Red Hand Day Der Druck auf Armeen mit Kindersoldaten wächst

Weltweit werden rund 250.000 Kinder als Soldaten missbraucht. Besonders in Sri Lanka, Kongo und Kolumbien kämpfen sie auch an der Front. An ihr Schicksal erinnert jährlich der heutige Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten.

Kindersoldaten im Kongo (Foto)
In der Demokratischen Republik Kongo sind noch rund 7000 Kindersoldaten im Einsatz. Bild: dpa

«In der Gesellschaft steigt das Bewusstsein dafür, dass Kinder das Recht haben, bis 18 nicht von Kriegen betroffen zu werden.» Ralf Willinger, Experte bei der Kinderschutzorganisation Terre des Hommes, ist weit davon entfernt, Entwarnung zu geben. Zu schwer ist es, mit Gruppen, die Kinder in Kriegen einsetzen, verbindliche Vereinbarungen zu treffen. Zu gering ist die Kooperationsbereitschaft von Regierungen, die es beim Schutz von Minderjährigen selbst nicht genau nehmen. Trotzdem ist er «bedingt optimistisch», denn zumindest auf der Ebene der Weltgemeinschaft gibt es Bewegung. «Es ist einiges passiert. Auch in Deutschland. Hier war das Problem vor zehn Jahren auch kein Thema.»

1998 gründeten verschiedene Hilfsorganisationen die internationale Coalition to Stop the Use of Child Soldiers (Koalition gegen den Einsatz von Kindersoldaten). Sie veröffentlicht regelmäßig eine Broschüre, die weltweit den Einsatz von Kindern in Armeen, Kriegen und Konflikten beschreibt. «Wir haben eine gesellschaftliche Sensibilität erreicht. Es gibt aber leider zu wenig konkrete politische Reaktionen», sagt Willinger.

Wirklich ins Bewusstsein brachte man den Einsatz von Kindersoldaten 2002. Damals wurde ein Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert. Erst seit dem steht schwarz auf weiß, dass jeder unter 18 als Kindersoldat zählt. Dass jeder, der jünger ist, nicht in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden darf. Dass das ein Grundrecht jedes Kindes ist. «126 Staaten haben das Protokoll unterzeichnet», resümiert Willinger heute. Sie haben sich damit verpflichtet, keine Kindersoldaten einzusetzen.

Auch wenn die Rebellengruppen, die häufig Kinder und Jugendliche anwerben, in diese Vereinbarung nicht direkt einbezogen sind, gibt es zumindest indirekt einen wichtigen Effekt: «Jeder, der Kindersoldaten einsetzt, kann deshalb diffamiert werden. Das kann besonders bei Rebellen, die auf den Rückhalt in der Bevölkerung angewiesen sind, viel bewirken.» So hätten in Burma zwei Widerstandsgruppen davon Abstand genommen, Kinder einzusetzen.

Dieser Weg funktioniert, obwohl einige Länder das Abkommen unterzeichnet haben, in denen die staatlichen Armeen selbst Kindersoldaten einsetzen. Rund 250.000 Kinder sind in Kriegen auf der ganzen Welt im Einsatz. Insgesamt acht Regierungen weltweit rekrutieren laut Willinger bewusst Heranwachsende. Neben der Junta in Burma sind das zum Beispiel die Armeen im Tschad oder der Demokratischen Republik Kongo.

Lesen Sie auf Seite 2, welchen Einfluss der internationale Strafgerichtshof im Kampf gegen Kindersoldaten hat

«All diese Länder sind jetzt unter Druck», ist der Mitarbeiter von Terre des Hommes überzeugt. Neben Hilfsorganisationen würden auch die UN und internationale Beobachter den Einsatz von Kindersoldaten publik machen. Allerdings fehle «ein richtiger Hebel» um Länder, die sich nicht an die gemachten Zusagen halten, zur Verantwortung zu ziehen. «Bei Kinderrechtsorganisationen ist das Thema präsent. Aber die Internationale Gemeinschaft muss mehr tun», fordert Willinger. Die Exporte von Kleinwaffen in betroffene Staaten sollte strenger verboten werden, es müsste deutlichere Sanktionen gegen Rebellenführer geben.

Doch in diesem Bereich gibt es Bewegung: «Der internationale Strafgerichtshof verhandelt gerade gegen Thomas Lubanga wegen des Einsatzes von Kindersoldaten.» Auch im Prozess gegen den ehemaligen Präsidenten von Liberia, Charles Taylor, spielt der Militäreinsatz von Minderjährigen eine Rolle. «Damit gibt es jetzt auch die Furcht vor den Konsequenzen.»

Um weitere Aufmerksamkeit für den Missbrauch von Kindern als Soldaten zu erreichen, initiierten Hilfsorganisationen den heutigen «Red Hand Day». Er findet am selben Tag statt, an dem 2002 das Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet wurde. Ralf Willinger ist deshalb heute in New York, um dem UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rote Handabdrücke zu übergeben. Seit dem 12. Februar 2008 wurden sie weltweit als Symbole gegen die Rekrutierung von Kindern gesammelt.

Ein Grundproblem, dass auch die weltweite Aktion nicht lösen kann: Die Mehrheit der Kinder im Kriegseinsatz hat sich zunächst freiwillig für diesen Weg entschieden. Nur eine Minderheit der Kindersoldaten wurde unter Zwang rekrutiert. «Die Kinder werden von den Anwerbern massiv belogen», erzählt Ralf Willinger. Es heißt, der Dienst bei den Rebellen oder in der Armee würde mehr Ansehen in der Familie bringen, viel Geld und Erfolg bei den Frauen. «Viele machen sich ein völlig falsches Bild. Und wenn sie einmal rekrutiert worden sind, werden sie nicht mehr weggelassen.»

Deshalb arbeitet Terre des Hommes vor allem an der Aufklärung der Kinder in Krisenregionen. «Wenn die wüssten, was es genau bedeutet, Soldat zu werden, würden sie da nicht mehr hingehen», sagt Willinger. Der andere Schwerpunkt, den die Hilfsorganisationen setzen, liegt in der Betreuung ehemaliger Kindersoldaten. Viele werden ohne nach einem Krieg ohne Entschädigung entlassen, sie haben keine abgeschlossene Ausbildung oder Perspektive. Wenn sie zu einer Gruppe gehören, die den Krieg verloren hat, droht zusätzlich Verfolgung oder Bestrafung.

Ralf Willinger hat vor allem eine Forderung: «Schon in den Friedensverhandlungen müssten aus unser Sicht die Kinder thematisiert werden.» Dann könnten auch besser Integrationsprogramme mit Internationaler Hilfe anlaufen. «Im Sudan hat das ganz gut funktioniert, häufig fehlt aber einfach das Geld.» Der Helfer ist überzeugt, dass ein Kindersoldat nicht auf immer verloren ist. Aber: «Sie sind tickende Zeitbomben, wenn sie nicht betreut werden.» Ehemalige Kindersoldaten wieder in die Gesellschaft zu integrieren brauche vor allem zwei wesentliche Dinge: «Zeit und Geld».

ruk

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