Interview Wenn Onkel Putin am Milchpreis schraubt

Seit Jahren kämpfen die Landwirte um faire Milchpreise. Beim Ernährungsgipfel im Agrarministerium kam das Thema wieder auf den Tisch. News.de sprach mit Stefan Mann aus dem Vorstand des Vereins Deutscher Milchviehhalter.

Aigner will Milchbauern helfen (Foto)
Die Milchpreise sinken immer weiter in den Keller. Bild: dpa

Herr Mann, warum müssen wir uns ständig über Milchpreise streiten?

Stefan Mann: Das Problem ist komplex und sehr schwierig zu erklären. Und auch nach endlosen Diskussionen sind wir nicht weiter gekommen. Wir haben immer noch mit den alten Übeln zu kämpfen: einem unzulänglichen Umrechnungsfaktor für den Liter Milch und der Substitution, sprich, der Tatsache, dass zum Beispiel auf Pizza kein richtiger Käse liegt, sondern ein billiges Ersatzprodukt. Die Wurzel des Problems hier bei uns ist die Menge und die hat die EU-Kommission in der Hand. Wir Milchviehhalter dürfen Angebot und Nachfrage nicht selbst steuern. Die Regeln werden uns von oben aufgedrückt. Was wir fordern sind Rahmenbedingungen für einen fairen Markt.

Wie sehen diese Rahmenbedingungen aus?

Stefan Mann: Wir fordern eine Orientierung an den Milchquoten der einzelnen Betriebe und einen durchschnittlichen Preis von 40 Cent pro Liter. Damit könnten die Milchviehhalter Angebot und Nachfrage selbst regulieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass dann nicht über Steuermittel der Milch-Export in Dritte-Welt-Länder finanziert werden muss. Und dort auch keine Kleinbetriebe zerstört werden. Somit wäre allen geholfen.

Aber nach den Protesten im vergangenen Jahr sind die Milchpreise doch kurzfristig gestiegen.

Stefan Mann: Ja, wir haben auch eine große Resonanz in der Bevölkerung. Die Menschen akzeptieren, für Milch einen fairen Preis zu zahlen. Aber die Preise können wie gesagt nicht von uns selbst gemacht werden. Die EU sorgt für eine gewisse Übermenge und drückt somit den Preis.

Warum legt die EU Regeln fest, die so wenig förderlich für den Markt sind?

Stefan Mann: Festgelegt wurde die Milchquote 1984 mit dem Ziel, dass nicht zuviel Milch auf den Markt kommt. Anfangs war das sinnvoll. Über die Jahre hat sich das ins Gegenteil gewandelt. Milchviehbetriebe hatten als einzige Möglichkeit mehr Geld zu verdienen, immer mehr und mehr zu liefern. Über die vergangenen 20 Jahre sind sie immer mehr expandiert. Und jetzt ist Schluss, mehr Personal und noch mehr Produktion geht nicht. Wir sitzen in der Falle. Zudem muss den Politikern bewusst werden, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb anders funktioniert als ein Unternehmen. Auf kurzfristiges Angebot und kurzfristige Nachfrage können wir nicht reagieren. Wir planen langfristig. Ein Kalb muss erstmal großgezogen werden, braucht in dieser Zeit ja auch Futter und Pflege, bis es Milch gibt. Da machen Sie die ersten drei Jahre überhaupt keinen Gewinn.

Warum gibt man dann die ganze Landwirtschaft nicht einfach auf?

Stefan Mann: Was ist denn das für eine Frage? Einmal natürlich, weil wir an unseren Betrieben hängen. So eine Herde ist teilweise über mehrere Generationen aufgebaut worden. Mein eigener Betrieb ist aus dem 16. Jahrhundert. Das ist unsere Vergangenheit und auch die Zukunft unsere Kinder. Da hängt man dran. Das gibt man nicht einfach kampflos auf. Dazu kommen ganz sachliche Probleme. Gäben wir in Deutschland die Landwirtschaft auf, würden wir unsere Ernährungssouveränität verlieren. Damit machen wir uns abhängig von anderen Staaten. Und dann kann es sein, dass Onkel Putin nicht nur am Gashahn dreht, wenn es ihm passt, sondern eben mal am Milchpreis.

Beim Ernährungsgipfel im Agrarministerium in diesen Tagen wird der Milchpreis ja wieder diskutiert. Glauben Sie, dass sich etwas ändert?

Stefan Mann: Nein, da wird sich nichts ändern. Ich fürchte, die Gespräche sind reine Schauveranstaltungen. Bei diesem Treffen ist die Milch nur ein kleiner Punkt auf der Agenda. Das Thema ist viel zu komplex, dass es dort ausreichend diskutiert werden kann.

Zur Person: Stefan Mann, Jahrgang.1963, ist Milchviehhalter in Ilschhausen (Hessen) und im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter.

ped

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig