Hartmut Richter «Ich wollte in diesem Staat nicht mehr leben»

Hartmut Richter (Foto)
Hartmut Richter erzählt im Rahmen des Theaterstücks «Staats-Sicherheiten» von seiner Zeit als politischer Häftling. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
1966 gelingt Hartmut Richter im zweiten Anlauf die Flucht aus der DDR. Als 18-Jähriger schwimmt er durch den Teltowkanal nach Westberlin. Als er seine Schwester im Auto über die Grenze schmuggeln will, wird er erwischt und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Hartmut Richter wächst in den frühen Jahren der DDR als begeisterter Jungpionier auf. Er glaubt an die Parolen des SED-Regimes, ist staatstreu. Seine positive Einstellung gegenüber dem sozialistischen Heimatland ändert sich jedoch zunehmend.

Als er dem sogenannten Pionierleiter verraten soll, welche seiner Mitschüler Westfernsehen schauen, weigert er sich. Im Alter von 13 Jahren ist Richter vor Ort, als die Berliner Mauer gebaut wird. Der angebliche Schutzwall - in seinen Augen eine Gefängnismauer. Seine Enttäuschung und Unzufriedenheit wachsen.

Mit 18 Jahren versucht er zum ersten Mal, die DDR zu verlassen. Über die damalige Tschechoslowakei will er im Januar 1966 mit dem Zug nach Österreich einreisen. Der Fluchtversuch scheitert. An der Grenze wird er von den zuständigen Beamten aus dem Zug geholt. «Damals konnte ich noch Reue heucheln. Ich habe meinen Eltern in einem Brief geschrieben, dass ich aus Verzweiflung, wegen Liebeskummer, fliehen wollte. Ich wusste ja, dass der Brief vom Staatsanwalt gelesen wird.»

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Im Mai verurteilt ihn das Kreisgericht Potsdam zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung. Er darf seine Ausbildung zum Betriebs- und Verkehrseisenbahner beenden, wird jedoch zum Abitur nicht mehr zugelassen. Noch im August, die Ausbildung eben erst beendet, unternimmt er seinen zweiten Fluchtversuch. Er schwimmt - oder vielmehr taucht - durch den Teltowkanal und erreicht unversehrt das Westberliner Ufer. «Ich wollte in diesem Staat nicht mehr leben, ich hatte die Schnauze voll. Es war entweder oder.»

Lesen Sie auf Seite 2, warum Richters eigene Schwester ihm zum Verhängnis wurde

In Westberlin macht Richter eine Ausbildung zum Kellner im Hotel Schweitzerhof und fährt anschließend vier Jahre lang als Steward zur See. Anfang der 1970er Jahre kehrt er in die Bundesrepublik zurück. Diese hatte 1973 ein Transitabkommen mit der DDR geschlossen, wonach Bundesbürger auf ihren Reisen von und nach West-Berlin nur noch aufgrund eines «begründeten Verdachts» kontrolliert werden durften.

Hartmut Richter, der in der DDR seit seiner Republikflucht als politischer Straftäter gilt, profitiert zu diesem Zeitpunkt von der generellen Amnestie, mit der die DDR-Regierung anlässlich des 23-Jahrestages Tausende Menschen freispricht. Auch Richter kann nun für seine Flucht nicht mehr rechtlich belangt werden und kann als Westbürger problemlos in die DDR einreisen. Er beginnt, die Transitwege zwischen Ost und West zu nutzen, um Freunde und Bekannte aus der DDR heraus zu holen.

«Ich war Überzeugungstäter. Ich habe das nicht kommerziell betrieben, es war für mich eher so eine Art sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Ich wollte fünf oder sechs Freunde raus holen. Das war damals so: Der erste, der raus kommt, hilft den anderen. Mir war klar, dass der gewaltige Unterdrückungsapparat, der damals aber noch nicht so gewaltig war wie zum Schluss, nicht in der Lage war, jeden Meter dieser Transitwege zu überwachen», erinnert sich Richter.

