Mo., 13.02.12

Atomkraft in Deutschland «Ein unverantwortliches Spiel mit dem Leben»

Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner

Artikel vom 25.04.2009

Der Atomausstieg in Deutschland schien beschlossen. Tschernobyl hatte die Menschen zum Nachdenken gebracht. Nun scheint Atomkraft wieder salonfähig. Im Wahlkampf wird die Verlängerung von Kernkraftwerk-Laufzeiten diskutiert.

Der Unfall von Tschernobyl liegt mittlerweile 23 Jahre zurück. In der Ukraine und im benachbarten Weißrussland leiden die Menschen noch immer an den Folgen der Katastrophe. Der Münchner Strahlenmediziner Professor Edmund Lengfelder kann das bestätigen. Er leitet das Otto-Hug-Strahleninstitut, das 1992 in der weißrussischen Stadt Gomel ein Therapiezentrum für Krebs und andere Erkrankungen der Schilddrüse eingerichtet hat und seither betreut.

Mehrmals im Jahr fährt Lengfelder ins ehemalige Katastrophengebiet. Der Schilddrüsenkrebs ist laut seiner Aussage nach Tschernobyl förmlich explodiert – mit bisher mehr als 16.000 Fällen allein in Weißrussland. In den Tschernobyl-nahen Regionen sind die Brustkrebs­erkrankungen inzwischen auf das Doppelte angestiegen. «Deutschland ist zehnfach dichter besiedelt. Wäre der Unfall hier passiert, wären viel mehr Menschen betroffen, die in unserem Gesundheitssystem niemals ausreichend behandelt werden könnten», sagt Lengfelder.

Ein Unfall muss aber gar nicht passieren. Auch im Normalbetrieb geben Kernkraftwerke radioaktive Substanzen ab. Dass diese Strahlung Krebs verursacht, ist kein Geheimnis und auch nicht neu. Eine Studie aus dem Jahr 2007 zu allen deutschen Kernkraftwerk-Standorten beweist, dass die Leukämierate bei Kindern steil ansteigt, je näher sie an einem Kernkraftwerk wohnen. Diskutiert wird darüber nicht gerne, lieber werden solche statistischen Erhebungen totgeschwiegen.

Der Grund: «Atomkraftwerke bringen richtig Geld», erklärt Lengfelder. Und rechnet vor: «Ein Block macht am Tag eine Million Euro Reingewinn. Ein Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerk bringt dagegen 400.000 bis 600.000 Euro.» Und der Experte fügt hinzu: «Um die Gewinne der Atomkraftwerksbetreiber nicht zu sehr zu beschränken, hat ihnen die Politik erlaubt, auf eine angemessene und deshalb teuere Haftpflichtversicherung zu verzichten.».

Für Geld werden Probleme klein geredet. Das Argument, eine Katastrophe wie in Tschernobyl könne in den technisch aufgerüsteten deutschen Atomkraftwerken nicht auftreten, bezeichnet Lengfelder als einfältig. «Das ist, als würden Sie beim Fahren im Straßenverkehr sagen, ‹nur mit einem billigen Kleinwagen kann man einen Unfall bauen, aber nicht bei mir, ich fahre einen Mercedes›», vergleicht er.

Ein Supergau vom Ausmaß Tschernobyl sei auch für Deutschland nicht auszuschließen. Denn hohe technische Standards bewahren nicht automatisch vor Fehlern oder menschlichem Versagen. Auch in anderen Hochtechnologien gebe es schwere Unfälle, wie die ICE-Katastrophe von Eschede, die Explosion der Challenger-Raumfähre oder der Unfall der Magnetschwebebahn, sagt Lengfelder.

Dass in Deutschland nun über verlängerte Laufzeiten der Atommeiler diskutiert wird, ist für ihn ein unverantwortliches Spiel mit dem Leben, der Gesundheit und dem Eigentum der Bürger. «Durch meine langjährige Arbeit im Tschernobyl-Gebiet weiß ich, dass im Falle einer Katastrophe unser Gesundheitssystem schon für eine Notversorgung völlig überfordert wäre», sagt Lengfelder. Riesige Landstriche müssten evakuiert werden. Millionen Betroffene bräuchten neue Unterkünfte, Verpflegung und Arbeit.

