«Beschneidung war eine traditionelle Pflicht»
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Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner
Artikel vom 06.02.2009Heute ist internationaler Tag gegen Beschneidung. Vor allem in Afrika sind Frauen betroffen. News.de sprach mit Almaz Böhm von der Organisation Menschen für Menschen über Frauen in Äthiopien und darüber, was Hilfsprojekte verändern.
news.de: Frau Böhm, viele Frauen in Deutschland leben sehr selbstbestimmt. Sie üben einen Beruf aus, haben vielleicht sogar studiert, verheiratet sind sie auch nicht unbedingt. Wie leben denn im Vergleich Frauen in Äthiopien?
Almaz Böhm: Das Leben vieler Frauen in Äthiopien nimmt schon von Kindheit an einen ganz anderen Verlauf: Noch immer haben fast vierzig Prozent aller Kinder keinen Zugang zu schulischer Bildung und der Großteil davon sind Mädchen. Wenn sie keine Chance auf Schulbildung haben, wird ihnen von vornherein auch die Möglichkeit auf eine berufliche Lehre oder ein akademisches Studium und damit auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben verbaut. Stattdessen müssen sie von klein auf den Müttern im Haushalt helfen und jüngere Geschwister betreuen und werden auf dem Land oft immer noch sehr früh verheiratet. Ein Leben in Armut ist dadurch programmiert und der Teufelskreis nur sehr schwer zu durchbrechen.
news.de: Aber wahrscheinlich hat sich auch für äthiopische Frauen in den vergangenen Jahren viel verändert, gerade durch Projekte von Menschen für Menschen...
Almaz Böhm: Generell haben Frauen und Mädchen heute einen besseren gesetzlichen Schutz als früher: Beschneidung und Kinderheirat sind offiziell staatlich verboten. Dennoch wird es noch eine Weile brauchen, bis die Gesetze auch in den ländlichen Regionen strikt eingehalten werden. Außerdem gibt es – neben vielen sehr wunderbaren Traditionen – auch noch eine ganze Reihe anderer Sitten und Gebräuche, wie Schmucknarben oder falsche Massagemethoden für Gebärende, deren Beseitigung ebenfalls ein Ziel für die Zukunft sein muss.
news.de: Um auf die Beschneidung zurückzukommen: Wie gehen die Menschen in Äthiopien mit diesem Thema um?
Almaz Böhm: Als wir vor rund zehn Jahren mit unseren Programmen gegen schädliche Traditionen begonnen haben, waren viele Themen noch ein absolutes gesellschaftliches Tabu. Dadurch war auch das öffentliche Bewusstsein für Hintergründe und körperliche, seelische und soziale Konsequenzen von früher Verheiratung oder Beschneidung sehr gering. Das hat sich inzwischen in unseren Projektgebieten, aber auch in Äthiopien allgemein stark verändert. Das Problembewusstsein in allen Bevölkerungsschichten ist sehr groß. Nicht nur die Eltern sind besser aufgeklärt.
Auch die Mädchen selbst wissen schon, dass sie sich zur Wehr setzen können. Und die Jungen haben verstanden, dass sie auch unbeschnittene Mädchen bedenkenlos heiraten können. Die Menschen haben gelernt, über schwierige Themen öffentlich zu sprechen und die verschiedenen Generationen haben begonnen, sich offen miteinander auszutauschen.
news.de: Sie selbst sind Äthiopierin. War Ihnen schon immer bewusst, dass das Thema Beschneidung problematisch ist? Ich könnte mir vorstellen, dass man als junger Mensch sehr traditionell darüber denkt und seine Meinung erst im Laufe der Zeit ändert.
Almaz Böhm: Ich muss zugeben, dass ich mir als Kind und Jugendliche keine großen Gedanken um solche Fragen gemacht habe. In Äthiopien sind die Eltern und Großeltern immer noch eine wichtige Quelle des Wissens und eine große Orientierungshilfe. Traditionen, Lebensformen und gesellschaftliche Regeln in Frage zu stellen, wäre eine direkte Beleidigung für die ältere Generation und kein Kind dürfte sich das erlauben. Wer gegen die Vorschriften der Älteren rebelliert, riskiert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. So habe auch ich mich erst als Erwachsene mit schädlichen Traditionen auseinandergesetzt.
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Das dramatische ist, dass man bei uns im Land immer die weibliche Beschneidung anprangert, während bei uns Knaben vielmehr betroffen sind. Alle Kinder haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.
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