Parlamentswahl im Libanon Eine ungewöhnliche Allianz

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Die Wahlhelfer stimmten bereits im Vorfeld ab, hier in Beirut. Bild: ap

Von Hamza Hendawi und Sam Ghattas
Im Libanon wird ein neues Parlament gewählt. Um die Sitze streitet sich die prowestliche Regierung mit einem Bündnis aus Hisbollah und Christen. Gelingt es, die innenpolitische Dauerkrise zu beenden? Oder wird der Libanon zu einem zweiten Gazastreifen?

Steht die prosyrische Hisbollah dank christlicher Unterstützung vor der Machtübernahme im Libanon? Manche Beobachter halten es für wahrscheinlich: Nach ihrer Einschätzung könnte die israelfeindliche Partei, die über eine hochgerüstete Miliz verfügt, in einer Koalition mit der Freien Patriotischen Bewegung von Christenführer Michel Aoun heute bei der libanesischen Parlamentswahl die Mehrheit erringen.

Es ist eine ungewöhnliche Allianz, die die Hisbollah und Aoun eingegangen sind. Ihr Ziel: Die westlich orientierte und sunnitisch dominierte Mehrheit zu brechen. Die Weltöffentlichkeit blickt gespannt nach Beirut, denn der Wahlausgang könnte die Ausrichtung des Vier-Millionen-Einwohner-Staates zwischen Israel, Syrien und dem Mittelmeer grundlegend verändern. Hinter der Hisbollah stehen Syrien und der Iran, hinter den Sunniten die USA und Saudi-Arabien.

Der Wahlkampf war entsprechend erbittert. Das Bündnis von Ahmad al-Assad, einem unabhängigen Schiiten, der die Hisbollah in ihrer eigenen religiösen Familie herausfordert, muss sich gegen Brandanschläge und Morddrohungen zur Wehr setzen. Prowestliche Fraktionen warnen das Lager Aouns, die Hisbollah werde den Libanon islamisieren und in einen neuen Krieg gegen Israel treiben, sollte sie einmal an die Macht gekommen sein.

«Es ist Eure Wahl zwischen Krieg und Frieden», mahnte der populäre christliche Politiker Sami Gemayel kürzlich bei einem Auftritt im Fernsehen. «Es ist die Wahl zwischen einem neuen Gazastreifen oder einem entwickelten, zivilisierten Libanon» - eine Anspielung an das palästinensische Gebiet, das nach der Machtübernahme durch die mit der Hisbollah verbündete radikalislamische Hamas von Israel in ein Gefängnis mit Meerblick verwandelt wurde.

Kritiker werfen Aoun überdies vor, seine Überzeugungen für die Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung verkauft zu haben. 15 Jahre lang versuchte der Exgeneral aus dem Exil, mit allen politischen Mitteln gegen Syrien zu kämpfen. Das Land musste er 1989 verlassen, nachdem ein Aufstand gegen die syrische Einflussnahme im Libanon gescheitert war.

Dass er sich auf die Seite der prosyrischen Hisbollah schlug, wird ihn Sympathien im eigenen Lager kosten, sind sich Beobachter sicher. Und doch ist die Allianz zwischen seiner Freien Patriotischen Bewegung und der schiitischen Organisation seit ihrer Gründung vor drei Jahren stabil, ja sogar stärker geworden. «Es ist mehr als eine taktische Verbindung», vermutet Bilal Saab, Libanon-Fachmann von der Washingtoner Brookings Institution. «Aber wir wissen immer noch nicht, was es genau ist.»

Die Motive beider Seiten liegen auf der Hand. Die Christen waren einst eine Mehrheit in der libanesischen Patchwork-Gesellschaft. Doch Auswanderung sowie die höhere Geburtenrate der islamischen Gemeinschaften haben die demografische Zusammensetzung verändert. Heute stellen Sunniten, Schiiten und Christen jeweils ein Drittel der Bevölkerung. Die Hisbollah ist zweifelsohne die stärkste und bestbewaffnete Organisation. Durch eine Allianz mit ihr versprechen sich christliche Fraktionen daher Schutz sowie politische Mitsprache.

Die Hisbollah erweitert ihren Einflussbereich im Gegenzug über die eigene Gemeinde hinaus und kann sich als nationale Bewegung darstellen. «So kommt sie aus der politischen Marginalisierung heraus», meint Amal Saad-Ghorayeb, libanesischer Hisbollah-Experte. «Ohne die Allianz hieße es weiterhin: die Schiiten gegen den Rest des Landes.»

Doch die potenzielle Regierungskoalition der ungleichen Partner birgt auch reichlich Spannungen. Da ist zum einen die Forderung zahlreicher Christen, die Hisbollah müssen die Waffen niederlegen. Auf der anderen Seite steht das Vorhaben der schiitischen Partei, das Wahlrecht zu reformieren. Das sichert den christlichen Parteien derzeit noch die Hälfte der Parlamentssitze, der Rest ist zwischen den anderen Gruppen aufgeteilt. Die großen sunnitischen Parteien haben den Christen zugesagt, im Fall ihres Siegs das Wahlrecht unangetastet zu lassen.

che/bjm

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