Streit um den Landesnamen Ikone der Wendezeit fühlt sich missverstanden

Wendezeit (Foto)
In der Wendezeit organisierte er die Friedensgebete in der Leipziger Nikoleikirche: Ex-Pfarrer Christian Führer. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier
Ein Satz, eine Debatte, ein Dementi: Christian Führer, die Ikone der 1989er Revolution, soll die Umbenennung der Bundesrepublik gefordert haben. Das hatten kürzlich einige Medien berichtet. Für den Ex-Pfarrer ist das aber ein Missverständnis.

Union deutscher Länder? Vereinigtes Deutschland? Oder einfach nur Deutschland? Aus Sicht des ehemaligen Pfarrers der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, sei das allemal besser als dieser Name: Bundesrepublik Deutschland. Das stand zumindest vor ein paar Tagen in einigen Medien zu lesen.

«Ex-DDR-Pfarrer will Bundesrepublik umbenennen» titelte zum Beispiel Welt Online - und die Aufregung war plötzlich groß. Doch der Organisator der Friedensgebete, die ein maßgeblicher Ausgangspunkt für die Montagsdemonstrationen vor dem Zusammenbruch der DDR waren, fühlt sich falsch verstanden. «Ich bin schon erstaunt, wie das Thema in einigen Zeitungen gefahren worden ist», sagte Führer nun im news.de-Gespräch.

Was genau war passiert? Bei einer Veranstaltung in Osnabrück zum 20. Jahrestag des Mauerfalls hatte Führer den Namen Bundesrepublik Deutschland als Bezeichnung für das wiedervereinigte Land kritisiert. Der Begriff stehe für die Zeit von 1949 und 1989, «also nur für einen Teil Deutschlands», hatte er argumentiert. Dadurch sei der Eindruck entstanden, dass alles so weitergehen könnte wie bisher – frei nach dem Motto: «Wir renovieren mal kurz die DDR durch, und dann hat sich das erledigt.» Zudem hatte der 66-jährige Theologe auch Kritik am 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit geübt. Es wäre aus seiner Sicht besser gewesen, die Einheit sechs Tage später zu feiern. Am 9. Oktober 1989 seien 70.000 Menschen nach den Friedensgebeten in Leipzig unterwegs gewesen. Danach sei die DDR nicht «mehr dieselbe gewesen», so Führer.

Von diesem Standpunkt rückt der Friedensaktivist nicht ab. Er habe das alles so gesagt – allerdings mit einem feinen Unterschied: «Es handelte sich dabei um einen reinen Rückblick.» Er halte daran fest, dass eine Umbenennung vor 20 Jahren extrem sinnvoll gewesen wäre. Damals habe im Osten die Vorstellung geherrscht, dass man nach einer schnellen juristischen Einheit die Strukturen der Staaten in einem ausgewogenen Prozess gleichberechtigt hätte zusammenlegen können. In diesem Zusammenhang hätte man auch über einen neuen, gemeinsamen Namen nachdenken können. «Für das innere Zusammenwachsen der beiden Staaten wäre das sicherlich identitätsstiftend gewesen», sagte Führer. Doch das Thema gehöre nun der Vergangenheit an.

«Ich habe in keinerlei Weise eine neue Forderung nach einer Namensänderung aufgestellt. Dass eine nachträgliche Umbenennung nicht unser drängendstes Problem ist, weiß ich auch», sagte Führer jetzt. Zwei Jahrzehnte nach der Wende müsse der Fokus der Debatte natürlich woanders liegen. «Mehr als eine Namensänderung brauchen wir tiefgreifende Änderungen im Wirtschaftsdenken. Das sollte unser Hauptthema sein», stellte der Theologe klar.

Damit reiht sich Führer in die Reihe derjeniger ein, die bereits vor seiner Richtigstellung vor dem Aufflammen einer vermeintlich unsinnigen Debatte gewarnt hatten. Unter anderem hatte der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer der Leipziger Volkszeitung zu einem möglichen Namensstreit gesagt: «Es gibt wichtigere Dinge zu tun und auf die sollten wir uns konzentrieren.»

In eine ähnliche Kerbe schlug Klaus Schroeder, Leiter der Forschungsstelle zur Aufarbeitung des SED-Staates an der Freien Universität Berlin. Er warnte vor einer «zu großen, rückwärtsgewandten Nostalgie», die womöglich den Blick auf positive Realitäten verstellen könnte. «Wir sind im Angleichungsprozess viel weiter, als manch einer das wahrhaben mag», sagte Schroeder. Da seien Schaukämpfe über alte Wunden nicht gerade zielführend, und mit der Debatte um die Namensänderung müsse irgendwann auch Schluss sein, findet der Wissenschaftler. Die Diskussion hätte man führen können, so Schroeder, wenn sich strukturell in dem Land etwas geändert hätte. «Aber das hat man nicht, insofern muss man das auch 20 Jahre später nicht mehr debattieren.»

mik

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Erwin
  • Kommentar 6
  • 09.10.2009 01:55

Die BRS haätte man sicherlich in Deutschland umtaufen können. Genau so sicher wird das nie geschehen, denn dieses ist nicht im Sinne der 12 Sterne Globalisierung Player.

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  • Grünpfeil
  • Kommentar 5
  • 08.10.2009 15:37

Es ist ja nicht alles schlecht, was wir heute haben... Auch der Name unseres Staates gehört dazu - und die Tatsache, dass es sich um eine Demokratie handelt (nicht zu verwechseln mit dem Paradies). Und "Deutschland" ist ein Bestandteil desselben - wo ist da das Problem??

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  • Kommentar 4
  • 01.05.2009 16:24

Eine Debatte um eine jetzige Namensaenderung ist unangebracht. Selbstverstaendlich behielt die BRD ihren Namen, denn die damalige DDR wurde verfassungsmaeszig mit 5 neuen Bundeslaendern umstrukturiert und trat der BRD bei. Fuer mich ist es viel wichtiger, ob und wie die BRD heute an ihrem in der Praeambel des Grundgesetzes enthaltenen Auftrag zur Herstellung der europaeischen Einheit haelt.

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