So., 26.05.13

Offensive gegen die Taliban Vertriebene im eigenen Land

Der zwölfjährige Rakhmad Khan erholt sich in einem Krankenhaus in Peshawar von seinen Verletzungen. (Foto)
Der zwölfjährige Rakhmad Khan erholt sich in einem Krankenhaus in Peshawar von seinen Verletzungen. Bild: ap

Von Can Merey
Im Swat-Tal geht die pakistanische Armee mit aller Härte gegen die Taliban vor. Die Zivilisten fliehen in Scharen vor den Kämpfen. Das setzt die Regierung unter Druck - und könnte die Offensive scheitern lassen.

Als vor seinem Haus in Mingora eine Mörsergranate den Menschen die Beine abreißt, fällt Liaquat Umars Entscheidung zur Flucht. Der 28-Jährige nimmt seine eineinhalbjährige Tochter auf den Arm, mit nichts außer den Kleidern am Leibe rennen er und seine Ehefrau um ihr Leben - bloß weg aus dem Swat-Tal, wo die Offensive der Armee gegen die Taliban tobt. «Die Flucht war sehr schwierig», sagt Umar. «Vom Himmel schoss die Armee, am Boden schossen die Taliban.» Binnen weniger Tage sind 750.000 Menschen aus dem idyllischen Bergland im Norden Pakistans geflohen. Die gigantische Flüchtlingswelle setzt Regierung und Armee unter Druck.

Umars Familie hat im Auffanglager am Rande der Stadt Mardan in der Nordwest-Grenzprovinz Zuflucht gefunden. Vor dem Camp kauern erschöpfte Frauen und Kinder, die sich aus den Distrikten Swat, Buner und Dir retten konnten. Einige sind den ganzen Tag zu Fuß gelaufen, bis sie von Fahrzeugen aufgesammelt wurden. Manche Familien konnten ein paar Habseligkeiten einpacken, die Bündel liegen im Staub. Männer warten in einer langen Schlange, um ihre Familien registrieren zu lassen. Säuglinge schreien. Viele Kleinkinder, die das kühle Bergklima gewohnt sind, leiden unter den 40 Grad in der Ebene. Schatten gibt es kaum. In den Zelten, in denen die Menschen eng gedrängt schlafen, steht die Luft.

Ein Minister der Provinzregierung besucht das für 1000 Familien errichtete staatliche Camp, Leibwächter schirmen ihn ab. Vor einer Fernsehkamera verteilt der Politiker von einem Lastwagen aus Lebensmittel. Hinter der Ladefläche hat sich eine Menschentraube gebildet, Flüchtlinge streiten sich um die Hilfsgüter. Als die Fernsehaufnahmen fertig sind, fährt der Lkw ab, verzweifelte Menschen rennen ihm nach. «Wir jagen den Lastwagen wie Hunde hinterher, um an Essen zu kommen», klagt der 35-jährige Flüchtling Javed Iqbal. «Was haben sie nur aus uns gemacht.» Er und andere klagen über die Bedingungen in dem Camp. Die Latrinen seien dreckig, sagt Iqbal. Strom gebe es nicht. Nachts könne man vor lauter Moskitos nicht schlafen.

Der Konflikt im Norden Pakistans hat nach Regierungsangaben 1,3 Million Menschen zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht. Neben den Flüchtlingen aus Swat und den umliegenden Distrikten haben sich seit Anfang vergangenen Jahres 550.000 Menschen vor der Gewalt in den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze in Sicherheit gebracht. Die pakistanische Regierung - die seit Jahrzehnten Millionen afghanischer Flüchtlinge Zuflucht bietet - ist überfordert und bittet um internationale Unterstützung. Mehrere Länder, darunter Deutschland, haben Millionenhilfen zugesagt, um das Leid der Menschen zu lindern. Völlig ungewiss ist, wann die Flüchtlinge zurückkehren können. Die Regierung hat angekündigt, die Taliban in Swat diesmal «auszulöschen» - es könnte ein langer Kampf werden.

Ob die Regierung die Flüchtlingskrise bewältigt, wird in diesem Kampf eine wichtige Rolle spielen. «Der entscheidende Faktor ist nicht, was auf dem Schlachtfeld geschieht», sagt der Professor für Verteidigung und strategische Studien an der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad, Rifaat S. Hussain. «Entscheidend für den Erfolg wird sein, wie die Regierung die humanitären Auswirkungen des Krieges handhabt.» Auch ein Offizier des Geheimdienstes ISI warnt, die Flüchtlingskrise drohe, die gesamte Operation gegen die Taliban zu gefährden. Die Regierung könnte durch den öffentlichen Druck gezwungen werden, die Offensive vorzeitig zu beenden, um den Vertriebenen eine raschere Rückkehr zu ermöglichen.

Die Flüchtlinge aus Swat haben monatelang unter den Taliban gelebt. Sie berichten von Schlägen, Erniedrigungen und dem Verbot von Musik. Internationale Empörung rief ein Video hervor, auf dem Taliban-Kämpfer eine junge Frau wegen einer angeblichen Liebesaffäre auspeitschten. Gleichwohl sind zahlreiche Vertriebene schlecht auf die Armee zu sprechen. Sie haben erlebt, wie Zivilisten bei Luft- und Artillerieangriffen der Truppen umkamen. «Auf einem Kricketplatz in der Nähe schlug eine Mörsergranate ein», sagt Hayat Umar aus Swats wichtigster Stadt Mingora. Mindestens fünf Kinder seien bei der Detonation zerfetzt worden. «Es war furchtbar. Überall war Blut.»

Vielen Flüchtlingen ist es gleich, ob sie unter den Taliban oder unter der Regierung leben, solange nur Frieden herrscht. Einer von ihnen ist Dilawar Khan, der mit seinen gebrechlichen Eltern, seiner Ehefrau und seinen sechs Kindern aus Swats Nachbardistrikt Buner geflohen ist. «Natürlich haben sie (die Taliban) uns ihre eigene Version des Islam gewaltsam aufgezwungen. Sie lehrten uns, dass Musik hören und den Bart rasieren Sünden seien.» Er habe aber immer noch zur Arbeit gehen und seine Kinder ernähren können. «Wir wollen nur ein normales Leben führen, egal unter welchen Umständen», sagt Khan. «Wir wollen zurück nach Hause, und das sobald wie möglich.»

Weiterführende Links:

Krieg in Pakistans Swat-Tal: Die Hölle im Himmel auf Erden
Taliban-Forderung erfüllt: Pakistans Präsident führt Scharia ein

jan/hav/news.de/dpa

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