Der Osten im Westen Was der Soli für Löcher reißt

Duisburg Marxloh (Foto)
Götterdämmerung? Duisburg ist strukturschwach, muss aber trotzdem in den Solidarpakt einzahlen. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Duisburg
Der Soli-Zuschlag sorgt bei vielen für Unmut. Auch bei Kommunen in den alten Ländern, die selbst mit Strukturschwäche zu kämpfen haben und trotzdem Geld in den Osten überweisen müssen. Wir haben uns in Duisburg umgeschaut.

Im Atlas sieht der Stadtteil ganz gewöhnlich aus. Mittendurch verläuft die B6. Die Straßen links und rechts davon heißen Krügerstraße, Feldstraße, Rudolfstraße. Es gibt ein paar schmucke Häuser aus der Gründerzeit, viel praktische Nachkriegsarchitektur und einen völlig misslungenen Betonklotz namens «Marxloh-Center», in dem ein Lebensmittel- und ein Textildiscounter hocken. Es gibt einen Rewe-Supermarkt, eine freie Tankstelle und ein paar Läden, wie sie wohl auch schon in den 1970er Jahren hier zu finden waren: den Fahrradladen Börgartz oder die Apotheke am Pollmann-Eck.

Doch seitdem hat sich viel verändert in Duisburg-Marxloh. Die Gastarbeiter, die einst für die boomende Stahlindustrie ins Ruhrgebiet geholt wurden, haben ihre Spuren hinterlassen. Der Lebensmittellmarkt «Köy Pazari», der Damak-Grill und die riesige Ditib-Merkez-Moschee prägen das Bild des Viertels, in dem rund jeder dritte der 18.000 Einwohner keinen deutschen Pass hat.

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Doch es hat sich noch mehr getan: In der Stahlindustrie - und auch anderswo - sind tausende Arbeitsplätze weggefallen. Der Lebensstandard sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt. In Duisburg liegt sie aktuell bei 13,2 Prozent, deutlich über dem Bundesschnitt. Die Stadt steckt in der Krise.

Zu Zeiten des Stahlbooms war Duisburg noch eine der reichsten Städte der Republik. Heute liegt sie, was Wohlstand, Arbeitsmarkt und Wirtschaftskraft anbelangt, laut einer Studie des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall nur noch auf dem drittletzten Platz von 54 untersuchten Städten und Kreisen in Nordrhein-Westfalen. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat ermittelt, dass nirgendwo in Deutschland so viele Menschen verschuldet sind wie hier: Fast jeder sechste der rund 500.000 Einwohner steht in der Kreide. Der Kommune geht es nicht anders: Die Stadt plagen 2,7 Milliarden Euro Schulden.

Die Krise tief im Westen liegt auch am Aufbau Ost. Weit über 500 Millionen Euro hat Duisburg bisher in den Solidarpakt eingezahlt - Geld, das die Kommune selber nicht hatte, das in den Osten floss und das nun in Duisburg fehlt.

Im imposanten Rathaus sieht man davon zwar wenig, auch nicht im repräsentativen Amtszimmer des Stadtoberhaupts. Aber auch Oberbürgermeister Adolf Sauerland sieht das so. Es sei schwer zu vermitteln, warum Kommunen, die selbst wenig haben, auch noch andere finanzieren sollten, die mehr hätten. «Solidarität kann sich nicht an der Geografie orientieren», sagt der CDU-Politiker und macht es kurz darauf noch etwas anschaulicher: «Man muss eine fette Ente nicht noch pudern.»

Dennoch will er den Aufbau Ost nicht als Ausrede missbrauchen. Ohne die Wiedervereinigung hätten die Duisburger Stadtväter «das Geld vielleicht auch für andere Dinge ausgegeben», gibt Sauerland zu. Ihm liegt nicht viel daran, den Solidaritätspakt schlechtzureden. Er redet lieber seine Stadt schön: Duisburg habe einen hohen Freizeitwert und eine gute Infrastruktur. Sogar für den Städtetourismus sieht er Potenzial: Schon jetzt kämen immer mehr Besucher nach Duisburg, um beispielsweise alte technische Denkmäler zu besichtigen oder zu staunen, was Stararchitekt Sir Norman Foster bei der Neugestaltung des Gebiets rund um den Innenhafen geleistet hat.

Der Eindruck bestätigt sich in der Stadt. Trotz der Strukturschwäche: Wie DDR sieht es hier nicht aus. Wer typische Bilder einer heruntergekommenen Industriestadt sucht, wird in Duisburg nur in wenigen Ecken fündig. «Wenn die für den Schimanski-Tatort solche Kulissen suchen, drehen sie inzwischen in Köln», sagt Sauerland - halb stolz, halb trotzig. Denn auch ein Aushängeschild wie der schmuddelige TV-Kommissar zeigt: Duisburg hat ein Imageproblem.

