Von Jacek Lepiarz - 23.08.2009, 07.00 Uhr

70 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt: Die «vierte Teilung» bleibt für Polen traumatisch

Geteilt werden, bis nichts mehr übrig ist von ihrem Land, das kannten die Polen schon aus dem 18. Jahrhundert. Am 23. August 1939 beschlossen Deutschland und Russland ihren Nichtangriffspakt - und teilten dabei Polen erneut unter sich auf.

Die Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) und Joachim von Ribbentrop (l.) unterzeichnen den Pakt. Bild: dpa

Für Polen ist der Hitler-Stalin-Pakt auch nach 70 Jahren noch ein nationales Trauma. Das Bündnis, das Deutschland und Russland am Vorabend des Zweiten Weltkrieges schlossen, steht im kollektiven Bewusstsein für die «vierte Teilung» Polens. Denn im «Nichtangriffspakt» beschlossen die beiden Diktaturen einen jeweiligen Angriff des anderen auf das zwischen ihnen eingezwängte Polen zu tolerieren. Und im «geheimen Zusatzprotokoll» teilten sie ihre Interessensphären bei einer möglichen Umgestaltung Osteuropas ein - und damit Polen unte

Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an. Russland reagierte nicht. Im Gegenteil: Die Rote Armee marschierte am 17. September in Ostpolen ein, von der anderen Seite - eine direkte Folge des berühmten Vertrages. Ein «Dolchstoß in den Rücken Polens» sei dies gewesen, schrieb unlängst die konservative polnische Zeitung Rzeczpospolita.

Ende des 18. Jahrhunderts war Polen von Russland, Preußen (später Deutschland) und Österreich in drei Schritten geteilt worden und für 123 Jahre als unabhängiger Nationalstaat von der Landkarte verschwunden.

Als am 24. August 1939 der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow, in Moskau ihre Unterschriften unter einen auf den Vortag datierten Nichtangriffspakt setzten, war die Überraschung in der Welt perfekt. Denn bis vor kurzem noch hatten beide Diktatoren als erbitterte Feinde gegolten. Im Geheimen Zusatzprotokoll einigten sich Hitler und Stalin zudem auf die Abgrenzung der beiderseitigen Einflusszonen in Osteuropa.

Danach sollten für den Fall «einer territorialpolitischen Umgestaltung» polnischer Gebiete die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR durch die Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt werden. Ob die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht sei, sollte endgültig erst später geklärt werden, hieß es im Dokument. «Molodec» (Prachtkerl), lobte Stalin in einem Trinkspruch seinen neuen Verbündeten Hitler.

Der Pakt der Diktatoren habe den Weg für die Zerschlagung Polens, für die Besatzung des Baltikums, der nördlichen Bukowina und Bessarabiens freigemacht, sagt der Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa, Manfred Sapper. Er brachte Terror, Deportationen und Völkermord.

Auch der Direktor des renommierten Polnischen Instituts für Internationale Beziehungen, Slawomir Debski, sieht im Hitler-Stalin-Pakt ein europäisches Schlüsselereignis. Der Historiker betont, Deutschland und Russland seien revisionistische Mächte gewesen und wollten die nach dem Ersten Weltkrieg errichtete Ordnung zerstören.

Hitlers taktisches Ziel sei es gewesen, vor dem Überfall auf Polen das Land zu isolieren. Für Stalin habe dagegen der Pakt eine strategische Bedeutung gehabt. Mit seiner Hilfe wollte der Sowjetdiktator Russlands Rolle als Großmacht wiederherstellen, die das Land nach der Revolution 1917 eingebüßt hatte.

Russland ist im Umgang mit Stalin bis heute gespalten. Die polnische Kritik stößt dort meistens auf taube Ohren. Der Militärhistoriker Sergej Kowaliow lobte im Juni auf der Internetseite des Moskauer Verteidigungsministeriums den Pakt als eine weitsichtige strategische Maßnahme des Sowjetdiktators. Stalin habe durch das Abkommen Zeit gewonnen und den Kriegsverlauf abwarten können. Kowaliow sprach dem Westen das moralische Recht ab, den Vertrag zu verurteilen. Schließlich hätten nur ein Jahr zuvor London, Paris und Rom mit Hitler das «Münchener Abkommen» geschlossen, schrieb er.

Auch polnische Historiker wollen die Sowjetunion nicht auf eine Stufe mit Hitler-Deutschland stellen. «Hitler wollte den Krieg, Stalin hatte aber nicht die geringste Absicht, den Frieden zu retten», sagt Debski. Wenn es Hitler nicht gegeben hätte, wäre es Stalin nicht gelungen, den Krieg vom Zaun zu brechen, betont der Historiker.

Als am 17. September um 5.40 Uhr eine halbe Million Sowjetsoldaten Polens Ostgrenze überschritt, kämpfte Polen bereits seit mehr als zwei Wochen gegen die deutsche Wehrmacht. Stalins Armee internierte bis zu 300.000 polnische Soldaten und Offiziere. Rund 15.000 wurden 1940 in Katyn und an zwei weiteren Orten hingerichtet.

Bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 fehlte es nicht an Freundschaftsgesten zwischen den beiden Aggressoren. Die Wehrmacht und die Rote Armee veranstalteten im besiegten Polen gemeinsame Militärparaden. Die Geheimdienste - der NKVD und die Gestapo - bekämpften gemeinsam den polnischen Widerstand.

Das Trauma der deutsch-russischen Verschwörung prägt laut Slawomir Debski nach wie vor das Bewusstsein der Polen. Er hält es daher für verständlich, wenn bei deutsch-russischen Projekten wie der Ostsee-Pipeline alte Ängste in Polen wiedererwachen. «Das mag übertrieben erscheinen, andere Staaten müssen aber die polnische Empfindlichkeit beachten», meint der Chef des Polnischen Instituts für Internationale Beziehungen.

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iwi/dpa

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