen Flüchtlinge und Feinde draußen halten. News.de zeigt drei der umstrittensten Grenzanlagen:

Afrikas umzäunte Tore nach Europa

Die Grenze zwischen Afrika und Europa verläuft meist auf See. Afrikaner, die sie als Flüchtlinge - oft in überfüllten Schlepperbooten - überqueren, landen halb verdurstet etwa am Strand von Teneriffa oder in einem gefängnisartigen Lager auf Malta. Doch Europa und Afrika haben auch eine Grenze an Land. Auf dem afrikanischen Kontinent, umschlossen von Marokko, liegen die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Wer es in eine dieser Städte schafft, befindet sich auf europäischem Boden.

So stauen sich in den Wäldern, Städten und Dörfern um Ceuta und Melilla Flüchtlingsströme aus ganz Afrika, Menschen, die den riesigen Kontinent oft zu Fuß und auf überfüllten Lastwagen durchquert haben. Doch die Tore nach Europa sind gut gesichert. Zwei Reihen Zaun mit Stacheldraht, dazwischen kontrolliert die Guardia Civil, Bewegungsmelder, Infrarotkameras. Als im Jahr 2005 bekannt wurde, dass die Zäune um Melilla von drei auf sechs Meter erhöht werden sollen, versuchten Hunderte Afrikaner, ihre vermeintlich letzte Chance zu nutzen. Ausgerüstet mit selbst gemachten Leitern und Handschuhen als Schutz gegen den Stacheldraht stürmten sie die Grenzanlagen, mehr als zehn kamen ums Leben.

Im November 2008 schrieb die Frankfurter Rundschau über einen Kongolesen, der schon seit drei Jahren versucht, den Zaun von Ceuta zu überwinden und mit sechs anderen in einem Acht-Quadratmeter-Zimmer wohnt: «Ich kann nicht mehr zurück», sagt der Mann. «Wenn ich auf einen Hügel steige, kann ich Spanien auf der anderen Seite des Meeres doch schon sehen.» Er ist nur einer von vielen.

Israels Sperranlage kommt vom Kurs ab

Es soll eine Schutzmauer sein. Mit den Sperranlagen zum Westjordanland will Israel die Einreise von palästinensischen Selbstmordattentätern verhindern - auf einer Länge von mehr als 750 Kilometern. Allerdings ist der 2003 begonnene Bau noch nicht abgeschlossen. Die Sperranlage besteht zum größten Teil aus einem doppelten, stacheldrahtbewehrten Zaun mit Bewegungsmeldern und einem Weg für Patrouillen dazwischen. An manchen Stellen machen bis zu sieben Meter hohe Betonblöcke die Grenzanlage zur Mauer.

Der internationale Gerichtshof in Den Haag stellte im Juli 2004 in einem Gutachten fest, dass der Bau der Sperrmauer auf der gewählten Route die Rechte der Palästinenser stark beeinträchtige, gegen Völkerrecht verstoße und illegal sei. Da das Gutachten aber nicht bindend ist, setzte Israel den Bau fort. Der damalige Finanzminister und heutige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, das Gericht habe «kein Recht, sich als das Gewissen des jüdischen Volkes aufzuspielen».

Die Grenzanlage ist international umstritten, weil sie von der anerkannten Waffenstillstandslinie abweicht und vielerorts weit in palästinensisches Gebiet hineinreicht. So schneidet sie Bauern von ihren Feldern ab, Kinder von ihren Schulen. Selbst das Oberste Gericht in Jerusalem urteilte im August 2008, eine Teilstrecke nahe des Dorfes Bilin reiche zu weit ins Palästinensergebiet. Die Sperranlage müsse zum Großteil oder ausschließlich auf israelischem Gebiet verlaufen.

Es ist nicht die einzige Sperranlage zwischen Israelis und Palästinensern: Auch der Gazastreifen ist von einer ähnlichen Begrenzung umschlossen.

Tausend Kilometer Zaun gegen Einwanderer und Drogenschmuggler

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist 3141 Kilometer lang - über mehr als 1000 Kilometer davon erstreckt sich ein Zaun. Der Ausbau der Grenzbefestigung begann unter Präsident Bush und Präsident Obama stoppte ihn seit seiner Amtseinführung nicht. Der Zaun ist unterschiedlich stark ausgebaut: vom einfachen Stahlrohrzaun bis hin zu einer dreifachen Sicherheitslinie mit Fahrzeugsperren und Stacheldraht, alles in einer Höhe von drei bis sechs Metern. Dahinter patrouillieren Grenzschützer und Nationalgardisten, teilweise mit Hubschraubern.

Die Mexikaner überwinden den Zaun trotzdem immer wieder - sie klettern mit Leitern darüber, graben Tunnel darunter oder schneiden Löcher hinein. So gelangen Einwanderer auf der Suche nach Arbeit, Glück und Wohlstand aber auch Drogen- und Menschenschmuggler in die USA. Schlepper verlangen für den Transport über die Grenze teilweise mehr als 3000 Dollar. Wie viele jedes Jahr bei der Überquerung der Grenze sterben ist ungewiss - auf jeden Fall sind es aber Hunderte.

Die USA wollen mit dem Zaun illegale Einwanderer abhalten, fürchten aber auch gerade in den vergangenen Monaten den ausufernden Drogenkrieg in Mexiko. So liegt etwa die mexikanische Stadt Ciudad Juárez direkt am Grenzfluss Rio Grande und ist durch Brücken mit dem texanischen El Paso verbunden. Anfang des Jahres hat die Drogenmafia in Ciudad Juárez den Rücktritt des Polizeichefs erzwungen und tötet fast täglich. Erst vergangene Woche stürmten dort bewaffnete Männer eine Entzugsklinik, stellten 17 Menschen an die Wand und richteten sie regelrecht hin. Viele ihrer Waffen beziehen die Verbrecher in Mexiko aus den USA.

mik/news.de

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