Gedenken an Benazir Bhutto «Die Fackelträgerin der Demokratie»

Sie verkörperte die Hoffnung auf Demokratie und Frieden: Am Jahrestag ihrer Ermordung versammelten sich rund 200.000 Menschen am Grab von Benazir Bhutto. Pakistans Ministerpräsident sprach von einer «Stimme der Armen, Unterdrückten und Arbeiter».

Bhutto (Foto)
Benazir Bhutto wurde am 27. Dezember 2007 Opfer eines Selbstmordattentäters. Bild: ap

Sie sei die Hoffnung des Volkes und die Hoffnung der Region gewesen, betonte
Pakistans Ministerpräsident Yousouf Raza Gilani. Zehntausende Anhänger strömten zur Grabstätte Bhuttos in ihrem Heimatort Naudero rund 300 Kilometer nordöstlich von Karachi. Viele Menschen zogen laut klagend zum Familiengrab der früheren Regierungschefin und späteren Oppositionspolitikerin, einige hatten bereits die Nacht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Freien verbracht.

Wegen dichten Nebels saßen am Morgen noch zehntausende Menschen auf den Straßen fest. Eine öffentliche Ansprache ihres Mannes Asif Ali Zardari wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Zardari hatte die Leitung der Pakistanischen Volkspartei (PPP) nach dem Tode seiner Frau übernommen. Getragen von einer Welle der Sympathie gewann die Partei die Wahlen am 18. Februar dieses Jahres. Zardari löste Präsident Pervez Musharraf ab, der durch einen Putsch an die Macht kam.

Die zweimalige Premierministerin Benazir Bhutto war am 27. Dezember 2007 nach einer Wahlkampfveranstaltung in einem öffentlichen Park in Rawalpindi nahe der Hauptstadt Islamabad bei einem Attentat ums Leben gekommen. Ein Mann in der Menge feuerte auf die Politikerin, als sie aus ihrem Auto winkte. Sekunden später explodierte eine Bombe, mindestens 23 Menschen starben. Die Todesumstände und wer hinter der Tat steht ist bis heute nicht geklärt.

Ein Team der britischen Polizei Scotland Yard kam nach fünfwöchiger Untersuchung zum Schluss, Bhutto sei an den Folgen einer Kopfverletzung gestorben, die sie sich zugezogen habe, als sie in ihrem gepanzerten Fahrzeug Deckung suchte. Diese Version vertrat auch die damalige pakistanische Regierung. Bhutto-Anhänger hingegen glauben, dass die Politikerin gezielt erschossen wurde und machen die damalige Regierung unter Ex-General Pervez Musharraf dafür mitverantwortlich. Diese vertrat die Auffassung, islamistische Extremisten stünden hinter der Tat.

Anlässlich des Jahrestags hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eine internationale Untersuchung des Attentats in Aussicht gestellt. Ban hoffe, dass «in naher Zukunft» eine Untersuchungskommission eingerichtet werden könne. Er unterstütze das pakistanische Volk und die Regierung in Islamabad bei ihrer Suche nach «Wahrheit und Gerechtigkeit».

Musharrafs Regierung hatte eine militante pakistanische Gruppe mit Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Kaida für den Anschlag verantwortlich gemacht. Diese hat jegliche Beteiligung zurückgewiesen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Benazir Bhutto Ziel eines Anschlags wurde

Benazir bedeutet die «Unvergleichliche» - und unvergleichlich war auch das Leben der 1953 geborenen Tochter des ehemaligen Premierministers von Pakistan, Zulfikar Ali Bhutto. Sie war die erste Regierungschefin in der islamischen Welt, stammte selbst aus feudalen Verhältnissen und stellte sich zugleich den alten Feudal-Strukturen entgegen, in denen sie die Ursache für die Destabilisierung Pakistans sah, und setze sich für Sozialreformen und mehr Chancen und Bildung für die Unterprivilegierten ein.