Der schlechte Ruf liegt nach Ansicht des Oberbürgermeisters an den Subventionen, die jahrelang in den Bergbau und ins Ruhrgebiet geflossen sind. In dieser Zeit - lange vor Wiedervereinigung und Solidarpakt - sieht er auch die Wurzel vieler Schwierigkeiten, die die Stadt heute hat. «Beispielsweise haben wir in Deutschland 30 Jahre lang eine falsche Integrationspolitik gemacht. Daraus folgen soziale Probleme, mit denen wir jetzt auch in Duisburg zu kämpfen haben.»

An vorderster Front kämpft Horst Salmagne. Er ist Stadtteilmanager in Hagenshof. Das Viertel liegt gleich neben dem Problembezirk Marxloh - und hat ähnliche Schwierigkeiten. Auch er spricht von den «Fehlern der 1970er Jahre». Er meint die Plattenbauten, die direkt hinter seinem kleinen Büro stehen. 3300 Menschen leben in den 1300 Wohneinheiten. Drei Viertel davon haben einen Migrationshintergrund, die meisten kommen aus den ehemaligen Ostblockstaaten. «Wenn so viele Menschen auf so engem Raum leben, dann gibt es auch ein höheres Konfliktpotenzial. Daher kommt unser schlechter Ruf», sagt Salmagne.

Seine Aufgabe ist es, die Konflikte zu beseitigen und den Ruf aufzupolieren. Seit zwei Jahren sitzt er dazu in seinem kleinen Büro im Parterre, mit einer offenen Glastür und einem MSV-Duisburg-Wimpel. Der Raum würde auch gut zu einer Finanzberatung oder einem Reisebüro passen. Doch Geldanlage und Urlaubs-Tipps sind in Hagenshof kaum gefragt. Ein Großteil der Einwohner hat keinen Job.

Selbst hochqualifizierte Zuwanderer seien oft arbeitslos, weil ihre Ausbildung hier nicht anerkannt wird. Sprachdefizite, Alkohol und Kriminalität benennt Salmagne als weitere Probleme. Die Stadt versucht gegenzusteuern, mit Jugendprojekten oder der Initiative «Pro Hagenshof», in der sich Vereine, Kirchen und Unternehmer zusammengeschlossen haben.

Salmagne hilft bei Ämtergängen, versucht Lehrstellen für Jugendliche zu beschaffen. Er sieht kleine Fortschritte, doch er ist bescheiden geworden. «Wenn ich von hundert Schäfchen wenigstens zwei auf den richtigen Weg bringe, dann ist das ein Erfolg», sagt der Mann, der zuvor 25 Jahre auf dem Sozialamt gearbeitet hat. «Es ist schwierig, einen Zugang zu den Menschen zu finden, aber auch zu den Behörden.»

Salmagne lebt schon immer in Duisburg, und er lebt gerne hier. «Duisburg ist eine lebenswerte Stadt», sagt er. Doch es gehe bergab. Als einen der Gründe dafür sieht er den Solidarpakt. Damit wurden seiner Ansicht nach «soziale Probleme und Arbeitslosigkeit von Ost nach West verlagert». Statt Milliarden in den neuen Ländern versickern zu lassen, brauche es einen Topf für alle strukturschwachen Regionen in Deutschland.

Bei den Menschen in Hagenshof sei der Aufbau Ost allerdings kein Thema. Dass in Duisburg Geld fehlt, weil es in die neuen Länder fließt, kritisiert hier kaum jemand. «Wer ohnehin schon am unteren Rand ist, der merkt davon nichts mehr», meint Salmagne. Auch der Oberbürgermeister macht klar, dass es kaum Groll gibt gegen die Förderung für Ostdeutschland. Die Duisburger nehmen es laut Sauerland mit Humor: «Die Leute sagen: Wir fahren nach Dresden und gucken, wo unser Geld ist.»

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 4
  • 17.07.2009 12:46

Nach inzwischen 20 Jahren deutscher Einheit muß der Soli unbedingt schleunigst abgeschafft werden! Seine Aufgabe, den "neuen" Bundesländern Aufbauhilfe zu verschaffen ist doch längst ad absurdum geführt; spätestens seit "der Osten" selber dort einzahlen muß. Hilfe für strukturschwache Gemeinden/Gebiete muß unabhängig ihrer geografischen Lage erfolgen. Dazu würde sich ein überarbeiteter Länderfinanzausgleich unter Einbeziehung des Bundes anbieten. Solch eine kreative, mutige Lösung wäre zukunftsweisend und gerecht. (also werden wir es nicht kriegen....)

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  • Kommentar 3
  • 06.07.2009 17:14
Antwort auf Kommentar 2

zu Jörg Renkert Tip - nur lieniengetreue Texte - keine Kritik!!! Mein Artikel wurde auch schon einmal eliminiert. Bei der Kontrollwut ist dies kein Wunder. Trotzdem, nicht verzagen! Angeblich soll es keine Neuauflage des "schwarzen Kanals" oder Reaktivierung eines Arthur Schnitzlers geben! MfG

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  • Kommentar 2
  • 20.06.2009 19:46

Gibt es hier eine Zensur? Oder warum sind die ersten Kommentare hier nicht mehr zu finden?

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