Afghanische Botschafterin «Mehrheit der Afghanen begrüßt Demokratisierung»

Die Gewalt in Afghanistan breitet sich aus, auch im Norden werden die Taliban stärker. Kabuls Botschafterin in Berlin, Maliha Zulfacar, über afghanische Demokratie, Wahlen im Angesicht des Chaos und das umstrittene Ehegesetz für Schiiten.

Afghanistan (Foto)
Blick über Wälder und Berge in Afghanistan.  Bild: dpa

Frau Botschafterin, die Instabilität in ihrem Land beunruhigt viele Beobachter. Manche meinen, der Westen solle sich von hehren Zielen wie Demokratie und Frauenrechten verabschieden und sich ganz auf die Stabilisierung konzentrieren. Ist eine Demokratisierung Afghanistans unmöglich?

Maliha Zulfacar: Ich glaube schon, dass sie möglich ist. Wir müssen unsere Strategie immer wieder überprüfen und bessere Lösungen entwickeln. Aber Afghanistan ist eine pluralistische, multiethnische Gesellschaft, mit einer sehr alten Zivilisation, einer langen Geschichte. Demokratie ist nichts neues für die afghanische Gesellschaft. Das Konzept der Loya Jirga ist sehr demokratisch: Menschen kommen an einem bestimmten Ort zusammen, diskutieren ihre Probleme und Angelegenheiten. Jeder äußert seine Meinung, und die Stammesältesten entwickeln dann eine Lösung. Das ist eine sehr afghanische Art, Entscheidungen zu treffen.

Zu einer Demokratie nach westlichem Verständnis gehört allerdings mehr.

Zulfacar: Die westliche Form der Demokratie steht in Afghanistan vor Herausforderungen. Aber nach 30 Jahren Krieg bemüht sich das Land intensiv darum, sich selbst zu stabilisieren und seine jungen demokratischen Strukturen zu verbessern. Das braucht Zeit. Wir haben innerhalb von sechs Jahren versucht, von einer Stunde Null aus unser demokratisches System zu entwickeln, überall im Land die entsprechenden Institutionen aufzubauen. Das ist eine Herausforderung, aber wir arbeiten sehr hart daran.

Im August soll in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt werden. Wie denken die Afghanen über diese Wahl?

Zulfacar: Neuen Umfragen zufolge begrüßt die Mehrheit der Afghanen die Demokratisierung des Landes, und auch die Möglichkeit, einen Präsidenten zu wählen. Natürlich betrifft die unmittelbare Sorge der Menschen die Sicherheit und Stabilität im Land während einer Wahl. Mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft müssen wir die notwendige Transparenz, den Schutz und die Sicherheit für die Menschen garantieren, damit sie an der Wahl teilnehmen können.

Präsident Hamid Karzai versucht, Teile der Taliban in den politischen Prozess einzubeziehen. Holt er sich da nicht Hemmnisse für die Demokratisierung ins Boot?

Zulfacar: Im Gegenteil. Afghanistan ist eine konservative, traditionelle, von Stammesstrukturen geprägte Gesellschaft. Das dürfen wir nicht vergessen. In einer demokratischen Gesellschaft sollten wir integrierende Ansätze fördern. Die Taliban sind ein Teil der afghanischen Gesellschaft, deshalb sollten sie in den Prozess der politischen Teilhabe einbezogen werden. Natürlich gelten die Bedingungen, die Präsident Karzai festgelegt hat: Sie müssen die afghanische Verfassung anerkennen, und sie dürfen keine Kriegsverbrechen begangen haben. Das sind die Voraussetzungen, um Teil des politischen Prozesses werden zu können. Ich glaube, es ist viel besser, Konflikte und unterschiedliche Ansichten durch Verhandlungen zu lösen als durch militärische Gewalt.

Im Westen gibt es die Sorge, dass der Präsident in seinen Einbeziehungsbemühungen zu weit gehen könnte: ein Beispiel ist das umstrittene schiitische Familiengesetz, das er zunächst unterzeichnet hat: Darin wird Frauen unter anderem vorgeschrieben, wie oft sie ihren Männern für Geschlechtsverkehr zur Verfügung zu stehen haben.

Zulfacar: Um dieses Gesetz gab es viele Diskussionen. Wir arbeiten in einer pluralistischen Gesellschaft, und es ist unser Ziel, demokratische Prinzipien zu fördern. Afghanistan ist ein islamisches Land, und zwar mehrheitlich ein sunnitisches. Schätzungsweise 15 Prozent der Afghanen sind jedoch Schiiten. In der Verfassung ist festgehalten, dass die Interessen anderer Glaubensgruppen in Betracht zu ziehen sind, basierend auf ihren jeweils eigenen religiösen Auffassungen. Das war der Hintergrund, vor dem der Antrag auf ein eigenes schiitisches Familiengesetz das Parlament passierte. Präsident Karzai unterschrieb es zunächst, wollte es dann aber noch einmal überprüfen. Einige Aspekte wurden daraufhin abgelehnt. Zum Beispiel wurde das Mindestheiratsalter für Mädchen von neun Jahren auf sechzehn Jahre erhöht. Und Frauen soll es erlaubt sein, die Schule zu besuchen, arbeiten zu gehen, aktiv zu werden und am Wiederaufbau des Landes teilzunehmen.

Maliha Zulfacar wuchs in einer Diplomatenfamilie in Kabul auf. Sie studierte in den USA und lehrte anschließend Soziologie an der Universität Kabul. 1979 floh sie vor der sowjetischen Invasion mit ihrem Ehemann nach Deutschland. Nach dem Sturz der Taliban wurde sie 2002 in Afghanistan Ministerin für das Hochschulwesen, anschließend lehrte sie Sozialwissenschaften in Kabul und in Kalifornien. Seit 2006 ist sie Botschafterin der Islamischen Republik Afghanistan in Berlin.

hav

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • maliha zulfacar
  • Kommentar 1
  • 31.08.2011 08:24

I am Maliha Zulfacar and I would much appreciate if you delete my picture from this news clip for security reasons. Your understanding will be much appreciated. With respect. maliha

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