NS-Kriegsverbrechen Anklage gegen Demjanjuk erhoben

Ist nun als Kriegsverbrecher angeklagt: John Demjanjuk. (Foto)
Ist nun als Kriegsverbrecher angeklagt: John Demjanjuk. Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft München hat John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen angeklagt. Sie wirft dem 89-Jährigen vor, als Wachmann 1943 im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Tausende von Juden in die Gaskammern getrieben zu haben.

Der inzwischen 89-Jährige sei 1943 als KZ-Aufseher im Vernichtungslager Sobibor direkt am Massenmord beteiligt gewesen, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler. Der Prozess vor dem Schwurgericht München werde «eher nicht vor Herbst beginnen», sagte Gerichtssprecherin Margarete Nötzel.

Demjanjuk bestreitet die Vorwürfe und behauptet, er sei als sowjetischer Soldat nur in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen. Der 86 Seiten dicken Anklageschrift zufolge soll er aber als Kriegsgefangener in Trawniki zum SS-Helfer ausgebildet worden und 1943 in das berüchtigte Vernichtungslager Sobibor abkommandiert worden sein.

Das belegten sowohl Demjanjuks Dienstausweis als auch die Verlegungslisten von Trawniki nach Sobibor und von Sobibor ins KZ Flossenbürg. In dem Prozess sollen auch ein Sobibor-Überlebender und ein ehemaliger Kamerad Demjanjuks aus Flossenbürg als Zeugen aussagen.

Demjanjuk war im Mai aus den USA abgeschoben worden, wohin er nach dem Krieg ausgewandert war. Im Haftbefehl war Demjanjuk noch Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden angelastet worden. Aber viele der aus den Niederlanden und anderen Staaten nach Sobibor transportierten Menschen seien schon in den Waggons gestorben, «viele haben die Reise nicht überlebt», erklärte Winkler.

Deshalb ist in der Anklage von 27.900 Fällen die Rede. Im Unterschied zu dem meisten anderen Lagern der Nazis war Sobibor ein reines Vernichtungslager - alle ankommenden Männer, Frauen und Kinder wurden direkt in die Gaskammern geführt.

Demjanujks Anwalt Günther Maull sagte, er werde sich erst äußern, wenn das Landgericht ihm die Anklage zugestellt habe. Gerichtssprecherin Nötzel sagte, das Schwurgericht werde den Verteidigern eine mehrwöchige Frist zur Erwiderung setzen und dann über die Zulassung der Anklage und einen Verhandlungstermin entscheiden.

Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem begrüßte die Anklage als wichtigen Fortschritt. «Wir hoffen, dass der Prozess beschleunigt wird, damit Gerechtigkeit geschaffen und er angemessen bestraft werden kann», sagte Zuroff. Das Bemühen, Demjanjuk vor Gericht zu bringen, sei ein deutliches Signal, dass die Schuld nicht mit der Zeit vergehe.

Weiterführende Informationen:

John Demjanjuk: Verfassungsbeschwerde gescheitert
Gutachten: Demjanjuk kann vor Gericht
Abschiebung von John Demjanjuk: «Es gibt keine Amnestie für Greise»

jan/ruk/news.de/dpa/ap

Leserkommentare (11) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 11
  • 22.07.2009 18:34

Das Schlimme ist das dieser Mann 64 Jahre in Freiheit geniessen konnte und jetzt erst zur Rechenschaft gezogen wird. Die Gerichte damals hätten gründlicher und härter arbeiten sollen.

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  • Kommentar 10
  • 14.07.2009 12:32

Was ich nicht verstehe ist, daß der "Massenmörder" Demjanjuk von den Israelis freigelassen und wieder in die USA ausreisen darf wird nachdem schwere Bedenken wegen der Echtheit der belastenden Papiere aufgetaucht waren und das gewiß diesbezüglich nicht zimperliche israelische Höchstgericht nicht bereit war die Aburteilung gutzuheißen. Die Verurteilung wurde nun an die willfährige BRD-Justiz delegiert begleitet von den Haßgesängen der "gemeinnützigen" Vereine a la Simon-Wiesenthal-Zentrum.

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  • Kommentar 9
  • 14.07.2009 09:00

Sehr geehrte Frau Kollmannsberger, was ist denn mit Ihnen passiert? Bisher kannte und schätze ich Sie als recht sachliche Kommentatorin. In Ihren Beiträgen zu diesem Thema vergreifen Sie sich nicht nur im Ton, sondern nähren damit auch den Verdacht, Sie könnten auch zum Heer der professionellen Schreiberlinge der israelischen Regierung gehören (dieses Szenario ist vor kurzem hier deutlich beschrieben worden). Oder ging da einfach der Umerziehungsreflex der Nachkriegsgeneration mit Ihnen durch? Ich würde mich freuen, wieder in gewohnter Qualität von Ihnen zu lesen. Alles Gute!

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