Vor Somalias Piratenküste Seeräuberei in neuer Dimension

Die Piraterie ist fast so alt wie die Menschheit und Johann Störtebeker ebenso ein klassischer Held wie der Freibeuter im Kölner Karneval. Vor der somalischen Küste aber erlebt die Seeräuberei nun eine Renaissance ungeahnten Ausmaßes.

South Korea Piracy Tanker Hijacked (Foto)
Voll beladen mit vermutlich zwei Billionen Barrel Rohöl geriet die «Sirius Star» in die Gewalt der Piraten. Bild: ap

In diesem Jahr griffen somalische Piraten bereits 83 Schiffe an und brachten 33 von ihnen in ihre Gewalt. Meist geht es um Lösegeld, selten um politische Forderungen. Mindestens zwölf Schiffe und rund 250 Matrosen sollen derzeit in der Hand der Seeräuber sein, darunter auch 33 Kampfpanzer, die der ukrainische Frachter «Faina» geladen hat.

War es vor einigen Tagen noch ein vergleichsweise «kleiner Fisch», der den Piraten in Gestalt eines chinesischen Frachtschiffs vor der kenianischen Küste ins Netz ging, gelang ihnen gestern ihr bislang größtes Fang. Die Seeräuber kaperten den 330 Meter langen und randvoll mit Rohöl beladenen saudischen Öltanker «Sirius Star». Erstaunlicherweise liegt der Tatort knapp 900 Kilometer südöstlich der Hafenstadt Mombasa, weit entfernt vom Golf von Aden, wo NATO-Schiffe patrouillieren, und weit im kenianischen Hoheitsgewässer, das bislang als sicher galt.

An Bord des unter liberianischer Flagge fahrenden Supertankers der saudischen Ölgesellschaft Aramco befinden sich 25 Mann Besatzung - Saudis, Briten, Polen, Kroaten, Italiener und Philippiner. Das Schiff aus der größten Tankerklasse kann bis zu zwei Millionen Barrel Öl (je 159 Liter) fassen. Die Piraten greifen in der Regel mit kleinen Schnellbooten an und sind mit Maschinengewehren, Granaten und Panzerfäusten ausgestattet. Experten vermuten, dass das Schiff voll beladen war und die Piraten es wegen des Tiefgangs überhaupt erst entern konnten. Eine gigantische Beute: Zwei Billionen Barrel Öl sind etwa ein Viertel der täglichen Exportmenge Saudi-Arabiens im Wert von mehr als 100 Millionen US-Dollar. Die Nachricht von der Entführung des Tankers ließ den Ölpeis gestern prompt um rund acht Euro auf über 58 Dollar je Barrel steigen.

Inzwischen haben die Seeräuber Kurs auf die somalische Küste genommen. Ihr Ziel ist wahrscheinlich Eyl in der halbautonomen Region Puntland im Norden Somalias. Die Stadt gilt als Hochburg der Piraten. Dort sollen auch zahlreiche andere Schiffe vor Anker liegen. Seit 1991 gibt es im Bürgerkriegsland Somalia keine funktionierende Regierung und keine Küstenwache.

Vor allem Philippiner werden häufig Opfer somalischer Seeräuber. Die Regierung des fernöstlichen Inselstaats forderte daher verstärkte Sicherheitsmaßnahmen in der Region und verwies auf die mehr als 90 philippinischen Seeleute, die sich zum Teil seit Monaten in der Gewalt von Piraten befänden. Erst in der vergangenen Woche kaperten somalische Piraten im Golf von Aden ein philippinisches Frachtschiff mit 23 Besatzungsmitgliedern an Bord. Einen zweiten Piratenangriff im Golf von Aden konnte die indische Kriegsmarine verhindern, als ein indisches Kriegsschiff einen Notruf des indischen Handelsschiffs «MV Jag Arnav» empfing.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die deutsche Marine von den Seeräubern belächelt werden

Inzwischen sind zwar Kriegsschiffe der NATO vor der Küste Somalias gegen die Piraten im Einsatz, doch der neueste Coup der Freibeuter zeigt, dass diese Maßnahmen kaum eine abschreckende Wirkung auf sie haben. Die EU will von Mitte Dezember an mit der «Operation Atalanta» fünf bis sieben Kriegsschiffe gegen die immer dreister operierenden Seeräuber im Golf von Aden auffahren. Auch andere Staaten haben bereits Kriegsschiffe in die Region entsandt.

Und Deutschland? Hier ist es mal wieder rechtlich recht problematisch. Ein Einsatz der Bundeswehr zur Piratenjagd ist grundgesetzlich nicht möglich. Die innerhalb der Operation Enduring Freedom bereits im Golf von Aden zur Terrorbekämpfung patrouillierenden Schiffe der Deutschen Marine geben derzeit im Kampf gegen Piraten ein hilfloses Bild ab.

Während die EU endlich eine aktive Beteiligung der Deutschen an der Jagd auf die Freibeuter erwarten, löste ein möglicher Einsatz der deutschen Marine Streitereien der Ressorts für Verteidigung, Inneres, Justiz und Auswärtiges über Einzelheiten des Bundeswehreinsatzes aus. Doch den deutschen Soldaten ist nach dem Grundgesetz die Verfolgung und Festnahme von Verbrechern verwehrt. Das sind nach den geltenden Regeln ausschließlich Polizeiaufgaben. Die Marine darf nicht mehr eingreifen, wenn Piraten nach einem Überfall mit einem gekaperten Schiff und den auf ihm gefangenen Geiseln davonfahren, weil die Bedingungen zur ausschließlichen Nothilfe dann nicht mehr gegeben sind.

Deutsche Marineschiffe dürfen nur im Wege der Nothilfe die Piraten auf Entfernung abschrecken und sie so zum Rückzug zwingen. «Ansonsten schauen wir ihnen gebannt hinterher, wenn sie abziehen», sagte ein Fregattenkapitän. Bei den Piraten sprach sich das offenbar schnell herum. Ein deutscher Segler, der im Sommer mit seinem Boot gekapert wurde, berichtete, die Piraten lachten nur noch über die deutsche Marine und sagten, sie sei «softie».

Eine Lösung wäre möglicherweise, wenn Bundespolizisten auf der Fregatte mitführen und beim Kommandanten Amtshilfe beantragen, wenn Piraten ins Visier kommen. Dann würde die Dienstflagge der Marine eingeholt und die Flagge des Bundes aufgezogen. Die Polizisten könnten die Verbrecher festnehmen und «strafprozessual» behandeln.

Mit den heftig umstrittenen Einzelheiten für den deutschen Marineeisnatz wird sich der Bundestag wohl erst im nächsten Jahr befassen. Die deutschen Schiffe müssten dann der EU-Flotte «hinterherhinken», betonten Parlamentarier. Nach Informationen der Nachrichtenagentur ddp soll sich aber Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gegen einen solchen Einsatz sträuben - auch, weil sie in deutschem Gewahrsam plötzlich um Asyl bitten könnten.

mit ddp/AP

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 2
  • 20.07.2009 13:52

Die Reefer sollten sicvh zusammen an einen Tisch setzen und Blackwater beauftragen ihre Schiffe zu schützen. Innerhalb kurzer Zeit dürfte der Piratenspuck zu Ende sein.

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  • Kommentar 1
  • 11.04.2009 19:47

Wiso bleiben die Deutschen Kriegsschiffe Schiffe nicht in Deutschland die verschwenden nur Geld wen sie nicht auf Piraten schiessen duerfen.

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