Amerikaner in Deutschland Jede Stimme zählt

Gayle Tufts (Foto)
Gayle Tufts hat schon gewählt, und zwar Obama. Bild: news.de

Von Nicole Grün und Ulrike von Leszczynski
Obama oder McCain? Das Wahlfieber in den USA hat auch die Amerikaner in Deutschland erfasst. Vor der Wahl am 4. November stimmen viele zur Zeit per Briefwahl ab - und sei das noch so kompliziert.

Nach acht Jahren Bush-Regierung, Irakkrieg und Finanzkrise sehnen sich auch die Auslands-Amerikaner nach «change», einem Wandel. Der Berliner Verband der US-Demokraten «Democrats Abroad» gibt sich bereits doppeldeutig-siegessicher: «Watch the sunrise with us» - sieh' die Sonne mit uns aufgehen - heißt ihr Motto für die Wahlnacht in einem gemieteten Kino.

In Deutschland können nach Schätzung der US-Botschaft etwa 100.000 Landsleute darüber abstimmen, ob mit dem Demokraten Barack Obama zum ersten Mal ein Farbiger zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wird. Oder ob der Republikaner John McCain als ältester US-Präsident aller Zeiten ins Weiße Haus einzieht. Für alle Neugierigen in Deutschland wird es eine lange Nacht. Vor 0.30 Uhr rechnen Fernsehsender am 5. November nicht mit einem Ergebnis - es wird eher noch später.

Die Entscheidung für einen Kandidaten ist in Deutschland manchmal leichter als die Wahl selbst. In München ist US-Journalist Steve Chismar zur Zeit schwer genervt. Eine Stunde hat er im Internet gesurft, um die nötigen Unterlagen zum Herunterzuladen zu finden. «In einer Demokratie, die die Vereinigten Staaten sein sollen, sollte Wählen ganz easy sein», kritisiert er. Auch das Konsulat half ihm nicht weiter: «Da redest Du nur mit Computern», ärgert sich der ehemalige Surflehrer. Kenner empfehlen für ähnliche Wahlprobleme die Seiten www.fvap.gov und www.overseasvotefoundation.org. 

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Stimmen aus Deutschland auch nach dem Wahltag noch zählen 

Journalist Chismar will für den Demokraten Obama stimmen. Vielleicht ist die Wahl sogar schon entschieden, ehe sein Stimmzettel ankommt. Doch das macht nichts. Denn bis zu einem Stichtag zählt auch nach dem 4. November noch jede Stimme. Nur gibt es in 51 US-Bundesstaaten unterschiedliche Stichtage. Wie kompliziert das alles ist, weiß auch Michael Ricks, Vorsitzender der US-Parteiorganisation «Republicans Abroad» in München. «Am besten fliegt man zum Wählen nach Hause», sagt er scherzhaft. Ricks Wahlschein ist schon in Richtung Oregon unterwegs, das bedeutet eine Stimme mehr für John McCain. «Wir brauchen einen starken Präsidenten», sagt der 45-Jährige.

Über einen starken Präsidenten denkt die Berliner Entertainerin Gayle Tufts allerdings völlig anders. «Ich habe natürlich Obama gewählt», sagt sie. «Ich bin lebenslange Demokratin.» Seit Wochen fiebert die gebürtige US-Amerikanerin und Erfinderin der heiteren Kunstsprache «Dinglish» den Wahlen schon entgegen. Sie will den Wechsel.

In der Berliner US-Botschaft, die im Sommer neben das Brandenburger Tor zog, ist der Ton erwartungsgemäß diplomatischer. «Natürlich hat jeder von uns seine persönliche Meinung», sagt Pressesprecher Bruce Armstrong. «Am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit bleiben wir aber strikt überparteilich.» Feiern wollen die Botschaftsmitarbeiter trotzdem, aber nicht im eigenen Haus. Unter den Linden soll die Bertelsmann-Repräsentanz am Abend in den Farben der US-Flagge angestrahlt werden. Als Gag soll es am Eingang Wahlkarten für die geladenen Gäste geben.

mik

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