«Wie ein Kind, das man schützen will»
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Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
Artikel vom 22.04.2009
Südafrika steht vor einer der wichtigsten Wahlen seit Ende der Apartheid. Einer der bekanntesten Südafrikaner ist Howard Carpendale. Der Entertainer im news.de-Gespräch über Heimat, Frust, ernsthafte Deutsche und verblasste Schlagerstars.
Herr Carpendale, Sie sind 1965 nach Deutschland gekommen und haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Was bedeutet Ihnen Südafrika heute?
Carpendale: Ich bin in den 1980er Jahren deutscher Staatsbürger geworden. Damals war es noch nicht möglich, zwei Pässe zu haben. Südafrika ist meine Heimat, es ist ein bisschen wie ein Kind, das man schützen möchte. Aber man hat keine Ahnung, wie man das macht. Ich war vor kurzem dort und habe mit vielen Freunden gesprochen. Die meisten Menschen - zumindest die Weißen - reden davon wegzugehen. Sie befürchten, dass es eine noch größere Krise gibt. Ich habe einen Taxifahrer in Kapstadt getroffen, der hat mir erklärt: ‹Ich bin zu dunkel, um weiß zu sein und zu hell, um schwarz zu sein›. Es gibt so viele verschiedene Nuancen an Hautfarben, die aber über den gesellschaftlichen Status entscheiden. Das macht die Sache sehr, sehr schwierig.
Sehen Sie keine Fortschritte in der Überwindung der Apartheid?
Carpendale: Im Prinzip hat sich für die meisten Schwarzen nicht viel geändert. Sie leben immer noch in ihren Blechhütten, sind deprimiert über die Korruption, die sich so stark in der politischen Szene verbreitet hat.
Ihre Mutter lebt in Südafrika. Wie oft sind Sie dort?
Carpendale: Leider viel zu selten. Ich versuche möglichst oft mal runter zu fliegen. Wenn dann gleich mal für 'ne Woche oder zwei.
Die jetzt anstehende Parlamentswahl gilt als die wichtigste seit dem Ende der Apartheid 1994. Was ist Ihr Wunsch für Südafrika?
Carpendale: Wenn ich ehrlich bin: Ich kenne die Kandidaten nicht besonders gut. Da gibt es Jacob ZumaChef der Regierungspartei ANC und aussichtsreichster Kandidat für das Präsidentenamt. Der polygam lebende Politiker gehört dem Volk der Zulu an. , der angeblich eine ziemlich zwielichtige Vergangenheit hat. Dass er der Richtige ist, bezweifle ich. Der ANCAfrikanischer Nationalkongress, die Partei versteht sich als Interessenvertretung der schwarzen und farbigen Bevölkerungsgruppen Südafrikas. ist offenbar nicht viel weitergekommen. Es gibt viele Schwarze, die nicht überzeugt sind, dass sie vor der ‹Wende› ein schlechteres Leben hatten. Kein Schwarzer wird Ihnen sagen, ‹ich hätte gerne wieder eine weiße Regierung›. Aber alle hätten gerne eine Regierung ohne Korruption, die wirklich an das Land denkt. Südafrika ist ein richtiger melting pot (Schmelztiegel), wo man wahrscheinlich ein paar Generationen braucht, bis die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt.
Wie erklären Sie sich so viel Gewalt in Südafrika?
Carpendale: Die wird noch zunehmen, wenn die Wirtschaftskrise wirklich schlimm wird. Wenn Menschen nicht mehr wissen, wo sie das nächste Mal etwas zu essen bekommen oder kein Dach über dem Kopf haben. Dazu sind etwa 20 Prozent der Südafrikaner mit Aids infiziert. Es herrscht Frustration ohne Ende in den TownshipsDie während der Apartheid eingerichteten Wohngegenden für die schwarze, die farbige oder die indische Bevölkerung. . Wenn diese Leute dann bei anderen einen relativ großen Reichtum sehen, führt das oft zu Gewalt. Kapstadt ist aber relativ friedlich, in Johannesburg ist es viel schlimmer.
