Do., 23.05.13

Rechtsextremismus in der DDR «Schweigen war der falsche Weg»

Almuth Berger (Foto)
Almuth Berger (vorn Mitte) war Begründerin des Berliner Begegnungszentrums Cabana. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
«Rechtsextremismus? Das gibt es bei uns in der DDR nicht.» Diese Aussage schob die SED-Diktatur vor sich her. Die Realität sah anders aus. Almuth Berger, erste und einzige DDR-Ausländerbeauftragte, erinnert sich im Gespräch mit news.de.

Frau Berger, wie kam es, dass Fremdenhass in der DDR doch noch zum Thema wurde?

Berger: Fremdenhass war in der DDR-Öffentlichkeit lange kein Thema. Die Partei hat entschieden und die Meinung des Volkes interessierte nicht. Das änderte sich mit den neuen Bürgerbewegungen und Parteien, die sich 1989 entwickelt haben. Deren Forderungen waren ausschlaggebend für die friedliche Revolution und für die Entstehung des runden Tisches. Dessen Mitglieder haben neue Leitlinien in der Ausländerpolitik gefordert. Daraus entstand auch der Posten des Ausländerbeauftragten.

Warum hat man Ihnen diese Aufgabe übertragen?

Berger: Kirchliche Mitarbeiter waren nicht verdächtig, mit dem Staatsapparat zusammengearbeitet zu haben. Zudem hatte ich als Pastorin Erfahrung mit Vertragsarbeitern aus Mosambik und das Begegnungszentrum Cabana gegründet, das zum Treffpunkt für DDR-Bürger und Ausländer in Berlin wurde.

Wie haben Sie als DDR-Bürgerin das Zusammenleben erlebt?

Berger: Schon zu Kindertagen gingen in meinem Elternhaus Menschen aus fremden Ländern ein und aus. Mein Vater war in der Ökumene tätig. Insofern war der Kontakt für mich normal und es erwies sich später als Pluspunkt, dass ich mit diesen Menschen selbstverständlich umgehen konnte.

Sie waren eine von wenigen, obwohl die DDR sich als völkerfreundliches Land betrachtete. War sie es tatsächlich?

Berger: Es war ein Anspruch, dem die Realität oft nicht entsprach. Aber es gab viele Menschen, die versuchten, dieses Ziel zu praktizieren. Wenn es darum ging, konkrete Solidaritätsaktionen zu unterstützen, beispielsweise Spielzeug für Nicaragua zu sammeln, dann haben die Leute gern mitgemacht. Oft ging es aber nur um den Solidaritätsbeitrag und das war wenig anschaulich. Für die meisten blieb Völkerfreundschaft eine theoretische Forderung. Den DDR-Bürgern wurde der Kontakt zu Ausländern nie leicht gemacht.

Wie sah das konkret aus?

Berger: Abgrenzung und Abschottung gab es nicht nur gegenüber dem Westen. Reisefreiheit war ein großer Mangel und enge Kontakte zu Menschen anderer Nationen waren nicht erwünscht. Eine gute Freundin, die damals einen afrikanischen Arzt heiratete, hatte deshalb große Schwierigkeiten und konnte nie in ihrem Beruf als Juristin arbeiten.

Das heißt, Integration ist unterbunden worden?

Berger: Integration war in der Regel nicht erwünscht. Deshalb lebten die Mosambikaner, Vietnamesen, Kubaner und Angolaner, die Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre zum Arbeiten geholt wurden, in Wohnheimen und nicht wie die Gastarbeiter der BRD mit ihren Familien mitten unter der heimischen Bevölkerung.

Freundlicher wurde nach außen hin die deutsch-sowjetische Freundschaft behandelt. Was steckte dahinter?

Berger: Staatlich wurde diese Freundschaft hoch gehalten und immer wieder zelebriert. Für die meisten Bürger war sie rein plakativ. Die Tatsache, dass fast 500.000 sowjetische Menschen als militärische oder zivile Angehörige der Truppen in der DDR lebten, wurde leider nicht als Chance für Begegnungen genutzt. Im Gegenteil: Zwischen beiden Staaten war es erklärte Politik, dass Soldaten und Bevölkerung nicht in Kontakt kamen. Selbst Treffen zwischen Schülern liefen ritualisiert ab. Man führte sich gegenseitig etwas vor, aber führte keine Gespräche, gegenseitige private Einladungen waren nicht möglich.

