Hauptsache billig
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Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz
Artikel vom 17.08.2009
Es ist ein zentrales Wahlversprechen von Barack Obama: Jeder Bürger soll eine Krankenversicherung bekommen. Doch die politischen Gegner ziehen nicht mit, die Reform steht auf der Kippe. News.de hat mit Amerikanern über ihre Versicherung gesprochen.
Die Fakten liegen auf dem Tisch: Das US-Gesundheitswesen ist das teuerste weltweit und etwa 47 Millionen Amerikaner sind gar nicht versichert. Denn niemand ist dazu verpflichtet. Auch klar ist: US-Präsident Barack Obama will das ändern. Mit einem stärker staatlich kontrollierten Gesundheitssystem inklusive einer Pflichtversicherung.
Doch an dieser geplanten Pflicht zur Versicherung entzweit sich die Gesellschaft. Seit Obamas Jahrhundertreform im Kongress diskutiert wird, gehen die konservatien Wähler auf die Barrikaden und hetzen gegen die Pläne. Das kann Student Luke Lindon, bekennender Demokrat, nicht verstehen: «Obamas Pläne sind ein guter Schritt in Richtung eines universellen Gesundheitssystems», so der 27-Jährige im Gespräch mit news.de.
Er selbst ist derzeit über seine Frau Kate mitversichert. Der Grund: Als Student besucht er ein theologisches Seminar, um im nächsten Jahr als Pastor arbeiten zu können und verdient zur Zeit noch kein Geld. Auch ihre gemeinsame Tochter Eve, die im Frühjahr zur Welt kam, ist über die Mutter mitversichert.
Wichtiges Kriterium bei der Wahl ihrer Krankenversicherung: «Sie ist billig», sagt der Familienvater und ergänzt: «Gott sei Dank sind wir alle gesund.» Denn die Selbstbeteiligung - sollten Kosten beim Arzt oder in einer Klinik entstehen - kann sehr hoch werden.
Anders bei Roseanna Smith. Sie arbeitet in der Marketingabteilung eines Sportunternehmens in Atlanta, im Süden der USA. Sie ist mit ihrem Versicherungsschutz, inklusive Selbstbeteiligung, sehr glücklich. «Unser Unternehmen bietet medizinische Versorgung inklusive Zahnarztbesuchen an und ich konnte zwischen drei verschiedenen Policen wählen.»
Viele Amerikaner haben bei ihrem Arbeitgeber die Wahl zwischen unterschiedlichen Formen von Krankenversicherung. Smith hat sich für die günstigste Variante entschieden. Es ist aber auch der am wenigsten flexible Versicherungsschutz. Ein fester Hausarzt ist Pflicht und Patienten können nur zu bestimmten Ärzten gehen, die in einem Netzwerk organisiert sind. Spezialisten darf Smith nur besuchen, wenn sie eine Überweisung vom Hausarzt bekommt.
Im vergangenen Jahr musste die 29-Jährige einige Ärzte aufsuchen – vom Orthopäden bis zum Internisten. Auch eine Kernspin-Tomografie stand an. «Ich habe noch nie so viel Geld für Ärzte ausgeben, aber keine Zuzahlung lag über 100 Dollar», erzählt Smith news.de. Dass sie für gewisse Untersuchungen bezahlen muss, findet sie nicht schlimm. «Ich weiß, dass allein die Kernspin-Tomografie 5000 Dollar gekostet hat, und ich bin froh, dass meine Versicherung dafür aufgekommen ist.»
Insgesamt bezahlt sie etwa 700 Dollar im Jahr für ihre Versicherung - plus Selbstbeteiligung. Im Vergleich zum Durchschnittsamerikaner ist das sehr wenig. Im Jahr 2008 lagen die Kosten für eine Versicherung durchschnittlich bei 12.680 Dollar für Familien und 4700 Dollar für Singles.
Familie Lindon muss ebenfalls für gewisse Behandlungen bezahlen - auch für Dinge, die in Deutschland als Standarduntersuchungen gelten. Kate Lindons Schwangerschaft und Geburt verliefen völlig unproblematisch. Zusatzuntersuchungen waren nicht notwendig. Trotzdem beliefen sich die Kosten für die Arztbesuche auf etwa 10.000 Dollar. 2000 Dollar davon musste die Familie selbst tragen.
Weder die Lindons noch Smith sind mit ihrer Versicherung unzufrieden, dennoch sehen sie in ihrem eigenen Land dringenden Reformbedarf. «Ich bin der Meinung, die Menschen sollten nicht entscheiden müssen, ob sie sich etwas zu essen kaufen oder zum Arzt gehen», sagt Smith. Sie selbst hat zwischen ihrem Studium und ihrem ersten Job drei Monate auf eine Krankenversicherung verzichtet, um Geld zu sparen. Derzeit sind rund 50 Millionen Amerikaner ohne Versicherungsschutz. Ein Risiko, das Versicherte etwa in Deutschland oder Großbritannien Dank einer Pflichtversicherung nicht eingehen müssen.
Auch Lindon glaubt an Obamas Gesundheitsreform. Die Ziele seien die richtigen, denn sie würden die Unternehmen dazu bringen, ihre Angestellten besser abzusichern und auch Vorsorgeuntersuchungen zu bezahlen, so Lindon. Doch er sieht auch die Gefahr, dass das Gesetz im Kampf zwischen Demokraten und Republikanern zerrieben wird und nicht viel von den ambitionierten Plänen übrig bleibt. Dass Obama selbst den zentralen Aspekt der Pflichtversicherung nur noch als ein «Scheibchen» bezeichnet, lässt dies durchaus befürchten.
Die Kritik der Konservativen an der Gesundheitsreform – sie befürchten eine Verstaatlichung des Systems, explodierende Kosten und schlechteren Service – kann der Student nicht nachvollziehen. Seine Hoffnung: «Die Reform wird uns mehr Wahlmöglichkeiten bieten, das System vereinfachen und Bürokratie abbauen.»
Bis eine mögliche Reform vom Kongress verabschiedet wird, müssen Smith und Lindon wie alle anderen versicherten Amerikaner weiterhin mit ihrer aktuellen Krankenversicherung leben.
tno/reu/news.de
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