Unvergleichlich tragisch ist auch das Schicksal ihrer Familie, das nicht nur von großer Popularität und Wahlerfolgen gekennzeichnet ist, sondern auch von zahlreichen Unglücksfällen, Verhaftungen, Todesurteilen und einem Leben im Exil. Benazirs Vater, der ihr eine exzellente Ausbildung an den Eliteuniversitäten in Harvard und Oxford angedeihen ließ, wurde 1977 durch einen Putsch von Zia ul-Haq gestürzt und zwei Jahre später gehängt.

Zwei ihrer Brüder sind mit ihr im Mausoleum der Familie in ihrem Heimatort Garhi Khuda Bakhsh bestattet: Shahnawaz Bhutto wurde im Juli 1985 in Cannes tot aufgefunden, die genauen Todesumstände konnten bisher nicht geklärt werden. Ghulam Murtaza Bhutto, der 1993 gegen seine Schwester kandidiert hatte, war 1996 in Karachi bei einem Polizeieinsatz erschossen worden.

Benazir Bhutto war zwei Mal Premierministerin: 1988, als nach dem Tod Zia ul-Haqs erstmals seit 1977 wieder Wahlen stattfanden, und 1993, als Nawaz Sharif durch Staatspräsident Ishaq Khan entlassen wurde.

Zwei Mal floh sie ins Exil: 1984, als ihr, seit dem Tod des Vaters unter Hausarrest stehend, erlaubt wurde auszureisen, zog sie nach Großbritannien und wurde dort Führerin der gemäßigt linken Volkspartei ihres Vaters. Nach den verlorenen Parlamentswahlen 1997 und ihrer Absetzung lebte sie von 1999 bis 2007 mit ihrer Familie im Exil in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Gegen den Willen von Präsident Pervez Musharraf und obwohl ihr mit Anschlägen gedroht wurde, kehrte sie erneut zurück nach Pakistan. 2002 hatte Musharraf einen - offenbar gezielt auf Benazir Bhutto zugeschnittenen - Verfassungszusatz veranlasst, wonach Premierminister höchstens zwei Amtszeiten amtieren dürfen.

Bhutto strebte erneut das Amt der Premierministerin an. Im Januar 2008 sollten Parlamentswahlen abgehalten werden. Die wichtigsten Fragen betrafen die Rechtmäßigkeit der Wiederwahl Präsident Musharrafs am 6. Oktober 2007 und die Frage, ob Musharraf, der zugleich Armeechef ist, bei der Wahl überhaupt hätte antreten dürfen. Das Terrornetzwerk El Kaida hatte mit Anschlägen gegen eine mögliche Rückkehr Bhuttos gedroht. Am 18. Oktober 2007, nach acht Jahren Exil, kehrte Benazir Bhutto wieder in ihre Heimatstadt Karatschi zurück, gegen den Widerstand von Präsident Musharraf.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Bhutto einem ersten Bombenanschlag entging und was ihr Kritiker vorwerfen

Die Rückkehr Bhuttos aus dem Exil war stark umjubelt, doch die Feiern wurden durch einen der blutigsten Anschläge in der pakistanischen Geschichte abrupt beendet. Kurz nach Mitternacht des 19. Oktobers 2007 explodierten zwei Sprengsätze in unmittelbarer Nähe des Konvois Bhuttos. Damals wurden 139 Menschen getötet, Bhutto selbst blieb aber unverletzt. Bhutto machte Anhänger des früheren Militärmachthabers und Präsidenten Mohammed Zia ul-Haq für den Anschlag verantwortlich.

Unverständlich war, dass Bhutto, die durch diesen ersten Anschlag eigentlich hätte gewarnt sein müssen, bei der Wahlkampfveranstaltung an jenem 27. Dezember 2007 in Rawalpindi, zwei Wochen vor der für den 8. Januar geplanten Parlamentswahl, in einem offenen Konvoi durch die Straßen fuhr.

