John Demjanjuk «Keine Amnestie f├╝r Greise»

S├╝ndenbock oder Kriegsverbrecher? John Demjanjuk wurde in ein M├╝nchner Gef├Ąngnis ├╝berstellt, doch der Rechtsstreit ist noch nicht vorbei. W├Ąhrend Opferverb├Ąnde die Abschiebung bejubeln, spricht sein Anwalt von einer falschen Vorverurteilung.

John Demjanjuk wurde in einem Krankenwagen in das M├╝nchner Gef├Ąngnis gefahren. Bild: ap

Ohne gro├čes Aufsehen war John Demjanjuk 1952 aus Deutschland verschwunden, doch umso gr├Â├čer ist die Aufmerksamkeit jetzt bei seiner R├╝ckkehr: Als das Lazarettflugzeug um 9.13 Uhr auf der Landebahn des M├╝nchner Flughafen aufsetzt, sind die Kameraleute bereits in Position. Die Bilder, die sie schie├čen, gehen um die Welt.

Sie zeigen, wie der 89-J├Ąhrige in einen Krankenwagen verfrachtet wird, der ihn ins Gef├Ąngnis M├╝nchen-Stadelheim bringen soll. Demjanjuk liegt auf einer Pritsche, ein Schlauch in der Nase, der Mund halb ge├Âffnet. Und Beobachter fragen sich: Inszeniert sich hier gerade ein 89-j├Ąhriger Greis, der damit einer Verurteilung als Kriegsverbrecher entgehen will?

F├╝r Demjanjuks Anwalt ist die Antwort eindeutig: Sein Mandant sei definitiv nicht haft- und vernehmungsf├Ąhig, sagt der Reutlinger Strafverteidiger Ulrich Busch auf news.de-Anfrage. «Nat├╝rlich gibt es nicht automatisch eine Amnesie f├╝r Greise», sagte er. Allerdings m├╝sse nach geltendem Recht ein Beschuldigter in der Lage sein, dem Prozess k├Ârperlich und geistig zu folgen. Das sei bei Demjanjuk jedoch nicht der Fall.

Die Staatsanwaltschaft M├╝nchen sieht das anders. Sie will – nachdem Amts├Ąrzte den wahren Gesundheitszustand von Demjanjuk ├╝berpr├╝ft haben – in wenigen Wochen Anklage erheben. Der Vorwurf wiegt schwer: Der geb├╝rtige Ukrainer soll sich 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von mindestens 29.000 Menschen beteiligt haben. Hauptbeweismittel ist ein SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393 und seinem Namen. Demjanjuk, der zuletzt in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio gelebt hatte, bestreitet die Vorw├╝rfe. Gegen die Abschiebung hatte er sich zuvor mehrfach juristisch zur Wehr gesetzt und dies mit seinem schlechten Gesundheitszustand begr├╝ndet.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland begr├╝├čte jedenfalls die Abschiebung. Der Generalsekret├Ąr Stephan Kramer nannte das juristische Vorgehen ein «wichtiges Signal». Es gehe nicht darum, einen «alten Mann zur Schau zu stellen». Vielmehr werde im Fall Demjanjuk deutlich, dass «die Gerechtigkeit einen langen Atem hat». Kramer f├╝gte hinzu: «Au├čerdem freue ich mich ├╝ber eine Diskussion dar├╝ber, wie die deutsche Justiz mit den NS-Verbrechen umgegangen ist.» Dies sei «absolut kein Ruhmesblatt». Kramer betonte: «Da gibt es einiges aufzuarbeiten. Es sind Hunderttausende von Mordtaten eigentlich nie verfolgt worden, obwohl man die T├Ąter vor der Nase sitzen hatte.»

Demjanjuks Anwalt widerspricht allerdings dieser Deutung: «Wir werden mit dem Prozess keinen Beitrag zur Aufarbeitung der schrecklichen Geschichte leisten k├Ânnen», sagte Busch. Der Verteidiger r├Ąumte zwar ein, dass der Prozess auch f├╝r seinen Mandanten die Chance zur Klarstellung b├Âte und dass die moralischen Standpunkte der Opferverb├Ąnde «richtig seien». Allerdings kritisierte er in diesem Zusammenhang eine vorschnelle Vorverurteilung seines Mandanten.

Unterdessen wurde bereits der wahrscheinlich einzig noch lebende Augenzeuge vernommen. Der 82-j├Ąhrige Thomas Blatt schilderte den Ermittlern die Zust├Ąnde in dem Lager. Blatt hatte dort als 15-J├Ąhriger Eltern und Bruder verloren und will als Nebenkl├Ąger in einem m├Âglichen Prozess gegen Demjanjuk auftreten.

«Er hat ausgesagt, dass er mit eigenen Augen gesehen hat, dass es die ureigenste und einzige Aufgabe der Wachm├Ąnner gewesen ist, Arbeitsjuden wie ihn zu bewachen und, wenn Transporte eintrafen, f├╝r den reibungslosen Ablauf der Vernichtung zu sorgen», sagte Blatts Anwalt nach der Vernehmung. Sollte Demjanjuk in Sobibor gewesen sein, dann sei er auch Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen. Allerdings habe Blatt nicht sagen k├Ânnen, ob Demjanjuk tats├Ąchlich unter den Wachm├Ąnnern war.

news.de

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