Öko-Partei buhlt um eine Million mehr Wähler
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Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Artikel vom 17.08.2009
Einfaches Rechenspiel bei den Grünen: Die Spitzenkandidaten müssen noch eine Million neue Wählerstimmen hinzugewinnen, um wieder in der Regierung mitreden zu dürfen. Als Lockmittel versprechen sie eine Million neue Jobs.
«Sie werden sich nicht ewig verstecken können», sagt der grauhaarige Mann, der ein wenig spitzbübisch den Medientrubel beobachtet, der sich ein paar Meter weit entfernt vor ihm abspielt. Der Mann ist Tarek Al-Wazir, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Hessischen Landtag und sturmerprobter Wahlkämpfer.
Die CDU sei tatenlos, meint er, und man müsse die Merkel-Partei endlich stellen - nicht mit Beleidigungen, wie es die SPD momentan verzweifelt versuche. «Nein, mit Inhalten», sagt Al-Wazir und wird gleich noch den grünen Wahlkampf-Slogan los: «Jobs. Jobs. Jobs», sagt er und hämmert mit der Faust dreimal durch die Luft.
Von der allgemeinen Aufregung an diesem Tag lässt sich der Hesse nicht anstecken. Ruhig steht er auf dem Bürgersteig vor der grünen Parteizentrale in Berlin-Mitte und schaut auf das wilde Treiben.
Die Kameraleute drängeln sich ausschließlich um Renate Künast, Jürgen Trittin, Claudia Roth und Cem Özdemir. Die vier Spitzenkandidaten klettern gerade in grün lackierte Kleinbusse, auf denen jeweils ihr Konterfei prangt und mit denen sie in die Republik ausschwärmen wollen.
Es ist der offizielle Startschuss zur grünen Wahlkampftour. Die Richtung gibt dabei der frühere Umweltminister Jürgen Trittin vor: «Unser Ziel ist ganz klar. Wir wollen gegenüber der Europawahl noch eine Million neuer Wählerstimmen hinzugewinnen», ruft er in den Medienpulk. Denn nur so, sagt Trittin, könne man eine schwarz-gelbe Regierung verhindern.
Bei der Europawahl im Juni holte die Öko-Partei 12,1 Prozent der Stimmen. Um das Ergebnis noch einmal toppen zu können, haben sich die Grünen viel vorgenommen. Mit ihren vier Kleinbussen wollen sie in den kommenden sechs Wochen 173 Städte ansteuern und 450 Veranstaltungen absolvieren. Rund 60.000 Kilometer werden sie dabei zurücklegen. Für jedes Gramm an Kohlendioxid, das die Kleinbusse während der Fahrten ausstoßen, werde man übrigens der Klimainitiative Atmosfair eine Spende bezahlen und die Klimabilanz dadurch ausgleichen, heißt es. «Wir fahren klimaneutral», beeilt sich Trittin zu betonen.
Die Spitzenkandidaten wissen, was die Stammwählerschaft hören will. Renate Künast schlägt in dieselbe Kerbe. Man wäre ja gerne mit Hybrid-Autos gefahren. «Aber die gibt es in der entsprechenden Größe noch nicht», stellt sie fest und schiebt hinterher. «Das zeigt jawohl mehr als deutlich, dass es noch mehr grünen Druck in der Regierung braucht.»
Doch allein mit grünen Slogans gewinnt man keine Wahlen. Deshalb gehen die Grünen auch mit einem viel größeren Versprechen auf Stimmfang. Bevor die Spitzenkandidaten die Kleinbus-Türen zuschlagen, erneuern sie noch einmütig ihr größtes Wahlkampfversprechen: Man werde im Falle einer Regierungsbeteiligung eine Million neuer Jobs in den Bereichen Klimaschutz, Bildung, Gesundheit und Pflege schaffen, sagt Fraktionschefin Künast. Ihre drei Kollegen nicken eifrig. So haben sie es schließlich in ihrem Wahlprogramm beschlossen.
So scheint der Deal perfekt zu sein. Die Grünen versprechen eine Million neuer Jobs und wollen dafür eine Million neuer Wählerstimmen. Doch ganz so einfach wird es wohl nicht werden. Das Ziel sei schon sehr ambitioniert, gibt Al-Wazir zu. «Aber wenn wir ein zweistelliges Ergebnis bekommen, wäre das schon ein riesiger Erfolg», sagt er. Für eine Koalition allein mit dem Lieblingspartner SPD müssten die Grünen jedenfalls ein Ergebnis einfahren, das weit jenseits des Europawahlresultats liegt. Zumindest wenn man aktuelle Umfragen zu Grunde legt.
Trotz der offensichtlichen Schwierigkeiten will sich Ex-Umweltminister Trittin nicht vorschnell entmutigen lassen. Für ihn geht der Wahlkampf jetzt erst richtig los. Auch er hat es auf die CDU abgesehen. «Ihre Inhaltslosigkeit werden wir ihnen nicht mehr durchgehen lassen», sagt er und schlägt die Autotür zu. Dann streckt er seinen Kopf noch einmal aus dem Fenster und sagt: «Wir bekommen den Rückenwind im Wahlkampf durch den Frust, der sich durch die Große Koalition vier Jahre lang aufgestaut hat.» Dann braust die Wagen-Kolonne davon.
san/news.de
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