Dem pakistanischen Innenministerium zufolge schoss der Attentäter am Ende der Veranstaltung zunächst dreimal in die Menge, bevor er sich selbst in die Luft sprengte. Bhutto sei durch die Druckwelle mit dem Kopf gegen einen Hebel des Verdecks geschleudert worden - sie hatte zuvor durch das Schiebedach aus dem gepanzerten Fahrzeug hinaus geschaut. Dabei habe sie sich einen Schädelbruch zugezogen, an dem sie später starb.

Bhuttos Anhänger hingegen vertreten die These, sie sei durch einen Schuss in den Kopf getötet worden. Ein Sprecher von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei PPP spricht von einem «gezielten Mord durch einen Scharfschützen». In einem Amateur-Video sind zwei mutmaßliche Attentäter zu sehen. Dabei wird auch ersichtlich, dass sich Bhutto sehr wahrscheinlich durch die Schüsse und nicht aufgrund der Folgen der Druckwelle die tödlichen Verletzungen zugezogen hatte.

Bhutto und Musharraf hatten einen Kompromiss verhandelt, wonach Bhutto wieder Premierministerin werden sollte und Musharraf Präsident bleiben konnte. Dafür sollte er seine Doppelrolle als Präsident und Militärchef aufgeben, die Korruptionsvorwürfe gegen Bhutto fallen lassen und die Verfassungsänderung von 2002 zurücknehmen. Sie kritisierte es als Vertrauensbruch, dass Musharraf am 3. November 2007 den Ausnahmezustand verhängt hatte. Versuche Bhuttos, einen gemeinsamen Protest der Oppositionsparteien zu organisieren, wurden mit Hinweis auf ihre vorherigen Verhandlungen mit Musharraf abgelehnt. Nachdem Benazir Bhutto zu Massenprotesten in Rawalpindi aufgerufen hatte, wurde sie am 9. November 2007 vorübergehend unter Hausarrest gestellt.

Die pakistanische Regierung macht den regionalen Extremisten Baitullah Mehsud für das Attentat verantwortlich. El Kaida weist diese Vorwürfe allerdings zurück und bestreitet eine Verwicklung in den Anschlag.

Senator Latif Khosa, einer ihrer Mitstreiter bei der PPP, berichtete, dass Bhutto am Tag des Attentats bei einer Pressekonferenz Pläne des Geheimdiensts und der Wahlkommission für eine Wahlfälschung bei den Parlamentswahlen veröffentlichen wollte. Außerdem wollte sie zwei US-Parlamentariern die Beweise in Form eines Dossiers überreichen. Die Regierung wollte demnach die Opposition einschüchtern, Krawalle in Wahllokalen organisieren und Wahllisten und Stimmzettel fälschen.

Kritiker warfen Bhutto stets vor, sie wolle nur ihren Machthunger stillen und sich am pakistanischen Volk bereichern. Beide Male endete die Amtszeit der «Fackelträgerin der Demokratie», wie sie von ihren Anhängern gefeiert wurde, vorzeitig: Das erste Mal, weil sie Politik gegen die allmächtige pakistanische Armee machen wollte, und sechs Jahre später wegen des Vorwurfs der Regierungsunfähigkeit und der Korruption.

Auch begleiteten sie und vor allem ihren Ehemann Ali Asif Zardari stets Korruptionsvorwürfe. 1987 ging Benazir mit dem Zementfabrikanten eine arrangierte Ehe ein. Zardari wurde erstmals 1989 wegen Korruption angeklagt und saß zwei Mal wegen dieses Vergehens in Haft. Erst 2004 kam er nach achtjähriger Haft frei. Auf Ersuchen der pakistanischen Regierung wurden beide Anfang 2006 von Interpol wegen elf anhängiger Verfahren in Sachen Korruption, Bestechung, Geldwäsche und Amtsmissbrauch zur Fahndung ausgeschrieben. Die Zweifel an der Integrität Benazirs wuchsen, wurden bisher aber ebenso wenig aufgeklärt wie das Attentat auf sie.

mac

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