Talibangebiete in Pakistan Die Schule der lebenden Bomben

In Pakistan haben die Taliban ganze Landesteile unter ihre Kontrolle gebracht. Dort setzen sie ihre radikale Interpretation des Islam durch. Gerade Kinder wollen die Radikalen beeinflussen - und bilden sie zu Kämpfern und Selbstmordattentätern aus.

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Eine Madrasa in Afghanistan. In solche Koranschulen schicken auch viele pakistanische Eltern ihre Kinder. Bild: dpa

Bevor die TalibanDie radikalislamischen Taliban beherrschten bis 2001 Afghanistan und errichteten dort ein mittelalterliches Regime. Ursprünglich waren die Religionsstudenten von Pakistan und den USA für den Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan ausgestattet worden. Inzwischen werden mit dem Wort Taliban sehr unterschiedliche Gruppen bezeichnet, fanatische Koranschüler aus den pakistanischen Stammesgebieten ebenso wie paschtunische Stämme, die gegen die afghanische und pakistanische Regierung kämpfen - und gegen die westlichen Truppen am Hindukusch. ihn zum Selbstmordattentäter machten, war Haneef Mehsud ein ganz normaler Teenager, der viel Zeit mit Freunden verbrachte. Kurz nach seinem 17. Geburtstag verübte er Ende 2008 im halbautonomen Stammesgebiet Süd-Waziristan einen Selbstmordanschlag. Nicht weit weg von seinem Heimatdorf Pekai steuerte Haneef ein Bombenauto mit Vollgas in einen Armeekonvoi und riss zwei Soldaten mit in den Tod.

«Zwei Wochen zuvor war er noch hier. Wir wollten ihn davon abbringen. Er sagte, er würde bald zum Märtyrer werden, aber das ist er nicht», sagt sein Vater Ghazi Mehsud. Tränen rinnen ihm übers Gesicht in den langen grauen Bart. «Ich weiß nicht, was die Taliban mit meinen Sohn gemacht haben. Seine Mutter und Schwestern haben so geweint, aber er war wie aus Stein. Wir sollten ihm nur vergeben. Dann ist er gegangen», sagt Ghazi.

Um seinen zweiten jungen Sohn dem Einflussbereich des regionalen Extremistenanführers Baitullah Mehsud zu entziehen, den er für den Tod seines Kindes verantwortlich macht, zog Ghazi in den benachbarten Bezirk Tank in der Nordwest-Grenzprovinz.

In den von Mehsud betriebenen Schulen für Selbstmordattentäter aber werden weiter Hunderte von Kindern einer Gehirnwäsche unterzogen. Der Paschtune, der in den 30ern ist, ist der Chef eines al-Qaida-nahen Netzwerkes von rund einem Dutzend militanter Gruppen. Auf sein Konto sollen Dutzende von Selbstmordanschlägen im ganzen Land gehen, darunter der Mord an der früheren Premierministerin Benazir Bhutto in Rawalpindi im Dezember 2007.

Bei den Ermittlungen im Fall Bhutto wurde der 15 Jahre alte Aitzaz Shah in Dera Ismail Khan festgenommen. Shah sagte beim Verhör, er sei als «Ersatz-Selbstmordattentäter» dabei gewesen.

Im Januar 2008 hob das Militär während einer Offensive die «Schule für Selbstmordattentäter» in der Region Spinkai in Süd-Waziristan aus. Später zeigte die Armee Reportern Videoaufnahmen von einem Klassenraum, in dem ein vermummter Lehrer seinen Schülern erklärt, wie man sich selbst in die Luft sprengt. Die Jungen sitzen in Reihen, um den Kopf ein weißes Band mit Koranversen geschlungen. Mehr als 50 Jungen nahmen die Soldaten nach Armeeangaben damals in Gewahrsam.

