Mi., 08.02.12
Bundestagswahl 2009

Polit-Rhetorik «Jeder möchte bei den Siegern sein»

Von news.de-Redakteur Torben Waleczek

Artikel vom 31.08.2009

Bloß keine Niederlage gestehen: Nach den Landtagswahlen sind die Verlierer ganz groß im Kleinreden ihrer Mißerfolge. Kommunikationsexperte Wolfgang Donsbach erklärt im Gespräch mit news.de, warum das so gut funktioniert.

Die SPD liegt in allen drei Ländern unter 25 Prozent, ziemlich schlecht für eine Volkspartei. Wie konnte Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier da behaupten, dies sei «ein guter Abend» für die SPD?

Donsbach: Das ist schiere Taktik, man kann auch sagen: Propaganda. Generell bemühen sich Politiker, bei jedem Wahlergebnis die positiven Aspekte herauszustellen und die negativen möglichst klein zu reden. In Sachsen hat die SPD ein unterirdisches Ergebnis eingefahren, das wird jedoch völlig ausgeblendet. Stattdessen betont die SPD, dass sie in zwei Ländern womöglich in die Koalition kommt - und feiert das als einen großen Tag für die Sozialdemokratie.

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla erklärt die Union zum Sieger des Abends. Dabei verliert die CDU voraussichtlich zwei Ministerpräsidenten. Verrückt, oder?

Donsbach: Das ist genauso verrückt wie das, was Steinmeier und seine Leute tun. Wenn sie eine Vielzahl von Indikatoren zur Bewertung von Wahlergebnissen haben, dann picken sie sich immer den heraus, wo sie am besten sind. Das macht jeder. Die CDU kann mit Fug und Recht sagen: Wir sind in allen drei Ländern die stärkste Partei, also haben wir gewonnen. Das ist genauso richtig und zugleich genauso die Halbwahrheit wie die Interpretation der SPD.

Welchen Sinn haben solche rhetorischen Winkelzüge?

Donsbach: Mit Blick auf die nächste Wahl darf eine Partei nicht in Sack und Asche gehen. Sie muss eine Siegermentalität verbreiten und den Eindruck vermeiden, sie sei isoliert oder abgestraft worden. Das gilt für die Kommunikation nach außen, aber natürlich auch nach innen. Mitglieder und Anhänger dürfen nicht das Gefühl haben, bei den Verlierern zu stehen. Jeder möchte dort sein, wo der Sieger ist.

Also kann das Kleinreden von Misserfolgen durchaus Sinn machen?

Donsbach: Aus der Perspektive von Kommunikationsprofis sind solche Strategien nicht ungeschickt. Mit einfachen Botschaften kann man die Bedürfnisse vieler Menschen gut bedienen. Wir leben in einer Zeit, in der das politische Interesse abnimmt und die Menschen eine geringere Parteibindung haben. Aber gerade diese Leute können bei einer Wahl entscheidend sein. Und man erreicht sie mit schlichten Slogans, die sie vielleicht in der Tagesschau aufschnappen oder auf einem Wahlplakat lesen.

Die Bürger sind von den Politiker-Floskeln nicht angeödet?

Donsbach: Nicht unbedingt. Viele Bürger achten im Fernsehen eher darauf, ob ein Politiker gut aussieht, ob er schwitzt, seine Krawatte richtig sitzt, ob er souverän wirkt. Bei der Einschätzung von Personen kann jeder mitreden, jeder kann sich ein Urteil bilden. So können die Menschen das politische Geschäft mit irgendwelchen Randerscheinungen verarbeiten - anstatt sich ernsthaft mit Argumenten zu beschäftigen. Und ich glaube, viele TV-Zuschauer erwarten gar nicht besonders viel Inhalt.

Aber damit unterschätzt man doch diejenigen Bürger, die sich wirklich für Politik interessieren.

Donsbach: Wir haben es hier mit einer Abwärtsspirale zu tun. Viele Menschen denken sehr einfach, und die muss man für seine Mehrheiten erreichen. Die anspruchsvolleren Zuschauer wenden sich dann allerdings mit Grausen ab, weil nichts Substantielles gesagt wird.

Würden Politiker nicht viel sympathischer wirken, wenn sie auch Niederlagen klar eingestehen?

Donsbach: Bei vielen Wählern würde das bestimmt gut ankommen, vielleicht würde sogar die Politikverdrossenheit sinken. Nur traut sich keiner. Das ist wie beim Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Dabei ist das Eingeständnis von Niederlagen durchaus menschlich und zeigt Größe. Generell lässt sich mit Offenheit punkten: Das sieht man an Wirtschaftsminister Guttenberg. Bei den Opel-Verhandlungen hat er offen Dissens geäußert und den Leuten nicht nach dem Mund geredet. Und obwohl Guttenberg für eine Opel-Insolvenz plädiert hat, ist er der beliebteste Politiker in Deutschland.

Prof. Wolfgang Donsbach lehrt Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Verhältnis von Massenmedien und Politik.

bjm/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 31.08.2009 17:51
von
Kendo
Antwort auf Kommentar 1

Genau!

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  • Kommentar: 1
  • 31.08.2009 16:54
von
deus01

Bei dieser Einschätzung wird nur vergessen, dass die überwältigende Mehrheit gar nicht wählen geht - die CDU kann sich selbst in Sachsen noch nicht mal auf jeden 4. Wahlberechtigten stützen (während die Nichtwähler fast die absolute Mehrheit darstellen)- auch ne Folge von immer mehr Floskeln und immer weniger Inhalt.

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