Aufmarsch der Gotteskrieger
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In Afghanistan haben die Aufständischen ihren Einfluss bis kurz vor Kabul ausgedehnt. In Pakistan rücken sie immer näher an Islamabad heran. Die einst von den USA beinahe totgesagten Taliban sind in beiden Ländern auf dem Vormarsch.
Die Lage ist so bedrohlich, dass US-Präsident Barack Obama seine Kollegen aus Afghanistan und Pakistan, Hamid Karsai und Asif Ali Zardari, für Mittwoch zum Krisengipfel nach Washington eingeladen hat. «Die Gefahr des Scheiterns ist real», heißt es in der neuen US-Strategie zu den beiden Ländern, «und die Folgen sind ernst.»
Zwar eskaliert die Gewalt in Afghanistan unverändert, wo die Taliban alleine am Montag mehr als zwei Dutzend Menschen bei Anschlägen und Angriffen töteten. Doch die Rolle des größten Problemfalls in der Region hat die benachbarte Atommacht Pakistan übernommen. Während westliche Spitzendiplomaten für Afghanistan bei einem verstärkten militärischen und vor allem zivilen Engagement noch Hoffnung sehen, herrscht beim Thema Pakistan vor allem Ratlosigkeit.
Kaum jemand traut der Regierung in Islamabad zu, die Krise in den Griff zu bekommen - auch nicht das eigene Volk. Zardaris Umfragewerte sind ähnlich schlecht wie die seines Vorgängers, des unbeliebten Militärmachthabers Pervez Musharraf, kurz vor dessen Rücktritt.
«Ich bin tief besorgt über die Lage in Pakistan, nicht weil ich denke, dass sie sofort überrannt werden und die Taliban Pakistan übernehmen würden», sagte Obama in der vergangenen Woche. «Ich bin mehr darüber besorgt, dass die zivile Regierung dort sehr zerbrechlich ist und nicht in der Lage zu sein scheint, Basisleistungen zu bieten: Schulen, Gesundheitsversorgung, Rechtsstaatlichkeit, ein Justizsystem, das für die Mehrheit der Menschen funktioniert.»
Die staatlichen Defizite bieten in Pakistan - und auch in Afghanistan - den idealen Nährboden für die Taliban. Sympathien gewinnen die militanten Islamisten in Pakistan besonders bei jungen Paschtunen, von denen etliche arbeitslos und sozial benachteiligt sind. Die Aufständischen nehmen sich der Probleme des Volkes an, die die Regierung seit Jahren ignoriert. Deutlich wird das etwa im Distrikt Buner, der nur rund 100 Kilometer nördlich von Islamabad liegt und in dem die Armee in der vergangenen Woche eine Offensive gegen die Taliban begann - kaum ein Zufall dürfte sein, dass Zardaris Washington-Besuch mit der Militäroperation zusammenfällt.
So verjagten die Taliban in Buner einen verhassten Feudalherren namens Motabar Khan. «Er benahm sich Jahre lang wie ein Pharao», sagte ein Einheimischer, der anonym bleiben wollte. «Im vergangenen Jahr zogen Motabar Khans Männer einen Metzger aus und jagten ihn nackt auf die Straße.» Sein Vergehen: Er hatte Khans Diener gebeten, das Fleisch zu bezahlen, das sie für den Großgrundbesitzer besorgten. Nach ihrem Einmarsch übernahmen die Taliban Motabar Khans Bauernhöfe und Marmorfabriken. Die Aufständischen verlangen nun zehn Prozent des Profits - den Rest dürfen die Arbeiter unter sich selber aufteilen.
«Es ist ein Missverständnis, dass wir Pakistan zurück in die Steinzeit führen werden», sagte ein Taliban-Kommandeur namens Ustad Raees kurz vor der Armeeoffensive. «Im Gegenteil, wir sind progressiv. Wir wollen Fortschritt bei Bildung, Wissenschaft und Technologie. Wir haben noch nicht einmal etwas gegen Frauenbildung, wir sind nur gegen gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter, weil der Islam das nicht erlaubt.»
Minister Sardar Babak aus der Nordwest-Grenzprovinz, in der Buner liegt, glaubt davon kein Wort. «Jeder weiß, dass sie nur brutale Mörder sind», sagt er. «Das Taliban-Gerede über Fortschritt dient nur dazu, ihre wahren Absichten zu verschleiern.»
Dabei machen die Taliban aus ihren Absichten gar keinen Hehl. Kommandeur Raees sagt, die Aufständischen würden ihren Dschihad, ihren Heiligen Krieg, fortsetzen, bis der Islam in der letzten Ecke Pakistans durchgesetzt worden sei. «Wir werden bis zum letzten Atemzug kämpfen.»
An ihrer Interpretation des Islam ließen die Taliban nach ihrem Einmarsch in Buner keinen Zweifel: Ganz im Stil des Ende 2001 gestürzten Taliban-Regimes in Afghanistan verbannten die Aufständischen Frauen aus der Öffentlichkeit. Sie untersagten Barbieren, Männer zu rasieren. Musikläden mussten schließen. Und die angeblich so progressiven Taliban scheuten nicht davor zurück, selbst die Nutzung von Liedern als Handy-Klingeltöne zu verbieten.
san/che/news.de/dpa