Insgesamt schmuggelt er 33 Menschen im Kofferraum seines Autos in die Bundesrepublik. Der 34. Versuch scheitert. In der Nacht vom 3. zum 4. März 1975 wird der damals 27-Jährige am Grenzübergang Trewitz von Grenzpolizisten angehalten. Im Kofferraum finden die Beamten die sechs Jahre jüngere Schwester, Elke Richter.

Lesen Sie auf Seite 3, wie die DDR mit staatsfeindlichen Menschenhändlern umging

Wieder wird Richter nach Potsdam transportiert, von dort aus geht es weiter nach Berlin-Hohenschönhausen, in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Ein Jahr sitzt er dort fest. In endlosen Verhören versucht die Stasi herauszufinden, wen Richter alles über die Grenze geschafft hat.

Die Untersuchungshaft erlebt er in wochen- und monatelanger Isolation. Er bekommt Schreibverbot, Briefe werden ihm vorenthalten. Zur Schwester wird keinerlei Kontakt gestattet. Was aus ihr wurde, bleibt Hartmut Richter lange Zeit unklar. Von den 33 Fluchthilfen kann ihm das MfS nach vielen Verhören 18 Fälle nachweisen. Das reicht zur Höchststrafe.

Im März 1976 wird Richter vom Bezirksgericht Potsdam unter Ausschluss der Öffentlichkeit angeklagt und im Sinne von Paragraph 105 des Strafgesetzbuches der DDR verurteilt. Heute ist sicher, dass es sich dabei um einen Schauprozess handelte, das Strafmaß schon vorher feststand.

«Die Anklage lautete staatsfeindlicher Menschenhandel zum Zwecke, die DDR zu schädigen. Ich selbst sei ein von den westlichen Medien manipuliertes Subjekt, mit blindem Hass auf die sozialistische DDR infiziert», erinnert sich Richter an die Worte des Staatsanwaltes. Das Urteil: 15 Jahre Zuchthaus.

Hartmut Richter wird zunächst in die Ostberliner Haftanstalt Rummelsburg verlegt. Dort aber wird man mit ihm nicht fertig. «Der Strafgefangene Richter ist ein Feind der DDR. Er macht aus seiner Einstellung keinen Hehl. Er macht Witze über den Staatsratsvorsitzenden Honecker und macht sich über das Neue Deutschland (Anmerkung der Redaktion: die offizielle Parteizeitung der SED in der DDR) lustig. Er beeinflusst den Erziehungsprozess seiner Mitgefangenen negativ», heißt es später in Richters Akte.

Als 1977 Flugblätter in seiner Zelle gefunden werden, in denen Richter die DDR-Regierung als «Handlanger des sowjetischen Marionettendienstes» bezeichnet, wird es den Beamten zu brenzlig. Richter, der die Blätter zum 30. Jahrestag der DDR im Gefängnis verteilen wollte, wird in die vom MfS kontrollierte Sondervollzugsanstalt Bautzen II verlegt. Er gilt fortan als «Schwerstkriminell». Für Richter selbst eine unverständliche Entscheidung. «Die haben mich total überschätzt. Die waren der Meinung, ich hätte tatsächlich allein eine Revolte anzetteln können.»

Lesen Sie auf Seite 4, wie der Alltag im Gefängnis aussah und wie Richter nur knapp dem Tod entkam

Nach 18 Monaten Haft in Rummelsburg und zwei Hungerstreiks mit Zwangsernährung im Leipziger Haftkrankenhaus kommt Hartmut Richter nach Bautzen II. Er rebelliert weiter. «Ich habe mich zur Wehr gesetzt, indem ich zum Beispiel die Arbeit sabotiert oder mich geweigert habe, die Hausordnung einzuhalten. Es herrschte tagsüber zum Beispiel Liegeverbot. Ein paar Mal bin ich dafür zusammengeschlagen worden, aber ich hatte keine Angst. Mit meiner Leiche hätten die ja kein Geld mehr bekommen», erzählt Richter.