Nach dem Armeeabzug im Zuge eines umstrittenen Abkommens mit den Taliban ist die Schule längst wieder geöffnet. Der Geheimdienst schätzt, dass bislang mehr als 5000 Kinder im Alter zwischen 10 und 17 darin geschult worden sind, als lebende Bombe zum «Märtyrer» zu werden. Die meisten Kinder werden ins benachbarte Afghanistan geschickt, um ausländische und afghanische Soldaten ins Visier zu nehmen, der Rest übernimmt Kommandos in Pakistan.

Erst am 6. April sprengte sich ein Kind in einer Schiiten-Moschee in der Provinz Punjab in die Luft und riss 26 Gläubige mit in den Tod. Die meisten der jungen Täter kommen aus Koranschulen in den Stammesregionen im Grenzgebiet zu Afghanistan und aus Dörfern der Nordwest-Grenzprovinz. Ihre Eltern schicken sie dorthin - eine andere Schulausbildung können sie nicht bezahlen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Kinder in den Koranschulen aufgehetzt werden

«Die Kinder, die in den MadrassenDas arabische Wort Madrasa bezeichnete ursprünglich eine religiöse Schule, auf der Theologie und andere Wissenschaften gelehrt wurden. Heute kann damit jede Schule gemeint sein - und besonders auch die Koranschulen, an denen der Unterricht vor allem im Auswendiglernen von Koranversen besteht. mit Spendengeldern verköstigt werden, haben ein tief sitzendes Gefühl für Ungerechtigkeiten. Die militanten Ausbilder wissen dieses geschickt in Hass zu wandeln gegen den Westen und dessen Befürworter, die, wie sie sagen, die armen Muslime in aller Welt unterdrücken», sagt Mian Aftab Ahmad von der Psychologischen Vereinigung Pakistans.

Nachdem den Jungen eine rigide Auslegung des Islam eingebläut worden ist, gibt es Kurse in konventioneller Kriegsführung. Nur die Hochmotivierten werden als Selbstmordattentäter auserwählt. Dazu gehörte auch der 15-jährige Zakaullah. Nur weil seine Eltern aus der Stammesregion Bajaur wegzogen, wurde es nichts mit dem Attentat.

«Ich kann mit einer Kalaschnikow umgehen, mit einem Raketenwerfer, und eine Landmine kann ich auch legen», sagt Zakaullah, der auf einem Markt in der Stadt Rawalpindi Schuhe wienert, stolz. «Ich bin ausgesucht worden zum Training für Selbstmordattentate, aber dann ist meine Familie hierher gezogen.»

Zakaullahs Vater ist Schuster und heilfroh, dass die Madrasa in Bajaur in weiter Ferne liegt und er seinen Sohn jetzt im Blick hat. Aber er macht sich immer noch Sorgen und ist auch enttäuscht, weil er so gar keine Hilfe vom Staat bekommt, um seinen Sohn wieder auf die rechte Bahn zu bekommen. «In Bajaur haben die Taliban verboten, fernzusehen. Seit wir hier sind, haben wir Kabel-TV. Zuerst hat Zakaullah das abends zwei, drei Stunden gesehen. Aber dann fand er das unislamisch», erzählt Sher Zaman. Jetzt höre Zakaullah nur noch von den Taliban aufgenommene Kassetten mit Predigten, die ihm ein Freund in Bajaur besorge.

Wie aber ließe sich ein Junge wie er denn wieder in die Gesellschaft eingliedern? Darauf weiß auch die Psychologin Yasmin Nilofer Farooqi von der Universität in Lahore keine Antwort. «Soweit ich weiß, gibt es dazu keine einzige anerkannte Untersuchung. Und in die Stammesregionen können wir wegen des andauernden Konflikts nicht.» Die einzige Quelle für die Forschung sind die wenigen gefassten Kinderselbstmordattentäter. «Aber die Sicherheitskräfte erlauben uns erst gar nicht, mit ihnen zu sprechen.»

che/hav

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