Maurice Bavaud
Der missachtete Hitler-Attentäter

Die Verschwörer des 20. Juli 1944 um Graf von Stauffenberg gehören zum allgemeinen Geschichtswissen der Deutschen. Doch es gibt auch Hitler-Attentäter, die in Vergessenheit gerieten und noch nicht einmal rehabilitiert wurden - wie Maurice Bavaud.

Vergessener Hitler-Attentäter: Maurice Bavaud Bild: news.de

Vor 70 Jahren, am 9. November 1938, versuchte der damals 22-jährige Schweizer Theologiestudent den «Führer» bei einem Aufmarsch der Nazis vor der Feldherrenhalle in München zu erschießen. Eine Woche später wurde er verhaftet. Am 18. Dezember 1939 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im Gefängnis Berlin-Plötzensee enthauptet.

Aus Dokumenten ging später hervor, dass die Schweizer Behörden Bavaud nicht nur im Stich gelassen, sondern auf Ersuchen der Gestapo bei ehemaligen Seminar-Kollegen sogar gegen ihn ermittelt hatten. Der Urteilsspruch, der Bavauds Verurteilung zum Tod besiegelt hatte, wurde erst 1956 durch die deutsche Justiz annulliert.

Der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin gedachte heute des vergessenen Schweizer Helden. Aus heutiger Sicht hätten sich die Schweizer Behörden damals zu wenig für Bavaud eingesetzt, sagte Couchepin. In einer Erklärung schreibt der Bundespräsident, Bavaud habe wohl das Verhängnis, das Hitler über die ganze Welt gebracht habe, vorausgeahnt. Er verdiene «unsere Erinnerung und Anerkennung».

Der Schweizer sozialdemokratische Abgeordnete Paul Rechsteiner hatte aus Anlass des 70. Jahrestags des gescheiterten Attentats eine Erklärung gefordert. Eine eigentliche Rehabilitierung von Bavaud habe nie stattgefunden, so Rechsteiner.

Von der Schweizer Diplomatie wurde er im Stich gelassen: Hans Frölicher, Schweizer Botschafter in Berlin, verurteilte Bavauds versuchtes Attentat als verabscheuungswürdig. Das Schweizer Militärdepartement lehnte es ab, Bavaud gegen einen deutschen Saboteur auszutauschen. Bavaud wurde zum Tode verurteilt und im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee am 14. Mai 1941 durch die Guillotine enthauptet.

Ein «Comité Maurice Bavaud» fordert seit Jahren von der Schweizer Regierung eine formelle Entschuldigung. Ein erster durch seinen Vater angestrengter Versuch zur Rehabilitation endete am 12. Dezember 1955 mit einem Urteil des Landgerichts Berlin-Moabit, in dem Bavaud postum wegen versuchten Mordes zu fünf Jahren Zuchthaus und zu fünf Jahren Verlust der bürgerlichen Ehre verurteilt wurde. In der Urteilsbegründung hieß es: Das Leben Hitlers sei in gleicher Weise als geschütztes Rechtsgut anzuerkennen wie das Leben eines jeden anderen Menschen. Ein Rechtfertigungsgrund im Sinne einer etwa erlaubten Diktatorentötung sei dem Strafrecht fremd. Ein zweites Urteil 1956 hob dieses Urteil auf. Die Bundesrepublik Deutschland sprach den Hinterbliebenen eine Wiedergutmachung von 40.000 Schweizer Franken zu.

Der Dramatiker Rolf Hochhuth setzte Bavaud ein literarisches Denkmal und bezeichnete ihn als «modernen Tell». Diese und weitere Publikationen setzten erst in den 1970er Jahren eine Diskussion über den gescheiterten Hitler-Attentäter in Gang.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Maurice Bavauds Attentatsversuch scheiterte

Wann genau Bavaud den Plan zu seiner Tat fasste, ist nicht bekannt. Jedenfalls reiste er ohne Wissen der Eltern und Geschwister am 9. Oktober 1938 nach Deutschland, wo er sich abwechselnd in München und Berchtesgaden aufhielt, stets dem Diktator buchstäblich auf dem Fuße, während sein Vater unzählige Briefe an das Politische Departement im Bundeshaus Bern schrieb.

Derweil befand sich der Sohn bereits in Haft. Und die Schweizer Behörden wussten davon, ohne etwas für seine Rettung zu unternehmen: Maurice Bavaud hatte beim sogenannten Gedenkmarsch am 9. November 1938 Adolf Hitler in München erschießen wollen. Der Diktator marschierte wenige Stunden vor dem großen Judenpogrom, der Reichskristallnacht, an der Spitze seiner Parteigenossen zur Feldherrnhalle.

Eingekeilt zwischen fanatischen Nazis hatte es der junge Schweizer tatsächlich bis auf die Ehrentribüne geschafft. In der Tasche seines Mantels versteckte er eine Pistole. Doch es kam nicht zum Schuss. Der Diktator war viel zu weit entfernt, und umstehende Zuschauer mit zum Heil-Hitler-Gruß ausgestreckten Händen versperrten die Schussrichtung. Auch in den nächsten Tagen kam Bavaud nicht nahe genug an sein Ziel heran.

Enttäuscht gab der junge Mann auf und reiste nach Paris. Ein unglücklicher Zufall ließ ihn in die Hände der Gestapo fallen. Aus Geldmangel fuhr er schwarz mit der Eisenbahn. Bei einer Fahrkartenkontrolle wurde er nicht nur erwischt, sondern die Kontrolleure fanden auch noch die Pistole und auffällige Empfehlungsschreiben. Sie übergaben den verhinderten Attentäter an die Gestapo. Was dann passierte, lässt sich leicht vorstellen, denn die Verhöre und Verhandlungen zogen sich über 30 Monate hin. Die deutschen Vernehmer erhofften sich Aussagen gegen die katholische Kirche.

Unter Folter nannte Bavaud bei zunächst widersprüchlichen Aussagen seinen Missionars-Studienkollegen Marcel Gerbohay als Auftraggeber (obwohl er zuvor erklärt hatte, alleine den Attentat-Entschluss gefasst zu haben); der Komilitone wurde im Januar 1942 in der Bretagne gefasst und ins KZ Sachsenhausen transportiert, schließlich am 9. April 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Als Tötungsmotiv nannte Bavaud im Prozess vor dem Volksgerichtshof am 18. Dezember 1939, dass Adolf Hitler eine Gefahr für die Menschheit, für die Unabhängigkeit der Schweiz und für den Katholizismus in Deutschland sei.

mac / Hajo Jahn

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