Kamen die Entführer vom Geheimdienst?
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Von news.de-Korrespondent Gil Yaron, Tel Aviv
Artikel vom 03.09.2009
Neue Spekulationen um die «Arctic Sea»: Ein russischer Marineexperte floh in die Türkei, er hatte Theorien über eine Operation des russischen Geheimdienstes veröffentlicht. Israelische Quellen melden ähnliches - und bieten detaillierte Informationen.
Die vermeintliche Entführung des russischen Frachters «Arctic Sea» und die spektakuläre Befreiungsaktion mitten im Atlantik geben Anlass zu immer neuen Spekulationen. Schon jetzt deckt sich die offizielle Version russischer Behörden nicht mit dem Wissensstand westlicher Medien. Gut informierte israelische Quellen berichten nun, dass die Entführung vom russischen Geheimdienst FSB inszeniert worden sein soll, um ein heimliches Waffengeschäft zwischen der russischen Mafia und dem Iran zu vertuschen.
Laut Angaben der israelischen Nachrichtenwebseite Ynet, eine der wichtigsten Nachrichtenquellen im Land mit besten Kontakten zu westlichen Geheimdiensten, begann die Affäre bereits vor zwei Monaten. Die «Arctic Sea» soll zu diesem Zeitpunkt in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, für Reparaturarbeiten angelegt haben. Die Freihandelszone Kaliningrad ist strategischer Stützpunkt der russischen Armee. Zu Zeiten der Sowjetunion waren hier hunderttausende Soldaten stationiert. Viele von ihnen wurden inzwischen entlassen, und verdienen ihr Geld als «Freiberufler» im Sicherheitsbereich. Westliche Sicherheitsquellen beschrieben sie als Mafia mit Beziehungen zur Armee.
Vor wenigen Monaten soll der Iran Kontakt mit einer Gruppe dieser «Unternehmer» aufgenommen haben, mit der Absicht, Luftabwehrraketen vom Typ S-300 zu kaufen. Die S-300 ist eine der modernsten Raketen ihres Typs. Israel betrachtet eine solche Lieferung als strategische Bedrohung, weil sie einen Präventivschlag gegen Teherans Atomprogramm erheblich erschweren würde.
Um die Lieferung dieser Waffe an Iran und Syrien zu verhindern war Jerusalem in der Vergangenheit bereit, einen hohen Preis zu zahlen. So trat die israelische Regierung im letzten Augenblick von einem gewinnträchtigen Waffengeschäft mit Georgien zurück, das auch Panzer beinhaltet hatte. Vor dem Hintergrund der Spannungen mit Russland hatte Moskau sein Veto eingelegt und im Gegenzug versprochen, Syrien und den Iran nicht mit der S-300 auszurüsten.
Im Rahmen des Vertrags zwischen dem Iran und russischen Mafiosi, so die Quellen, seien während der Reparaturarbeiten in Kaliningrad brandneue S-300 Raketen im Bauch der «Arctic Sea» verstaut worden. Die Raketen wurden demnach unter der angeblichen Holzlieferung versteckt. Ein westlicher Geheimdienst soll den ahnungslosen FSB vom Deal unterrichtet haben. Moskau wäre ein solcher Handel peinlich, würde er doch das eigene Unvermögen demonstrieren, der Armee und der Mafia Einhalt zu gebieten. Deswegen entschloss man sich, das Schiff auf hoher See zu kapern und die peinliche Ladung fern westlicher Medien zu löschen.
Eine Reihe von Fragen ließe sich durch diese Erklärung beantworten: Warum Russland erst so lang nach der «Entführung» eingriff und das Schiff erst vor Cap Verde aufbrachte, obwohl die Position der «Arctic Sea» laut einer Stellungnahme der Nato stets bekannt war. Weshalb westliche Geheimdienste nur zuschauten und Russland wochenlang gewähren ließ, obschon man schon kurz nach Beginn der Aktion hätte eingreifen können. Weshalb die Entführer ein Frachtschiff mit der verhältnismäßig billigen Holzladung im Wert von knapp 1,5 Millionen Euro kaperten. Weshalb Russland riesige Frachtflugzeuge bereit stellte, um lediglich 14 Besatzungsmitglieder und 8 Piraten heim zu fliegen. Weshalb Israels Präsident Schimon Peres einen Tag, nachdem das Schiff aufgebracht wurde, Russland einen überraschenden Blitzbesuch abstattete, in dem laut Angaben des israelischen Außenministeriums konkrete Beweise vorgelegt wurden, dass Iran und Syrien der Hamas und der Hisbollah Waffen zur Verfügung stellen.
Der Bruder eines der Angeklagten erklärte, sein Bruder Dmitri Bartenev habe lediglich eine Arbeit gesucht und sei dann vom FSB missbraucht worden. Der russische Journalist Mikhail Voitenko sah sich gestern genötigt aus Russland zu fliehen, nachdem er eine ähnliche Theorie veröffentlichte. Sein Leben sei bedroht worden, er fühle sich daheim nicht mehr sicher, sagte er dem britischen Sender BBC. Die Drohungen, die Voitenko erhielt, scheinen die israelischen Berichte zu bestätigen.
che/bjm/news.de
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