29 Weinstöcke müssen sterben
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Staat Bundesregierung USA Deutschland FDP Berlin Partei Politiker Behörde EU Demokratie Regierung SPD CDU CSU

Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Taucha
Im sächsischen Taucha ist ein besonders wahnwitziges Beispiel des alltäglichen EU-Bürokratie-Irrsinns zu bestaunen. Ein Verein musste 29 Weinstöcke roden, um einer Verordnung gerecht zu werden - und pflanzt nun 26 wieder neu an.
Die Früchte seiner Arbeit lagern acht Meter unter der Erde. Harry Hoffmann hat sie dort fein in ein Regal sortiert. Eine Rotweinflasche liegt neben der anderen. Das runde Thermometer an der Wand zeigt zwölf Grad Celsius an. Der Keller unter dem Schloss in Taucha ist ein Gewölbe, wer durchgeht, muss seinen Kopf einziehen. Auf den Flaschenreihen liegen Kärtchen aus Karton. Harry Hoffmann, der Weingärtner, hat darauf die Zahlen der Jahrgänge mit Bleistift notiert. 2003 bis 2007 ist zu lesen, 2008 ist noch in der Kelterei.
2009, das ist jetzt schon mal klar, wird die Weinlese von Harry Hoffmann um mindestens ein Viertel schlechter ausfallen, als in den Jahren zuvor. Grund ist nicht das Wetter, die mangelnde Fürsorge oder ein gemeiner Weintraubendieb. Grund ist die große Europäische Union. Sie hat dem kleinen Schlossverein in Taucha übel mitgespielt. So sieht es jedenfalls von außen aus. Von innen betrachtet hat die EU einfach nur das gemacht, was sie täglich macht: eine ihrer ungezählten Verordnungen durchgesetzt.
29 der 100 Weinstöcke liegen auf einem Haufen neben dem Weinberg. Die Mitglieder des Schlossvereins haben die Pflanzen im März aus der Erde gebuddelt. Nun sind die Reben vertrocknet. So hat es ihnen das Sächsische Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft empfohlen. «Wir haben in Taucha lediglich eine EU-Verordnung durchgesetzt», sagt dessen Sprecher Andreas Kunze. Die Verordnung hat einen langen Namen aus Buchstaben und Zahlen. Es geht um die Marktorganisation von Wein, die Hobbywinzer sind betroffen von Artikel 85 Abs. 1 VO (EG) Nr. 479/2008.
Laut der Referentin für Garten- und Weinbau im Ministerium, Sylvia Otto, handelt es sich in Taucha um sogenannten Kelterwein. «Es darf nur derjenige Keltertrauben anpflanzen, der ein entsprechendes Pflanzrecht hat», sagt sie. Bei allen anderen ist die Anbaufläche auf 100 Quadratmeter begrenzt. Der Verein in Taucha hatte 130 Quadratmeter angepflanzt und besitzt kein Recht. 29 Pflanzen standen außerhalb der Fläche. Also: Wein weg oder Strafe zahlen. Wer jetzt denkt, dass in diesem Fall mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, dem entgegnet Sprecher Andreas Kunze: «Ja, aber das ist auch in anderen Ländern der EU so.»
Eine Ausnahmeregelung hätte in diesem Fall nicht getroffen werden können. «Selbst unser Vorschlag, eine mittlere Reihe zu entfernen, wurde nicht akzeptiert», sagt Vereinsvorsitzender Jürgen Ullrich. Da hätte ein Weg angelegt werden können. Jedoch: Dann wären zwei Flächen mit jeweils 50 Quadratmetern entstanden. Das sieht die EU-Verordnung nicht vor. Es muss schon ein zusammenhängendes Areal sein. Übrigens: Wie viele Pflanzen auf 100 Quadratmeter stehen, ist der EU egal. Und handeln, also verkaufen, darf der Verein den Wein auch nicht. Er ist nur für den Eigenverzehr.
Harry Hoffmann, der emsige Weingärtner, kniet zwischen den Weinstöcken und jätet mit seinen Händen Unkraut. In den vergangenen Wochen ist er auch oft mit einer Gießkanne unterwegs gewesen. Zuvor hat er 26 neue Pflanzen in die Erde gesteckt, die brauchen Wasser. Sie stehen an derselben Stelle, an der einst die 29 gerodeten Stöcke standen. Es sind sogenannte Tafeltrauben, die dürfen gepflanzt werden. Das sind auch Weintrauben, aber der EU ist es gleichgültig, wie viele es davon gibt. Aus Tafeltrauben entsteht Wein schlechterer Qualität, als von Keltertrauben. Es wird nun wieder einige Jahre dauern, bis die Früchte der Arbeit im Keller unter dem Schloss liegen.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Die deutsche Beteiligung an der Europawahl wird gering ausfallen. Das ist ein Problem. Denn wenn eine deutsche Partei die mehr ...
Es ist ein bisschen wie in Filmen über das alte Rom: Gehen die Daumen nach oben, ist der Vertrag von Lissabon auf einem guten mehr ...
Wie erotisch ist EU-Politik? Wer könnte das besser wissen als Silvana Koch-Mehrin. Sie brachte Glamour in die FDP und möchte mehr ...
Bei den Bürgern Europas ist die EU umstritten wie nie - auch in den neuen Mitgliedsstaaten wie Tschechien, in denen der mehr ...
Leserkommentare (3)
da sind wir Schweizer froh dass wir nicht in der EU sind und nicht solche stumpfsinnige Verordnungen befolgen müssen,haben die in Brüssel nichts anderes zu tun als den Europäischen Bürgern Steine in den Weg zu legen. Aber ich denke dass dort meiner Meinung nach zu viele Beamte sind denen es zu langweilig ist und so kommen sie auf solche Ideen. Ein glüchlicher Schweizer
jetzt antworten Kommentar meldenZu den Weinstöcken: Ich finde es unmöglich, wie sich die Politik, egal ob EU oder die BRD selbst, mit solchen Festlegungen als Schildbürger präsentiert. Sollen die Menschen, die Erwerb erzielen wollen, so gedemütigt werden? Es fehlen einem die Worte!
jetzt antworten Kommentar melden"Der Bürger staunt - der Fachmann wundert sich". So oder ähnlich könnte jeweils der Kommentar zu EU-Erlässen und Richtlinien aussehen. Es wird immer wieder der Eindruck erweckt, daß die EU stets am "echten Leben" vorbeidenkt. Andererseits wundern sich die Politiker, daß die Bevölkerung "Politkmüde" ist, da letztlich gegen solche Entscheidungen keine Möglichkeit besteht, Abänderung zu verlangen. Viele Politiker halten das Volk ja doch nur alle paar Jahre als Mündig, und zwar wenn Wahlen anstehen. Ansonsten haben wir nichts zu melden. Ist das auch Demokratie?
jetzt antworten Kommentar melden