Nach Mehdorns Rücktritt Regierung sucht einen neuen Bahnchef

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Bahnchef Mehdorn zieht Konsequenzen aus der Spitzelaffäre und tritt zurück - aber ohne Schuldeingeständis. Bild: ap

Nach dem Rücktritt von Hartmut Mehdorn hagelte noch einmal heftige Kritik auf den Bahnchef ein. Außer aus Regierungskreisen scheint der 66-Jährige kaum noch Rückhalt gehabt zu haben. Nun soll schnell ein neuer Manager das Steuer übernehmen.

Mehdorn trat wegen der Datenaffäre zurück. Er übernahm damit die Verantwortung für die systematische Bespitzelung zehntausender Mitarbeiter und das Filtern von E-Mails. Eine persönliche Schuld stritt der 66-jährige Vorstandschef des Staatskonzerns aber weiter ab. Auch kein Mitarbeiter habe sich im Sinne des Strafrechts falsch verhalten. Stattdessen sprach Mehdorn von einer «Kampagne» gegen die Bahnspitze und «zerstörerischen Debatten» zu Lasten der Firma und des ganzen Landes.

Politiker der Großen Koalition zollten Mehdorn, der fast zehn Jahre an der Spitze der Bahn stand, überwiegend Respekt. Kanzlerin Angela Merkel dankte dem Manager und lobte vor allem die erfolgreiche Sanierung des bundeseigenen Konzerns. Dieser Modernisierungskurs müsse fortgeführt werden.

Nun will die Bundesregierung schnell einen Nachfolger präsentieren: Schon am Dienstag beraten die Spitzen der Großen Koalition darüber. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte der Leipziger Volkszeitung, der neue Chef müsse schnell Vertrauen zurückgewinnen und die Unternehmenskultur verbessern.

Mehdorn stand seit Freitag massiv unter Druck. An diesem Tag hatten die Bahn-Sonderermittler Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin sowie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ihre Ergebnisse zur Datenaffäre vorgelegt. Danach soll die Bahn nicht nur die Daten der Mitarbeiter und Lieferanten massenhaft abgeglichen, sondern auch E-Mails von 70.000 bis 80.000 Mitarbeitern systematisch gefiltert haben.

FDP-Chef Guido Westerwelle sagte, mit dem Rücktritt Mehdorns sei die Affäre nicht aufgeklärt und «der Sumpf nicht trocken gelegt». Es sei keine Kleinigkeit, «wenn systematisch über Jahre hinweg Mitarbeiter auch gegen das Recht ausspioniert und bespitzelt wurden», monierte er.

Die Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Kirchner von Transnet und Klaus-Dieter Hommel von der GDBA bezeichneten den Rückzug als «logische Konsequenz aus der Schnüffel-Affäre». Beide hatten diesen Schritt bereits am Freitag gefordert. Sie erwarteten von der Politik «ein klares Bekenntnis, welchen Weg die Bahn künftig gehen soll» und zur integrierten DB AG.

Linksfraktionschef Gregor Gysi rügte, Mehdorn habe aus der Bahn einen Geheimdienst machen wollen und so das Image der Bahn auf lange Zeit ramponiert. Zudem werde sein Name immer «mit dem unsäglichen und glücklicherweise auf Eis gelegten Börsengang» verbunden bleiben. Grünen-Chefin Claudia Roth warf dem Bahnchef absolutistische Methoden vor.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Geschäftszahlen der Bahn aussehen - und wie die Zukunft des Konzerns

Unmittelbar vor seiner Rücktrittsankündigung präsentierte Mehdorn eine Bilanz mit Milliardengewinn für 2008. Danach erzielte der Konzern ein operatives Ergebnis vor Steuern von 2,5 Milliarden Euro und nach Steuern von 1,3 Milliarden Euro. Damit wurde allerdings das Ergebnis des Vorjahrs (1,7 Milliarden) um 23 Prozent verfehlt.

Während der Schienenpersonenverkehr stabile Erträge lieferte und die Zahl der Reisenden um etwa 3,5 Prozent stieg, schlug die Krise beim Güterverkehr besonders im letzten Quartal des vergangenen Jahres voll zu. Dies schlug sich in negativen Zahlen für das Gesamtjahr nieder: Schenker Logistics machte 40 Millionen Euro oder 9,5 Prozent, Schenker Rail 50 Millionen Euro oder 14 Prozent Minus.

Der Verkehrsclub VCD hielt Mehdorn vor, dass seit seinem Amtsantritt das Verkehrsaufkommen im Fernverkehr um 13 Prozent gesunken sei. Es müsse nun «Schluss sein mit dem Plan zum Börsengang, der weltweiten Expansion des Konzerns in bahnfremde Sparten, mit regelmäßigen Fahrpreiserhöhungen und gleichzeitigen Angebotskürzungen».

Tiefensee sagte zur Zukunft der Bahn: «Meine Position ist unverändert: Die Bahn bleibt ein integrierter Konzern, in dem das Netz auf Dauer beim Bund und damit in der Hand der Bürger bleibt. In der nächsten Legislaturperiode sollten wir die Teilprivatisierung nicht weiter verfolgen.»

mat/mac

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