Ihr Vater war Landtagsabgeordneter in der ehemaligen südafrikanischen Provinz Natal, Ihr Großvater Bürgermeister Ihrer Geburtsstadt Durban. Wann steigen Sie in die Politik ein?
Carpendale: Also, da finde ich das Musikgeschäft schon weitaus mehr sexy.
Aber Sie hätten eine große Popularität...
Carpendale: Wir sind schon längst an dem Punkt vorbei, an dem sich Individualisten gefragt sind. Das sehen wir auch gerade an der aktuellen deutschen Politik. In den USA hat es mit Präsident Obama ein sehr ungewöhnlicher Mensch geschafft, was mich überrascht, aber auch sehr gefreut hat. Ich habe aus Begeisterung ein Lied über ihn gesungen, das aber im Formatradio nicht gespielt wurde.
Sie meinen Ihr Lied «Yes we can» in Anlehnung an Obamas Motto im Wahlkampf.
Carpendale: Es ging mir nicht um ein Loblied auf Obama. Ich bin keiner, der politische Überzeugungen über seine Musik verbreiten möchte. Sondern Emotionen. Ich glaube, wir brauchen dieses ‹Yes we can›-Gefühl auch hier in Deutschland. Das hat Amerika gut getan. Mehr wollte ich nicht.
Aber es ist dennoch eine politische Aussage, eine Parteinahme für Obama.
Carpendale: Ja - und ich würde es wieder tun?
Würden Sie sagen, ein Künstler soll auch politisch Stellung beziehen?
Carpendale: Wenn's authentisch ist, ja. Wenn ich über Obama oder über Südafrika etwas singe, dann weil ich das wirklich empfinde. Ich bin schon seit eineinhalb Jahren ein großer Anhänger von Obama. Endlich haben wir einen, der uns erzählt, wie die Dinge sind. Im Moment stößt er auf viel Kritik, er sei zu weich und zu ehrlich. Ich weiß nicht, was die Menschen gerne hätten: Lieber einen Politiker wie Bush, der uns laufend Mist erzählt hat, oder einen, der uns sagt, wie es wirklich ist...
Wünschen Sie sich auch für Südafrika einen Obama?
Carpendale: Das wäre gut, ja. Der eingangs erwähnte Taxifahrer sagte mir: ‹Wenn ich zwei Flaschen Whiskey zur Behörde mitnehme, dann werde ich als Weißer eingestuft›. Es ist eine Korruption ohne Ende. Das ist es, warum man da einen Obama bräuchte.
Braucht Südafrika noch Zeit für einen Obama?
Carpendale: Unbedingt, aber Südafrika braucht überhaupt Zeit. Man kann so eine Geschichte nicht in 10, 20 Jahren umdrehen. Es gibt so viel Hass. Auch die Weißen sind sich überhaupt nicht einig. Das geht durch jede Schicht. Es herrscht keine große Einigkeit, um die Probleme, diese Korruption anzugehen.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 löste in Deutschland eine große Euphorie aus. Glauben Sie, die WM 2010 wird Südafrika einen großen Schritt voranbringen?
Carpendale: Ich befürchte das Gegenteil. Diese WM kommt zum falschen Zeitpunkt. Südkorea hat erst seine Probleme in Ordnung gebracht und dann ein großes sportliches Ereignis gefeiert. In Südafrika ist es anders herum. Wenn die WM zu Ende ist, sagen die Schwarzen: ‹Danach geht mein Leben genauso weiter. Von diesem Ereignis werde ich sowieso wenig mitbekommen, weil ich gar nicht das Geld habe, um ein Spiel zu sehen.› Südafrika wird zum Alltag zurückkehren, sobald das alles vorbei ist. Aber ich hoffe, ich liege völlig falsch.
Könnten Sie sich vorstellen, als WM-Botschafter in Südafrika zu arbeiten?
Carpendale: Ich muss gestehen, ich habe Fußball immer als eine relativ langweilige Sportart gesehen. Und habe das immer auch deutlich gesagt. Es wäre nicht fair, jetzt so zu tun, als ob ich Fußball-Experte bin. Aber wenn ich ein Angebot bekomme, Südafrika als schönes Land zu präsentieren, dann mache ich es gerne.
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