Holocaust-Leugnung Ist Judenhass wieder gesellschaftsfähig?

Pessach (Foto)
Die jüdische Gemeinde in Berlin am Vorabend des Pessach-Festes, an dem symbolisch gesäuertes Brot verbrannt wird. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts
Päpstliches Schweigen in Israel, Heil Hitler vor Gericht, Teenager-Attacken im KZ, Judenhass auf Facebook: Einzelfälle oder Symptome antisemitischer Tendenzen? Rechtsextremismus-Experte Hajo Funke erklärt, wie die Fälle zusammenhängen.

Der Holocaust ist keine Meinungssache, sondern traurige historische Wahrheit. Gegenwärtig häufen sich allerdings Vorfälle, die Schlimmes befürchten lassen – Antisemitismus scheint wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Einige Nachrichten der letzten Tage könnten fast Realsatire sein, wenn sie nicht so unheimlich wären.

In den USA lässt das soziale Netzwerk Facebook Antisemiten Hasstiraden verbreiten - unter dem Vorwand offener Diskussionskultur. Zugleich werden Fotos stillender Mütter aus Nutzerprofilen entfernt, da diese anstößig sein könnten, wie das Web-2.0-Blog Techcrunch etwas spitz bemerkt.

Dann schockierten am vergangenen Wochenende fünf vermummte Teenager im früheren Konzentrationslager Ebensee in Österreich zwei ausländische Besuchergruppen. Die Neonazis stürmten mit Luftdruckgewehren über das Gelände und begrüßten die Besucher mit Hitlergruß und Sieg Heil-Rufen. Eines der Opfer der Attacke war Häftling des KZs gewesen. Die österreichischen Behörden und die Presse taten die rechten Provokationen als «kleine Episoden» ab.

In Deutschland geht derzeit ein anderer Fall durch die Medien: Sylvia Stolz, Frau des deutschen Chef-Nazis Horst Mahler und Ex-Anwältin des Holocaust-Leugners Ernst Zündel, drohen nun selbst über drei Jahre Haft wegen Volksverhetzung. Ein Berufsverbot war ihr bereits erteilt worden, weil sie als Verteidigerin im Zündel-Prozess 2006 selbst den Holocaust geleugnet hatte und mit Hitlergruß den Gerichtssaal verlassen hatte.

Was nach Einzelfällen klingt, nach Justizpossen, Nerdkram und Böse-Buben-Streich, ist doch bitterernst und vor allem miteinander verbunden. Denn Antisemitismus und Neonazismus bekommen zunehmend eine andere Qualität: eine gewalttätige Seite und immer mehr gesellschaftlichen Raum.

Hajo Funke, Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und einer der führenden Antisemitismus-Experten in Deutschland, führt den starken Anstieg rechter Straftaten im vergangenen Jahr auf genau diese soziale Verankerung zurück.

Natürlich müsse zwischen den Argumenten von Hardcore-Revisionisten und der dumpfen Gewalt von Neonazis unterschieden werden, sagt Funke im Gespräch mit news.de. «Menschen wie Zündel, Stolz, Mahler sind Extreme. Sie repräsentieren das, was die Forschung ‹core ideology› nennt, und bleiben auch innerhalb der rechtsextremen Szene isoliert.»

Trotzdem nehme die braune Masse diesen Denkerflügel natürlich wahr. Es sei aber nicht unbedingt der intellektuelle Überbau, der rechtsextreme Gewalt befördere - in Österreich sei die zunehmende Gewaltbereitschaft eher den rechtspopulistischen Parteien anzulasten, so Funke.

Viel bedenklicher findet der Politikwissenschaftler daher subtilen Antisemitismus, wie er sich etwa im «autoritären und absolutistischen Glaubensverständnis» der katholischen Kirche artikuliere. Papst Benedikt, der auf seiner Nahost-Reise auch für das kritisiert wurde, was er nicht gesagt hat, ist für Funke Vertreter dieses Denkens:

Dadurch, dass er Kernideen des Zweiten Vatikanums zurücknehme, das Ultimatum gegen den umstrittenen Katholiken und Holocaust-Leugner Williamson nicht umsetze, dass er die antijüdische Karfreitags-Fürbitte wieder eingeführt habe, bestärke der Papst stillschweigend die «Eingemeindung antijudäischer Traditionen», sagt Funke. Das sei eine «Hinnahme des Antisemitismus», die «immens verharmlost» werde.

Mit ganz ähnlichen Worten hatte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich, Ariel Muzicant, die Neonazi-Attacken vom Wochenende bewertet - in der Wiener Zeitung kritisierte er die «Wurschtigkeit» gegenüber Rechtsextremismus in Österreich. Es herrsche sogar eine «Kultur der Verharmlosung». Und genau darin sind beide Lager - die Denker und die Schläger - dann wieder nah beieinander.

Leserkommentare (30) Jetzt Artikel kommentieren
  • alfgarfield
  • Kommentar 30
  • 11.04.2011 14:17

Wer mit Gott spricht, der kommt in die Klapse. Zu Gott beten, sei normal. Jeder Mensch hat so seine Auffälligkeiten. Die Gläubigen ganz besonders, fehlt denen doch der Sinn für Realität in ihrem Irrsinn vom Götterglauben. Religionen sind Opium fürs Volk! Und Menschen im Rausch sind frei von Verantwortungsbewusstsein und zu allem Abscheulichen leicht zu bewegen. - Jedem Gläubigen seinen Psychodoktor, schließlich lassen sich alle Neurosen (psychischen Störungen) irgendwie heilen.

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  • Ende
  • Kommentar 29
  • 24.04.2010 22:52

Keiner ist mehr da.

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  • Hermann Huber
  • Kommentar 28
  • 20.04.2010 16:29

Boykott–Desinvestition–Sanktionen gegen Israel bis zum Ende von Apartheid und Besatzung in Palästina http://www.bds-info.ch/ Der Staat Israel ist zu isolieren wie einst der südafrikanische Apartheid-Staat: http://www.steinbergrecherche.com/ujfp.htm "No" to Ethnic Cleansing of the West Bank. Film und Diskussion:Boykott,Desinvestition,Sanktionen.23. April 2010 Wien.Gefangene ohne Recht: http://www.gazamussleben.at/ Informationen über die Kampagne zu Boykott,Desinvestition und Sanktionen: http://www.kopi-endederbesatzung.de/52.0.html und viele mehr, "Antisemiten" und "Selbsthasser"!

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