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Atomkraft in Deutschland: «Ein unverantwortliches Spiel mit dem Leben» » Politik » Nachrichten

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Leserkommentare (7)
  • Kommentar: 7
  • 20.07.2009 13:23
von

Ich möchte gerne wissen, was die Leute vor Augen haben wenn Sie sagen: die AKWs sind nicht sicher. Was daran ist nicht sicher? Bedeutet "nicht sicher" etwa: entspricht nicht den deutschen Sicherheitsanforderungen? Dann müßte allen zuständigen Aufsichtsorganisationen gröbste Fahrlässigkeit vorgeworfen werden. Die AKWs laufen aber noch! Also doch sicher? Ich vermute, die wenigsten wissen, welche Kontrollmechanismen und -Organisationen hinter jedem in Betrieb befindlichen AKW stecken.

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  • Kommentar: 6
  • 27.04.2009 13:03
von

Ich verstehe die Aufregung um deutsche AKWs nicht. Wir stehen vor der Wahl. Ich finde wählt die Parteien die gegen Atom- meiler sind.

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  • Kommentar: 5
  • 26.04.2009 23:31
von

Ich denke auch, dass man mit dem "hochmodernen" deutschen Standard ein AKW betreiben kann. Wenn die AKW-Industrie gewisse Sicherheiten hätte, dann könnten sie auch weiterforschen und die Technologie weiter verbessern. Aber so ? Wenn die Regierung das nicht will, dann sollen sie doch den Strompreis nach oben begrenzen per Gesetz und den sogen. Kohlepfennig endlich abschaffen.Es ist Alles in Allem nur ein einziger politischer Sumpf. Wer von wem hier abhängig ist kann man einfach nicht durchschauen. Zu Lasten des Bürgers.

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  • Kommentar: 4
  • 26.04.2009 17:13
von

In welcher Welt leben diese Atomkraftgegner - das ist genauso als wenn ein Medikament wegen gesundheitschädlicher Substanzen bei uns verboten ist, ich es aber frei in der Apotheke beziehen kann, wenn dessen Herkunft nachweislich aus Frankreich ist - Erst wenn zumindest Europaweit der Ausstieg aus der Atomkraft stattfindet sehe ich einen Sinn darin - ansonsten finanzieren wird uber die Energieengpässe die Aomkraftwerke anderer europäischer Staaten - tolle Einstellung - Schilda läßt grüßen

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  • Kommentar: 3
  • 26.04.2009 15:03
von

Hallo Leute, was kümmern mich die AKWs, bei mir kommt der Strom aus der Steckdose. Dieser Beitrag ist ein bezahlter Auftragsbeitrag der grünen Technologieverweigerer um Lengfeld herum. Frau Schartner, Sie reiten einen alten Gaul. Auch Sie können den Fortschritt nicht aufhalten. Versuchen Sie es doch einmal mit "Gen manipuliertem Strom aus supersauberer Braunkohle". Ihr Michel

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  • Kommentar: 2
  • 26.04.2009 13:31
von

Ich bin dafür die Laufzeiten zu verlängern, aber nur, wenn die Betreiber und sämtliche Gehaltsverdiener dieser AKW-s, im maximalen Abstand von 500 Metern dazu wohnen müssen und täglich die neuesten Nachrichten aus Tschernobyl ansehen müssen. Atomkraft in der jetzigen Form ist nicht nur fürs Volk da, sondern für gieige Aktionäre

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  • Kommentar: 1
  • 26.04.2009 11:15
von

Ich finde diese Diskussion recht überflüssig. Der Schuh ist so alt wie die Kraftwerke selbst und in nem AKW waren die wohl wenigsten Bundesbürger. Kohle oder Gas ist absolut keine saubere Lösung und noch mehr von diesen Winkraftanlagen macht aus schönen Landschaften , hässliche Flecken , die nur Spannung erzeugen wenn es windet. Wasserkraft ist absolut sauber und geeignet , nur kann man die Menge Wasser überhaupt nicht stauen , die man zur Deckung des Strombedarfs benötigt. Dann bitte deutsche AKWs , denn im Nachbarland (gleiche Entfernung zum Meiler)läuft das ding weiter. Europanetz etc.

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