Ypsilanti plus X Neuanfang mit Doppelspitze

Andrea Ypsilanti hat für die Hessen-SPD eine Doppelspitze konstruiert. Sie will den Vorsitz in Partei und Fraktion behalten. Bei der vorgezogenen Wahl soll dagegen ein weitgehend Unbekannter den Kopf hinhalten: der 39 Jahre alte Abgeordnete Thorsten Schäfer-Gümbel.

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Ypsilanti und ihr Nachfolger Schäfer-Gümpel. Bild: ddp

Dass Schäfer-Gümbel außerhalb seiner Partei kaum jemand kennt, ist ein Manko, das sich im anstehenden Turbo-Wahlkampf von rund acht Wochen nur schwer ausgleichen lässt. «Mit mir an seiner Seite und mit der ganzen Partei im Hintergrund» werde der Kandidat kämpfen, sagte Ypsilanti und stellte unfreiwillig das innere Machtverhältnis zwischen sich und ihrem Vertrauten bloß.

Ypsilanti ist bundesweit bekannt. Sie führte die SPD im Wahlkampf vor einem Jahr auf Augenhöhe mit Kochs CDU. Dann brach sie ihr Versprechen, nicht mit der Linkspartei zu kooperieren. Beim zweiten Versuch, Ministerpräsidentin zu werden, übersah sie die Warnsignale von vier SPD-Abweichlern, die sie dann spektakulär scheitern ließen. Deshalb war fraglich, ob der Wähler sie noch einmal als Frontfrau akzeptiert hätte. Meinungsumfragen sprachen eher dagegen.

Die Reaktion aus dem Willy-Brandt-Haus in Berlin auf die Vorgänge in Hessen fiel erkennbar zurückhaltend aus: «Respekt» verdiene die Entscheidung Ypsilantis, nicht mehr als Spitzenkandidatin anzutreten, kommentierte SPD-Chef Franz Müntefering lapidar. Der Beschluss, mit Schäfer-Gümbel einen Unbekannten aus der zweiten Reihe ins Rennen zu schicken, war dem Parteichef kein Wort wert. Er setzt auf «Neustart und Verjüngung», auf Selbstbewusstsein sowie Selbstkritik statt auf Selbstgerechtigkeit.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Bundespartei reagierte

Bei der Parteiführung ist Erleichterung darüber zu spüren, dass die Pläne für eine von der Linken tolerierte Rot-Grün-Regierung ausgeräumt sind. Dieses «Experiment» sieht man in der Bundes-SPD mit Blick auf die bevorstehende Europa- und die Bundestagswahl als gerade noch rechtzeitig gescheitert an. «Da ist eine Notbremse gezogen worden», hieß es mit Hinweis auf sonst befürchtete negative Auswirkungen weit über Hessen hinaus. Für die SPD-Spitze ging es nur noch um Schadensbegrenzung nach dem Motto: «Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.»

Müntefering geht davon aus, dass die Hessen-Wahl im Januar 2009 «noch lange nicht gelaufen» ist. «Voraussetzung dafür: Ehrlich die Fehler der Vergangenheit benennen, sie aufarbeiten, daraus lernen und den Blick nach vorne richten.» Die Hessen-SPD müsse klar machen: «Wir haben verstanden und machen uns ehrlich.»

Der neue Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel soll aus Sicht Ypsilantis einen Generationswechsel signalisieren, er sei unbelastet. Als enger Mitarbeiter hat er aber an vielen Projekten der Chefin mitgearbeitet. Mitstreiter nennen ihn einen linken Pragmatiker mit der Fähigkeit, mit allen reden zu können. So hat der Politikwissenschaftler im Internet einen Video-Disput mit dem FDP-Politiker Florian Rentsch gepflegt zum Thema: «Sozial mit Liberal? - Sozial gegen Liberal?»

Eine Doppelspitze wurde schon vor der gestrigen Sitzung des kleinen Parteitags als wahrscheinlichste Formation genannt, mit der die SPD in den Wahlkampf ziehen könnte. Dass der Parteirat aber gerade Schäfer-Gümbel kürt, hat dann alle Beobachter überrascht. Zuvor gab es Signale, dass Ypsilanti den Chef der nordhessischen SPD Manfred Schaub vorschlagen würde. Dieser gilt als klassischer Vertreter der pragmatischen und bodenständigen Sozialdemokratie.

Von Schäfer-Gümbel wird keine politische Kehrtwende erwartet. Der hessische CDU-Generalsekretär Michael Boddenberg merkte an, Ypsilanti behalte mit der Benennung ihres «Jüngers» Schäfer-Gümbel die Zügel der Landespartei in der Hand. Die SPD werde «mit einem anderen Kopf weiter gegen dieselbe Wand rennen».

car

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