Ist diese Berührungsarmut mit den anderen Nationalitäten ein Grund gewesen, warum der Rechtsextremismus sich auch in der DDR manifestierte?

Berger: Mangelnde Kontakte mit Menschen anderer Nationalität sind nicht die Ursache für Rechtsextremismus, sie können aber natürlich Fremdenfeindlichkeit bestärken. Die DDR definierte sich als antifaschistischer Staat. Trotzdem gab es Menschen mit rechtsextremen Einstellungen. In diesem Staat lebten ja auch Menschen, die die NS-Zeit miterlebt und akzeptiert hatten. Die wurden nicht auf Knopfdruck zu Antifaschisten, auch wenn jetzt ein anderes System existierte. Solche Erfahrungen und Einstellungen wurden nie aufgearbeitet, nie öffentlichen thematisiert. Diesen Kardinalfehler hat die DDR bis zum Ende durchgehalten.

Mit rechsextremen Gedankengut sind eher Jugendliche als Erwachsene aufgefallen. Woher kam das?

Berger: Jugendliche neigen stärker als Erwachsene dazu, ihre Meinungen öffentlich und auffällig zu artikulieren. Unter Umständen von Eltern oder Großeltern geprägte Einstellungen und Überzeugungen wurden durch sie sicht- und hörbar. Eine Rolle spielte auch, dass diese Haltung etwas war, das einen in Opposition zur herrschenden Regierung brachte.

Also war Rechtsextremismus in der DDR eine Form der Systemkritik?

Berger: Es war eine Art Opposition, ohne dass wirklich eine systemkritische Auseinandersetzung geführt wurde. Ausländer abzulehnen und Hakenkreuze zu malen, gehörte dazu. Auch weil man damit bewusst provozieren wollte. Von der DDR-Führung wurde ignoriert, welche menschenfeindliche Einstellung dahinter steckte.

Selbst beim Überfall auf die Zionskirche 1987, als Skinheads friedliche Konzertbesucher verprügelten?

Berger: Die Vorfälle um die Zionskirche wurden öffentlich als Rowdytum dargestellt und auch so beurteilt. Sicherlich ließ sich mancher davon nicht beirren. Einige haben versucht, dem etwas entgegen zu setzen, etwa in der kirchlichen Jugendarbeit. Andere, wie Konrad Weiß, der später als Bürgerrrechtler bekannt wurde, ja sogar innerhalb der Polizei haben versucht, Gesellschaft und Staat auf die Problematik aufmerksam zu machen. Doch alle das wurde abgeblockt.

Also hat sich der Staat einfach blind und taub gestellt?

Berger: Man kann das so sagen. Das Thema wurde tabuisiert. Allerdings: Rechtsextremismus ist kein DDR-Phänomen, sondern kommt in den westlichen Bundesländern ebenso wie im übrigen Europa vor. Und es gibt auch dort sowohl das Verschweigen oder Verharmlosen wie das aktive bürgerschaftliche und staatliche Engagement gegen Rechtsextremismus. Die Aufgabe stellt sich nach wie vor. Nirgends ist es gelungen, dieses Gedankengut zum Verschwinden zu bringen. Es setzt sich aber immer mehr die Erkenntnis durch, dass nur ein offenes und offensives Umgehen mit dem Problem überhaupt eine sinnvolle Möglichkeit ist. Dazu muss kommen, dass wir alles tun, damit Kinder solch eine Einstellung gar nicht erst entwickeln. Nur so lässt sich auf längere Sicht verhindern, dass rechte Einstellungen Mehrheiten finden. Verschweigen und Verharmlosen war damals in der DDR und ist heute der falsche Weg.

Almuth Berger (66) war Pastorin in Magdeburg und Ost-Berlin, bevor sie im März 1990 das neu geschaffene Amt der Ausländerbeauftragten übernahm. Nach dem Ende der DDR hatte sie diesen Posten für das Land Brandenburg inne. Ende 2006 trat sie ihren Ruhestand an.

mik

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