Emanzipation auf dem Kissenschlachtfeld
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Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner
Artikel vom 08.03.2009Heute ist internationaler Frauentag. Über Gleichberechtigung, alte Vorurteile und neue Verhaltensmuster sprach news.de mit Bascha Mika, Chefredakteurin der Tageszeitung «Taz».
news.de: Warum brauchen wir überhaupt einen Frauentag? Sind wir nicht emanzipiert genug?
Bascha Mika: Ganz sicher nicht, aber das liegt nicht nur an uns. Dass Frauen immer noch für ihre Selbstbestimmung kämpfen müssen, haben sie einerseits selbst zu verantworten, andererseits liegt das stark an Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen.
news.de: Zum Beispiel?
Mika: Ein ganz schlichtes: Frauen in Deutschland verdienen in der Regel sehr viel weniger als ihre männlichen Kollegen. Dadurch werden sie schneller abhängig - von Männern, von Beziehungen. Sie sind abhängiger was ihre aktuelle Lebensgestaltung, aber auch was ihre Alterssicherung angeht. Wir haben immer noch Lohnstrukturen, die Frauen eindeutig diskriminieren. Aber noch nie sind Frauen deshalb massenhaft auf die Straße gegangen oder haben wochenlang gegen diese krasse Ungerechtigkeit gestreikt. Wir nehmen sie nach wie vor hin - und wer clever genug ist, versucht das Problem individuell auszuhebeln. Oder ein anderes Beispiel: Die Hilfen, die Politik und Unternehmen für berufstätige Mütter bieten, sind armselig. So werden Frauen durch die Doppelbelastung zermürbt. Soweit die Strukturen. Aber Frauen mit Job und Familie stehen doch auch deshalb enorm unter Druck, weil ihre Kerle ihnen großzügig die Haus- und Kinderarbeit überlassen. Und hier kommt der subjektive Faktor ins Spiel: Denn für den Mann, den sie sich sucht und welche Beziehung sie mit ihm führt, ist jede Frau selbst verantwortlich.
news.de: Das klingt traurig. Anscheinend hat sich in Sachen Gleichberechtigung in den vergangenen Jahren nicht so viel getan.
Mika: Bloß nicht jammern. Es hat sich eine ganze Menge getan. Allerdings nicht genug, um sich zufrieden zurückzulehnen. Denn der Sexismus lebt - auch wenn er heute nicht mehr gern als solcher bezeichnet wird. Auch nicht von Frauen. Er kommt auch längst nicht mehr so offen daher wie der alte. Kryptosexismus heißt das neue Spiel.
news.de: Was bedeutet das?
Mika: Es gibt immer noch geschlechtsbedingte Diskrimierung und Ungleichheit, aber es ist inzwischen sehr viel schwerer, sie offen auszusprechen. Nicht nur, weil es uncool ist, sondern auch weil die Sexisten sich bemühen, nicht ein Fall für das Anti-Diskriminierungsgesetz zu werden.
news.de: Das heißt also, es wird einfach geschickter gegen Frauen argumentiert?
Mika: Genau. Das Ganze läuft subtiler und verdeckter. Nicht mehr ganz so dummdreist wie früher, wo biologistisch, evolutionstheoretisch oder religiös begründet wurde, warum Frauen öfentlich die Klappe halten sollten, bestimmte Berufe nicht ergreifen konnten oder ohne die Zustimmung des Mannes kein Konto eröffnen durften.
news.de: Deswegen kann man sich auch schlechter dagegen wehren.
Mika: Das ist der entscheidende Punkt. Denn wer will schon als freudlose Emanze dastehen? Die starken Frauen von heute wollen sich klar von alten feministischen Bildern abgrenzen. Den Begriff Sexismus umweht ein Modergeruch, der gar nicht cool und sexy ist und von vielen abgelehnt wird. Interessant ist aber: Sobald sich junge Feministinnen fragen, was sie behindert, ausbremst, stört oder nervt landen sie prompt beim alten Sexismus. Egal, ob sie ihn dann so nennen oder nicht. Diskriminierung im Beruf zum Beispiel, oder sexuelle Belästigung. Die Felder haben sich nicht verändert, aber es sind keine Schlachtfelder mehr, sondern Kissenschlachtfelder. Frauen argumentieren verständnisvoller weil sie nicht als Hardcore-Feministinnen dastehen wollen.
news.de: Inwieweit hat sich der Begriff der Gleichberechtigung gewandelt?
Mika: Es gab nie einen einheitlichen Begriff, sondern immer verschiedene Strömungen. Bei der eher schlichten Argumentation wurde Gleichberechtigung mit Gleichmacherei verwechselt. Jeder differenzierte Ansatz geht von Selbstbestimmung aus. Die entscheidende Frage ist, ob ich als Frau mein Leben frei gestalten kann - jenseits von Rollendruck und Geschlechterklischees.
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