Obama in Dresden Flüchtig wie ein Luftballon im Wind

Germany Obama Visit (Foto)
Angela Merkel und Stanislaw Tillich, Sachsens Ministerpräsident, grüßten die Schaulustigen. Obama blieb den Fans fern. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz, Dresden
Einen Vormittag lang ist Barack Obama zu Gast in Dresden. Doch die Dresdner bekommen von dem US-Präsidenten nicht viel zu sehen – außer auf einer großen Videoleinwand auf dem Altmarkt. Außerhalb der Sicherheitszonen.

Am Pirnaischen Platz, eine der letzten Haltestellen vor Sicherheitszone 3, steigen am Morgen die üblichen Pendler aus den Trams. Aus einem der vielen Taschen und Rucksäcke guckt ein kleines amerikanisches Fähnchen hervor. Euphorie sieht anders aus.

An den Sicherheitsschleusen steht niemand Schlange, das Grün der Sicherheitskräfte ist die dominierende Farbe, rot-weiß-blaue Pracht Fehlanzeige. Der Altmarkt - einen Steinwurf vom Grünen Gewölbe entfernt - wo die große Obama-Party organisiert ist: leer.

Als die Videoübertragung auf der Großleinwand beginnt, während Bundeskanzlerin Angela Merkel Obama ein paar Straßen weiter unter Ausschluss der Öffentlichkeit begrüßt, bleiben einige wenige stehen und fotografieren. Die Fernsehbilder. Wenigstens ein kleines Andenken an den hohen Besuch.

Etwas später, als Obama und Merkel im Schlosshof über die guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern sprechen, über den Nahostkonflikt und Klimawandel, da hat sich der Platz in der Innenstadt gefüllt. Nicht komplett, aber die rot-weiß-blauen Luftballons, die im Wind wehen, sind nicht mehr ganz so verloren.

An den Getränkeständen liegen viele amerikanische Fähnchen bereit. Bier wird erst ab mittags ausgeschenkt. Die meisten Fähnchen bleiben liegen. Markus, Sabine und Christin haben zugegriffen. Die Studenten sind wider besseres Wissen in die Innenstadt gekommen. «Vielleicht sieht man ihn ja doch irgendwie», fasst Markus die Stimmung zusammen. Und gesehen hätten sie den Präsidenten schon alle gerne.

Doch eine Chance, in die abgesperrten Zonen rund um das historische Grüne Gewölbe und das Taschenbergpalais zu kommen, gibt es für sie nicht. Die von der Stadt organisierte Party auf dem Altmarkt ist kein wirklicher Ersatz. «Da hätte ich auch zu Hause fernsehen können», sagt Markus mit Blick auf die große Videoleinwand. Natürlich sei es schön für die Stadt. Aber bei dem Aufwand hätte sich Obama auch mal blicken lassen können.

Schwacher Trost: Auch die wenigen, die tatsächlich in der Sicherheitszone sind, haben nicht viel mehr Glück. Enttäuscht kommt ein kleiner Junge, eingehüllt in eine US-Flagge, aus der Sicherheitsschleuse heraus. Mit seinen Großeltern war er dichter dran am mächtigsten Mann der Welt als viele andere. Begegnet ist die Familie Obama dennoch nicht. Ganz weit weg sei er gewesen, nur Umrisse hätte man erkennen können, erzählt der Mann. Aber: «Die Bundeskanzlerin war bis auf fünf Meter dran.»

Medienwirksam hat sich die Kanzlerin im Wahlkampf kurz den wenigen Bürgern genähert, ein paar Hände geschüttelt, gelächelt. Barack Obama verzichtet auf diesen kleinen Auftritt. Zu enttäuscht darüber sollten die Dresdner aber nicht sein, meinen Andreas Schanzenbach und Denis Bartelt. Schließlich sei stets klar gesagt worden, dass es ein Bad in der Menge nicht geben werde. Sie hoffen, dass die Dresdner es für ihre Stadt trotzdem als gelungene Marketingkampagne wahrnehmen.

Ein paar Schritte weiter entfernt von der Bühne, auf der mittlerweile eine Band englische Songs spielt, stehen Herbert und Ingrid Panne aus dem Sauerland. Ihr Hotel direkt an der Frauenkirche - gebucht im Februar - mussten sie schon um acht Uhr morgens verlassen. Aber sie haben Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen. Schließlich macht der Obama-Besuch ihren lange geplanten Trip ganz unverhofft zum besonderen Erlebnis.

Auf dem Altmarkt treffen sie auch Annelise wieder. Die Dresdnerin ist viel in der Stadt unterwegs. Sie hat schon immer hier gelebt. «Ich habe doch alles miterlebt, die Bomben, die Zerstörung, den Aufbau», erzählt sie. Der Besuch von Obama ist eine weitere Episode in einer Stadt mit einer bewegten Geschichte. Und auch für Annelise noch etwas besonderes: «Es berührt mich schon, dass er gekommen ist.»

Doch hätte der US-Präsident nicht nur honorieren sollen, was seit der Wiedervereinigung in der Stadt passiert sei, sondern auch den Wiederaufbau nach 1945. Ein kleiner Wermutstropfen für die alte Dame. Dennoch geht sie mit einem Lächeln wieder nach Hause.

Die Übertragung auf der großen Videoleinwand ist da schon lange vorbei. Obama ist bereits gemeinsam mit Merkel auf dem Weg Richtung ehemaliges NS-Konzentrationslager Buchenwald, der nächsten Station auf Obamas Blitzvisite in Deutschland. Und so schnell, wie die Stippvisite des Präsidenten vorbei ist, so schnell leert sich auch wieder der Altmarkt. Die Bands singen weiter, vielleicht kommen am Abend, schließlich ist Freitag, wieder mehr Leute vorbei. Die rot-weiß-blauen Luftballons werden bis dahin weiter im Wind wehen.

mac

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