Kleckerburg am Kieselstrand
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Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Erfurt
Artikel vom 10.04.2009Eine Idee, ein roter Wartburg und ein Ziel. Zwei Thüringer wollen jene Länder besuchen, in denen Ostdeutsche vor 1989 Urlaub machten. Die Reise führt nicht nur in die Vergangenheit.
Es gibt da diese kleinen Geschichten der Touristen aus der DDR. Sie klingen heute nach Romantik und irgendwie auch nach Abenteuer. Sie klingen unwahrscheinlich, waren aber Realität. Manche handeln von Kolbenfressern am Trabi auf dem Zeltplatz am Balaton in Ungarn. Manche von teurem Benzin im kommunistischen Ausland, von der Kleckerburg am Kieselstrand oder zu wenigen Devisen. Viele handeln vom Auto voller Ersatzteile und der Brüderlichkeit von Ost- und Westdeutschen am FKK-Strand. Und einige vom Gefühl, von der Stasi bis ans Schwarze Meer verfolgt worden zu sein.
Den Geschichten auf der Spur sind zwei Thüringer: Christian Stadali und Holger Schmalfuß. Mit einem weißen Staublappen wischt Stadali über den roten Lack. Er macht das ganz behutsam, denn der Lack ist 35 Jahre alt und gehört zu einem Wartburg. Das Gefährt steht bald im Mittelpunkt einer großen Reise. Noch steht es aber in einer nach Öl riechenden Werkstatt im thüringischen Neudietendorf bei Erfurt und glänzt. Stadali, Schmalfuß und der Wartburg, ein eigenartiges Trio. Ein Westdeutscher, ein Ostdeutscher und ein Auto, das nicht mehr gebaut wird. Sie wollen sich ab Ostersonntag auf Spurensuche begeben.
Die Idee klingt verrückt, ist sie aber nicht. «Wir wollen die ehemaligen Urlaubsländer der DDR-Bürger abfahren», sagt Holger Schmalfuß. Dem Ostdeutschen, dem Journalisten ist die Idee allerdings nicht gekommen. Christian Stadali, dem Westdeutschen mit Tick für den Ostblock, kam es in den Sinn. «Reisewege – Fluchtwege» nennen sie ihre Reise in die touristische Vergangenheit. Sechs Länder, 60 Tage und 6000 Kilometer. Und damit alles der Realität sehr nahe kommt, musste der Wartburg ins Spiel gebracht werden. Für die Technikinteressierten: 3 Zylinder, 50 PS, 4 Gänge nach vorn, Lenkradschaltung. Klingt schon mal alles sehr nostalgisch. Das Nummernschild: WE-LT 32H.
Jetzt haucht Stadali auf die Stoßstange aus Chrom und wischt mit seinem Ellenbogen drüber. Er macht das so, als ob die Stoßstange etwas ganz Zerbrechliches ist. Behutsamer geht es kaum. Stadali öffnet die Fahrertür und zeigt in den Innenraum des Autos. «Die Sitze sind sehr bequem», sagt der Wahlthüringer. Sie sind durchgesessen und mit einem hellbraunen Fell überzogen. Das Armaturenbrett ist übersichtlich, hat jedoch einen großen roten Knopf zu bieten. Für die Standheizung. Sie verrät, es handelt sich um einen exquisiten Wartbung mit dem Namenszusatz «deluxe». Wochenlang haben Stadali und Schmalfuß am Auto gebaut. Sie haben Bremsen und Motor auf Vordermann gebracht und am Ende den ganzen Wagen poliert. Der Staub der Vergangenheit ist jetzt zwar entfernt, aber es riecht im Auto noch etwas nach DDR.
Der Staub der Gegenwart: Er soll aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Polen und Bulgarien kommen. «Menschen sind immer gereist», sagt Schmalfuß. Jedoch sei es vor 25 Jahren etwas Großes gewesen, sich in ein Auto zu setzen und ans Schwarze Meer fahren zu können. Auch wenn es nicht immer einfach war. Da gab es zum Beispiel die knappen Devisen oder die Reiseroute, die nicht durch Österreich führen konnte, obwohl das kürzer gewesen wäre. «Selbst in den Ostblockländern haben sich DDR-Bürger als Urlauber zweiter Klasse gefühlt», sagt Stadali.
Die beiden Thüringer wollen nicht nur Erinnerungen wecken. Sie wollen während ihrer Reise auch schauen, was aus den damaligen Geschichten geworden ist. «Wir wollen die Orte aufsuchen, an denen die Urlauber damals waren.» Auch die Urlaubsländer haben sich nach dem Herbst 1989 verändert. Was ist gewesen und was ist geblieben? Vielleicht gibt die Reise einige Antworten. Auf news.de werden die Abenteurer in den kommenden Wochen von ihren Erlebnissen berichten.
mik/ruk
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