Schließlich verfügt der Leiter der Haftanstalt «aus erzieherischen Gründen» eine Einzelunterbringung. So verbringt Hartmut Richter auch hier die meiste Zeit in Isolationshaft. Reue empfindet er nicht. «Ich hatte nie einen Schuldkomplex. Die Leute, die ich aus der DDR rausgeholt habe, die haben geweint, sind mir um den Hals gefallen. Für die war ich Weihnachtsmann und Osterhase in einer Person. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.»

Noch vor Ablauf seiner 15-jährigen Haftstrafe wird Hartmut Richter im Oktober 1980 von der Bundesrepublik frei gekauft und in den Westen entlassen. Als er mit dem Auto über die Grenze geschafft wird, bemerkt er scherzhaft: «Mensch, die kontrollieren gar nicht, da hätte man ja noch ein paar Leute im Kofferraum mitnehmen können.»

Doch die Zeit im Gefängnis ist nicht spurlos an Hartmut Richter vorüber gegangen. «Das waren immerhin fast sechs Jahre meines Lebens, das hat schon Spuren hinterlassen. Mal abgesehen von dem Gewichtsverlust. Wenn einem die elementarsten Rechte vorenthalten werden, man keine Briefe bekommt, keinen Besuch empfangen darf. Dazu die lange Einzelhaft, die Isolation. Rufmordkampagnen. Das sitzt viel tiefer. Die haben ja eine ganze Wissenschaft daraus gemacht, wie man feindlich negative Objekte zersetzt», erzählt der heute 61-Jährige.

Sicher vor den Fängen der Stasi ist Richter aber auch im Westen nicht. Bis zur Wende wird er weiterhin intensiv bespitzelt, seine Wohnung teilweise abgehört. Bereits zwei Wochen nach seiner Entlassung gilt er beim MfS wieder als «feindlich negatives Objekt im Operationsgebiet».

Erneut Menschen über die Grenze zu schmuggeln, wagt der damals 32-Jährige nicht. Aber er engagiert sich bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, organisiert Protestaktionen und Hungerstreiks, um auf das Unrecht in der DDR aufmerksam zu machen. Erst aus seinen Stasiakten erfährt Hartmut Richter 1992, dass seine «physische Liquidierung» geplant war.

1984 hatte er eine Nagelmatte, einen so genannten Stalinrasen, aus dem Grenzstreifen über die Berliner Mauer nach Westberlin gezogen. «Ich sollte diese Aktion wiederholen. Ein Bekannter meinte, wir sollten die restlichen Stalinrasen holen und dann auf der Fahrt nach Berlin-Schönefeld am Grenzübergang auslegen. Ich hab das aber nicht gemacht, weil mir das zu weit ging. Bei dem Diebstahl hätte ich dann an der Mauer von Scharfschützen erschossen werden sollen», entnimmt Richter später aus seiner Akte.

mik

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 2
  • 14.04.2009 20:28

Es ist für mich immer wieder bewegend und es gibt einen Kloß im Hals, wenn ich -nicht nur vom Hartmut Richter- diese Erlebnisse höre und lese. Ich kenne ihn bereits viele Jahre und kann bestätigen, das diese Geschichten absolut wahr und keinesfalls ausgeschmückt sind. Eher, mittlerweile durch jahrelangen Abstand, fast milde geschildert. Es ist bewundernswert, wie er seine Arbeit und die Führungen in Hohenschönhausen mit anderen Leidensgenossen zusammen bewältigt, täglich erträgt, wie seine Zeit dort vor Ort jahrelang von der Staatsmacht bestimmt wurde und trotzdem ER alle überlebt hat!

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  • Kommentar 1
  • 29.03.2009 17:21

Ich würde gerne wissen, World News

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