Karl Lauterbach im Interview «Die Deutschen gehen zu oft zum Arzt»

Karl Lauterbach (SPD) ist einer der größten Kenner des deutschen Gesundheitssystems. Vor dem für Mittwoch angekündigten Protesttag gegen die Gesundheitspolitik in Berlin spricht er im Interview mit news.de über die Probleme der Zukunft, das Jammern der Ärzte und erklärt, warum Deutschland in punkto Gesundheit nur Mittelmaß ist.

Karl Lauterbach (Foto)
Diagnostiziert Deutschland ein krankes Gesundheitssystem: Karl Lauterbach. Bild: dpa

news.de: Herr Lauterbach, wann waren Sie zum letzten Mal beim Arzt?

Karl Lauterbach: Ich hatte unlängst eine Knieverletzung, die ich mir beim Sport zugezogen habe. Da bin ich sogar operiert worden, von einem Spezialisten in Berlin.

news.de: War Ihnen dabei wohl zumute? Wenn man Ihr neues Buch gelesen hat, muss man fast Ansgt haben, sich in die Hände eines Arztes zu begeben.

Lauterbach: So schlimm ist es natürlich nicht. Ich empfehle in dem Buch ja sogar einzelne Kliniken und Abteilungen. Es gibt viele gute Ärzte in unserem System, auch sehr viele gute Kliniken. Das Problem ist nur: Das System ist so organisiert, dass der Patient oft eine gute Klinik nicht von einer schlechten unterscheiden kann. Auch einen guten Arzt kann man nicht so leicht erkennen. Da versuche ich, eine Hilfestellung zu geben.

news.de: Gehen die Deutschen insgesamt zu oft zum Arzt?

Lauterbach: Ja, das glaube ich schon. Wir haben mehr als doppelt so viele Arztkontakte in der Praxis wie andere europäische Länder, aber wir haben deshalb keinen besseren Gesundheitszustand. Das Problem ist das Prinzip «Masse statt Klasse». Der Arzt muss den Patienten oft sehen, um auf sein Geld zu kommen. Der Patient wird im Gegenzug teilweise nicht so versorgt wie das sein müsste. Dafür müssten wir ein anderes Honorarsystem haben.

news.de: Die Ärzte fordern seit Jahren mehr Geld, aktuell gibt es wieder Streit um eine Honorarreform. Ist das berechtigt?

Lauterbach: Die Kritik der Ärzte kann ich verstehen. Beispielsweise bekommen Ärzte, die viel mit ihren Patienten sprechen und Hinweise zur Vorbeugung von Krankheiten geben, jetzt weniger Geld. Solche Ärzte sollten meiner Ansicht nach eigentlich gestärkt werden. Insgesamt gibt es durch die Reform viele Verwerfungen. Bestimmte Arztgruppen und bestimmte Bundesländer verlieren Geld, andere profitieren. Aber das war vorher bekannt. Das Problem ist: Jede Umverteilung muss begründet werden. Aber diese Umverteilung hat keine medizinische Vision. Uns fehlt eine Reform, die ein gesundheitliches Ziel hat.

news.de: Die Probleme scheinen ähnlich komplex und tiefliegend zu sein, wie es lange im Bildungssystem war: Alle wissen, dass etwas getan werden muss, aber es geht nicht voran. Braucht die Gesundheitspolitik ein Erweckungserlebnis wie die Pisa-Studie?

Lauterbach: Es gibt auch in der Medizin ähnliche Studien mit internationalen Vergleichen. Die zeigen: Die Deutschen erkranken früher und haben danach eine schlechtere Lebensqualität als die Menschen in anderen europäischen Ländern. Uns fehlt also nicht der Befund. Uns fehlt die Reform, für mehr Spezialisierung bei den Ärzten und mehr Vorsorge bei den Patienten.

news.de: Das Problem bei der Vorsorge scheint aber zu sein: An Menschen, die gar nicht erst krank werden, verdient niemand etwas.

Lauterbach: Zumindest verdient man derzeit nicht genug damit. Die aktuellen Honorare sind zu gering. Wir bezahlen zu sehr das, was schon an Erkrankungen da ist. Das gilt für die Ärzte und die Krankenkassen. Das gesamte System muss so umgearbeitet werden, dass Vorsorge sich mehr lohnt.

news.de: Das alles kostet Geld, dazu kommen die Belastungen durch wachsende Probleme wie Diabetes und Demenz. Die Beiträge sollen aber nicht weiter steigen. Müssen wir langfristig Abstriche bei unseren Gesundheits-Ansprüchen machen?

Lauterbach: Das Problem ist nicht, dass nicht genug Geld da ist. Das Problem ist: Wir geben viel Geld aus, sind aber im Ergebnis nur mittelmäßig. Wir haben zu wenig Vorsorge-Medizin und es ist zum Teil sehr schwer, an einen echten Spezialisten heranzukommen.

news.de: In Ihrem Buch schildern Sie, dass das auch an den Ärzten selbst liegt. Wollen Sie die Halbgötter in Weiß vom Sockel stoßen?

Lauterbach: Ich denke nicht, dass das nötig ist. Die Patienten haben da keine Illusionen mehr. Sie müssen sich ja oft genug lange Vorträge des Arztes über die Gesundheitspolitik oder die niedrigen Honorare anhören, bevor sie überhaupt behandelt werden. Sie wissen also, dass die Ärzte auch Unternehmer sind und dass es ihnen auch um Profit geht. Das ist auch richtig so. Aber wichtig wäre, dass die Ärzte auch mehr Augenmerk auf die Fortbildung legen. Das bekommen wir nur hin, wenn wir Ärzte für die Fortbildung bezahlen.

news.de: Sie fordern dafür eine Zwangsabgabe der Pharmaindustrie. Das klingt nach hartem Eingreifen des Staates. Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Staatsmedizin und amerikanischen Verhältnissen: Was würden Sie bevorzugen?

Lauterbach: Wenn man nur diese beiden Systeme zur Wahl hätte, könnte ich mich für keines von beiden entscheiden. Ein reines Staatssystem oder amerikanische Verhältnisse – das kann man eigentlich beides niemandem wünschen. Deutschland hat einen dritten Weg gewählt. Und das deutsche Gesundheitssystem könnte Spitze in der Welt sein, wenn wir bestimmte Krankheiten aus dem System rausbekommen. Zumindest eine gute Nachricht gibt es: Diese Krankheiten sind alle nicht unheilbar.

Professor Karl Lauterbach (46) hat in Deutschland und den USA Medizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie studiert. Er lehrt an der Harvard-Universität und leitet das Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Universität Köln. Seit 2001 ist er SPD-Mitglied, seit 2005 sitzt er für die Sozialdemokraten im Bundestag.

mik/mac

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 1
  • 03.04.2009 10:12

Was herr Lauterbach dort von sich gibt stimmt nicht. Die Menschen gehen nicht zu odt zum Arzt, denn das ist eben der nachteil des menschen er neigt zu bestimmten Erkrankungen die immer wider auftauchen. ich selber komme aus einm Arzthauhalt ich bin selber erkrankt an Diabetes und an einemneurologischen Anfallsgeschehen damit mus sich schon zum Arzt gehen auch wegn Untersuchung der Nachwirkungen beim Diabetes. das ist der nachteil des Menscxhen ob jung oder alt der Mensch ist krank mal frueher mal spaeter mit zunehmedem Alter werden dies EWrkrankungen schlimmer. Eine vollkommen verkehrte Annah

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